Alfred Brendel an der Universität Zürich

Eine Sternstunde der Musik

Alfred Brendel, Pianist und Essayist, hielt an der UZH einen Vortrag über die Sonaten Beethovens. Brendel, der im Dezember 2008 mit den Wiener Philharmonikern sein letztes öffentliches Konzert gab, bot dem Publikum in Zürich in Ergänzung zum Vortrag nochmals Kostproben seines meisterhaften Könnens.  

Maximilian Jaeger

«Die Aula der Universität Zürich ist ein bedeutender Ort der Wissenschaft, der Zeitgeschichte – und, was zu selten bedacht wird, der Musikgeschichte. Hier hielt Thomas Mann seinen zweiten, berühmten Vortrag über Wagners ‹Ring›, hier hielt Paul Hindemith seine Antrittsvorlesung – und noch vor wenigen Jahren war die Opernsängerin Elisabeth Schwarzkopf hier zu Gast. Heute nun ist wieder ein musikalisch so bedeutsames Datum, denn ich freue mich, Alfred Brendel hier in Zürich begrüssen zu dürfen.» Mit diesen Worten empfing am vergangenen Donnerstagabend  Professor Laurenz Lütteken vom Musikwissenschaftlichen Seminar der UZH in der Aula einen der grössten lebenden Pianisten.

Hunderte von Besucherinnen und Besuchern waren zu Brendels Vortrag «Charakter in der Musik, dargestellt an Beethovens Sonaten» gekommen. In der Aula war für diesen Anlass eigens ein Steinway-Flügel 211 (B-Serie) aufgestellt worden. Brendel, der sein Verhältnis zum Instrument als liebend bezeichnet, ist sehr anspruchsvoll: Der Flügel müsse ganz gleichmässig intoniert sein, so dass nie eine Lage oder einzelne Töne hervorragen und dass die dynamischen Möglichkeiten überall dieselben sind, vom Pianissimo zum  Fortissimo. Er spiele nur noch auf Flügeln, die er gut kenne und die gut eingerichtet seien, so Brendel. Im Alter möchte er nur noch eigene Fehler machen und nicht mehr diejenigen des Instrumentes.

Alfred Brendel in der Aula der Universität Zürich. (Bild: Maximilian Jaeger)

Der in diesem Sinn einwandfrei vorbereitete Flügel in der Aula liess berechtigte Hoffnungen aufkommen, dass Brendel, der in Wien im Dezember 2008 mit den Wiener Philharmonikern sein letztes öffentliches Konzert gab, den erwartungsvollen Gästen in Ergänzung zum Vortrag nochmals Kostproben seines meisterhaften Könnens offerieren würde.

Brendel, geboren 1931 im nordmährischen Wiesenberg, wuchs in Zagreb und Graz auf. Er malte, komponierte und schrieb und spielte in Graz  als 17-Jähriger seinen ersten öffentlichen Klavierabend. Obwohl er seit bald vierzig Jahren im selben Haus in Hampstead Heath im Norden Londons lebt, ist er Österreicher durch Nationalität und Pass geblieben.

Mit den Meisterwerken leben

Mit Zurückhaltung, Charme und Bescheidenheit betritt Brendel die Aula und beginnt, am kleinen Pult neben dem Steinway sitzend, mit seiner Lesung. «Es kommt darauf an, dass man die Werke nicht lernt und dann abhakt und sich sagt: Das Problem habe ich gelöst, jetzt kommt das nächste Stück dran. Bei den Meisterwerken geht es darum, mit ihnen zu leben. In Abständen muss man auf sie zurückkommen und eine Kette von Erfahrungen aufbauen. Wirkliche Meisterwerke sind unerschöpflich und ewig sprudelnde Energiequellen für den Spieler. Das ist ja das Wunderbare, dass man mit grosser Musik sein Leben verbringen kann.»

Musikalische Bewusstseinsarbeit

Den Charakter der Musik zu ergründen, hat sich Alfred Brendel zur Lebensaufgabe gemacht. Um den Charakter, die seelische Bestimmtheit der Atmosphäre eines Werkes wenigstes etwas zu lüften, ist nach Ansicht von Brendel die Ausbildung einer gewissen sprachlichen Gewandtheit von Nutzen. Natürlich werde man den Charakter vor allem spüren müssen, vieles, vielleicht vor allem Wesentliches, werde ungesagt bleiben, und doch könne die Sprache die Wahrnehmung stimulieren und das psychologische Gedächtnis stützen.

Das Nebeneinander von Kontrastpaaren vermöge dabei vieles zu klären: Gegensätze wie ruhig-erregt, straff-flexibel, kompakt-durchsichtig, aktiv-passiv, wirklich-unwirklich, öffentlich-privat, widerstrebend-nachgebend, fromm-witzig, erhaben-profan würden das Unterscheidungsvermögen schärfen. Es sei das Ziel solcher musikalischer Bewusstseinsarbeit, über Ähnlichkeiten und Analogien hinaus das Besondere und Abweichende jedes Werkes wahrzunehmen.

Brendel formuliert ruhig, präzis und scharf. Er nimmt jedes Wort ernst. Dann dreht er sich um 45 Grad zum Flügel und spielt mit verpflasterten Daumen, Zeige- und Mittelfingern, er summt und singt leise, zitternd, zuckend, erregt, mit weit in die Ferne schweifenden Augen, oft beinahe gequält, freudig, abwesend, stets präsent und gegenwärtig, verklärt, jubilierend. Ich fühle mich oft beinahe zu nah dem Künstler, zu intim mein Blick.

Stille und andächtige Zuhörer

Als musikalischer Laie kann ich die Interpretationen des Pianisten nicht beurteilen. Diese Momente, wenn Brendel Auszüge aus den 32 Sonaten Beethovens anspielt, dann sich wieder seinen Analysen  zuwendet, werden aber unvergesslich bleiben. In der Aula ist es still wie in der Nacht, man würde das Fallen einer Nadel hören.

In einem Interview gefragt, was er sich wünschte, wenn er am Ende seiner Karriere einen Wunsch frei hätte, der sofort und für alle Zeiten in Erfüllung ginge, antwortet er, dass niemand mehr in einem Konzert hustet. In Chicago habe er ein Konzert unterbrochen, als er ein ganz leises Stück spielte: «Ladies and gentlemen, I can hear you, but you can’t hear me.» Dann war es still.

In der Aula scheint das Publikum den Atem anzuhalten, staunend, fasziniert und ahnend, privilegierter Ohren- und Augenzeuge eines einmaligen Klavierabends zu sein. Ich werde inskünftig Beethoven und Brendel anders hören als bisher … Danach Jubel, unzählige Male verlässt Brendel die Aula und erscheint wieder vor dem imaginären Vorhang, schüchtern, lächelnd, jetzt mit Schalk in den Augen, beinahe zerbrechlich wirkt er jetzt, mit grösstem Respekt  applaudiert das Publikum dem herausragenden Pianisten, der am 5. Januar 2011 seinen 80. Geburtstag feiert.

Maximilian Jaeger ist Delegierter des Rektors an der Universität Zürich.

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