Geister und Dämonen

Eine Reise durch die gespenstische Kinowelt Hongkongs

«Geister und Gespenster: Zugänge zu Anderswelten» ist der Titel einer Vorlesungsreihe des Ostasiatischen Seminars. Die Referenten erzählen von Schamanen, von Suppen- und Toilettengeistern oder Höllenrichtern. Gestern abend sprach die Zürcher Sinologin Andrea Riemenschnitter über den Geisterboom im Hongkong-Kino.

Sascha Renner

An der Universität Zürich gibt es gewiss manch klugen Geist. Aber eigentliche Geister – ein Lichthofgespenst oder ein nächtens dozierender Dämon – gibt es nicht. Anders an der University of Hongkong. Dort treiben angeblich gleich mehrere Campus-Geister ihr Unwesen, auch wenn viele davon nur in Romanen.

«Ching Se / Die grüne Schlange» (1993), Standbild aus dem Originaltrailer: Reiches erzählerisches Erbe des Monströsen. (Bild: youtube.com)

Im verhexten West-Flügel der Hongkong-University verführt eine Femme fatale einsame Männerherzen, und ein trinksüchtiger Engländer prostet den Kollegen auch nach seinem Tod noch fröhlich zu. Oder eine längst verstorbene Frau fährt im Rollstuhl durch den Trakt und ist nicht einmal durch bauliche Feng-Shui-Massnahmen zu bremsen. Und am United College schickt der Geist eines verstorbenen Mädchens seinem Liebsten jede Nacht Suppe aufs Zimmer.

Die Eigenheiten von Hongkongs Geisterwelt, wie sie in Literatur und Film seit den Siebzigerjahren boomen, haben auch das Interesse der Sinologin Andrea Riemenschnitter, Leiterin des Ostasiatischen Seminars der Universität Zürich, geweckt.

Sie hausen in Bibliotheken und Museen

Die vielfältige universitäre Geisterpopulation ist nur einer von vielen Belegen für die Affinität der Hongkonger – auch der gebildeten Einwohner – zu Anderswelten. In ihrem Vortrag über «Geister als Signatur des Hongkong-Kinos» kam Riemenschnitter auf weitere Aufenthaltsorte von Dämonen zu sprechen.

Sie hausen mit Vorliebe in Datenfriedhöfen wie Bibliotheken und Museen, aber auch in klaustrophobischen Räumen wie Tunnels und Liften. Privilegierte Orte für Heimsuchungen sind ebenso Badezimmer und WC. Gerade Toilettengeister seien ein Hongkong-Spezifikum.

«Encounters of the Spooky Kind» (1981), Standbild aus dem Originaltrailer: Zeitgeschichtliche Aktualisierungen von verdrängten Ereignissen. (Bild: youtube.com)

Die Geister lassen sich nach den schicksalshaften Ereignissen kategorisieren, die ihnen widerfuhren: Sie waren Opfer von Verbrechen oder Kriegen, waren in Gram verstorbene Angehörige, Verunfallte, die von Hochhäusern stürzten oder im Strassenverkehr ums Leben kamen. Sie waren Selbstmörder oder Inkarnationen unbelebter, jedoch auratischer Objekte wie Kunstwerke oder besondere Steine.

Einige dieser Geister sind ebenso in westlichen wie östlichen Vorstellungswelten verbreitet. Viele aber sind endemisch: Sie tauchen nur in der ehemaligen britischen Kronkolonie auf.

Eine Reise durch verdrängte Geschichten

Riemenschnitter sieht den Grund dafür in der Transitgeschichte der Halbinsel. Die historische Instabilität, die rasch aufeinander folgenden Regimewechsel – britischer, japanischer, oder festlandchinesischer Herkunft – sowie die ethnische Vielfalt dieser Einwanderungsregion seien mit ausschlaggebend für das auffällige Fortleben des Geisterglaubens in Hongkong. Den Grundstock dafür bilde jedoch das reiche, erzählerische Erbe des Monströsen, wie es im Geisterkarneval der chinesischen Oper oder in der Volksliteratur aufscheine.

Das Medium Film eignet sich laut Riemenschnitter dank seiner trickreichen und zugleich realistischen Inszenierungsmöglichkeiten besonders gut zur Darstellung imaginärer Schwellenräume.

Beim boomenden Genre des Geisterfilms handelt es sich nicht nur um effekthascherische, kulturell wertlose B-Movies. Riemenschnitter erkennt darin vielmehr zeitgeschichtliche Aktualisierungen von verdrängten Ereignissen oder Erinnerungen, die Vergeltung fordern und im Medium des Geisterfilms verhandelt werden. Es geht um unerledigte Geschichten wie kriegerische Ereignisse oder gesellschaftliche Tabus wie uneheliche Kinder.

Kein Wunder sieht Andrea Riemenschnitter Ihre Beschäftigung mit dem Geisterkino als Reise durch den postmodernen Dschungel verdrängter Geschichten.

Andrea Riemenschnitters Referat fand im Rahmen der Ringvorlesung «Geister und Gespenster: Zugänge zu Anderswelten» des Ostasiatischen Seminars der Universität Zürich statt. Weitere Termine: Am Donnerstag, 27. Mai referiert die amerikanische Professorin Rania Huntington (University of Illinois) über «Spectres, Gods, and the Age of Chaos: 1644–1864». Am 3. Juni spricht Professor Andreas Regelsberger (Universität Trier) über «Geister im japanischen Film». Jeweils Donnerstag, 18.15–19.45 Uhr, Ostasiatisches Seminar, Zürichbergstrasse 4, Raum 416 .

Sascha Renner ist Redaktor des unijournals.

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