Right Livelihood Award 2010

«Die grösste Armut ist, wenn man nicht mehr sein darf»

Erwin Kräutler ist der diesjährige Preisträger des Right Livelihood Award, des Alternativen Nobelpreises. In der Aula der Universität Zürich erntete der österreichische Bischof viel Bewunderung für seinen Einsatz für die Indios im brasilianischen Amazonasgebiet. Der «Bischof des Regenwalds» sprach über die Bibel, den Fortschritt und über das Recht auf eine Heimat. 

Claudio Zemp

Als Bernd Roeck, Dekan der philosophischen Fakultät, Erwin Kräutler begrüsste und zu seinem Preis beglückwünschte, sagte er scherzhaft, vielleicht erhalte der Preisträger ja auch Glückwünsche aus Rom. Auszuschliessen ist dies zwar nicht ganz, doch wohl eher unwahrscheinlich, denn der Befreiungstheologe hat andere Prioritäten als der Papst.

Staudamm bedroht Indios

Der aus Vorarlberg stammende «Bischof des Regenwalds» setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte indigener Völker in Brasilien ein. Kräutlers Bistum ist das riesige Gebiet des Xingu, eines Nebenflusses des Amazonas. Dort plant die brasilianische Regierung ein Wasserkraftwerk, dessen Stausee Hunderte von Quadratkilometern Regenwald zum Opfer fallen würden. «Das Staudammprojekt ist eine Katastrophe für den Xingu», sagte Kräutler zu Beginn seines Vortrags. Das geplante, drittgrösste Wasserkraftwerk der Welt entziehe der indigenen Bevölkerung die Lebensgrundlage.

30'000 Menschen, ein Drittel der Einwohner der Stadt Altamira, müssten durch den Staudamm umgesiedelt werden. Bereits jetzt ist die Lage der Indios in der Region prekär. «Wir können uns gar nicht vorstellen, wie miserabel die Menschen behandelt werden», sagte Kräutler. Durch die Abholzung des Regenwalds, etwa für Soja- oder Zuckerrohrplantagen, werden die traditionellen Völker an den Rand ihrer Existenz gedrängt. «Ihnen wird die Identität abgesprochen, nur weil sie nicht produzieren», sagte Kräutler. In einem Film wurden Protestaktionen der Indios gezeigt, welche sich gegen das Energieprojekt wehren.

Der Xingu River im Amazonas-Gebiet. (Bild: Matanya, wikimedia)

Barmherzig mit der Natur

Im Gespräch mit Hans-Peter Manz, Botschafter der Republik Österreich in Bern, äusserte sich der Bischof zu seiner Mission. Der Befreiungstheologe beruft sich auf den Auftrag des zweiten Vatikanischen Konzils, die Liebe Gottes allen Menschen zu verkünden. «Die Bibel ist für mich die Grundlage, aber sie ist kein Werk, das man anderen aufdrängt.»

Kräutler erzählte, wie seine Gemeinde das Gleichnis des barmherzigen Samariters dramatisiert hatte. Die Indios spielten im Theater nicht nur einen Mann, eine Frau und ein Kind, welche «auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho unter die Räuber gefallen» waren. Nein, sie schlossen auch einen Baum und einen Strauch ein, denen sich der barmherzige Samariter annahm.

«Die Menschen wissen, dass der Schutz der Natur dazugehört», sagte der Bischof. Den bedrängten Völkern im Amazonas fehle es nicht an Fortschritt, Entwicklung oder Kultur. Sondern ihnen würde schlicht das Recht auf eine Heimat verwehrt: «Die grösste Armut ist, wenn man nicht mehr sein darf.» Wahrer Fortschritt sei, dass man diese Leute und ihre «Mitwelt» respektiere.

Preisträger Erwin Kräutler: Der «Bischof des Regenwalds» setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte indigener Völker in Brasilien ein.

Der Award und seine wundersamen Wirkungen

Gegründet wurde die Right Livelihood Award Stiftung vom Schriftsteller Jakob von Uexküll in Stockholm. Dessen Neffe Ole von Uexküll ist heute Direktor der Stiftung, die auch über eine Tochterorganisation in der Schweiz verfügt.

Ole von Uexküll wies in seiner diesjährigen Begrüssungsrede in der Aula der Universität Zürich auf die besondere Wirkung des Preises für das Engagement für eine bessere Welt.

Die Ärztin Monika Hauser, die Preisträgerin von 2008, habe den Preis als Türöffner gelobt. Die Spendeneinnahmen für ihre Organisation «medica mondiale» hätten sich nach der Auszeichnung verdoppelt und ihr Anliegen, den Opfern von Vergewaltigung im Krieg zu helfen, sei seither vermehrt ein Medienthema.

Der letztjährige Preisträger und Referent der «Right Livelihood Lecture», der Biologe René Ngongo, kämpfe in der Demokratischen Republik Kongo gegen die Zerstörung des Regenwaldes. Vor dem Preis sei Ngonos Organisation durch staatliche Instanzen schikaniert worden, erzählte Uexküll, nach der Auszeichnung sei der Biologe mit einem Staatsempfang begrüsst worden. Zudem seien dank der öffentlichen Aufmerksamkeit dreissig Umweltaktivisten aus dem Gefängnis entlassen worden.

Der Alternative Nobelpreis

Der «Right Livelihood Award», der Alternative Nobelpreis, wird seit 1980 für besondere Verdienste um die dringlichsten Probleme der Welt wie Menschenrechte, Umwelt, Kultur, Frieden oder Armutsbekämpfung vergeben. Im Gegensatz zum «normalen» Nobelpreis kennt er keine Kategorien. Die jährliche Preissumme von rund 200'000 Euro wird meist unter mehreren Preisträgern aufgeteilt. 2010 wurden neben Erwin Kräutler eine Umweltschutzorganisation in Nigeria, eine Ärztegruppe für Menschenrechte in Israel sowie eine Organisation zur Selbsthilfe in Nepal ausgezeichnet. Seit 2008 organisieren die Alumni des MAS in Applied History in der Aula der Universität jeweils eine Begegnung mit einem der frisch erkorenen Preisträger des «Right Livelihood Award».

Claudio Zemp ist Redaktor von UZH News.

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