Materialkunde

Der «deutsche Filz» – Versuch einer Rehabilitation

Filzfunde aus der Steinzeit beweisen: Filz ist ein kulturelle Errungenschaft, die nicht umstandslos den Deutschen zugute gehalten werden kann. Und dennoch hat kein Zweiter den Filz so verehrt wie ein Deutscher, der sehr zu Recht als Urheber «deutschen Filzes» gelten darf. Die Rede ist von Joseph Beuys.

Heiko Hausendorf2 Kommentare

Der Filzhut: temperaturbeständig, schall- und kältehemmend, wärmend und feuchtigkeitsabweisend. (Bild: hut-kaufen.de)

In der Presse grassiert seit kurzem der Ausdruck «deutscher Filz», mit dem ohne Not ein Stoff in Verruf gebracht wird, der unter Experten international hohes Ansehen geniesst: der Filz, zumal in seiner spezifisch deutschen Variante.

«Durch den Ausdruck ‚deutscher Filz’ ist aus unserer Sicht der Tatbestand der Strafnorm noch nicht erfüllt», lässt die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft verlauten, derweil «die Suche nach dem deutschen Filz» noch anhält und sich Universitätsrektor Andreas Fischer «zum eigentlichen Filzvorwurf» verhalten muss (Tages Anzeiger und Neue Zürcher Zeitung vom 9. Januar 2010).

Genügend Anlass also zum Versuch einer Ehrenrettung eines einmaligen Stoffes und seiner Anverwandlung durch Deutsche – wobei hier von Anfang an betont werden soll, dass es auch in der Schweiz ganz hervorragende Filzhersteller und Filzanbieter gibt (die sich bislang allerdings in der Debatte noch nicht zu Wort gemeldet haben).

Gutes Durchwalken vorausgesetzt

Mit Filz ist schon im Althochdeutschen ein Stoff bezeichnet, der nicht gewebt wird, sondern dadurch entsteht, dass sich Fasern (meist tierischen Ursprungs) ineinander verhaken. Ein mechanischer Vorgang, der gutes Durchwalken voraussetzt und chemisch begünstigt werden kann durch geeignete Verbindungen (wie sie etwa in der Schmierseife enthalten sind).

Aufgrund von Filzfunden aus der mittleren Steinzeit müssen wir allerdings zugestehen, dass es sich um eine frühe kulturelle Errungenschaft der Menschheit handelt, die also nicht umstandslos den Deutschen zugute gehalten werden kann.

Heiko Hausendorf, Linguist: «Filz besticht durch Eigenschaften, die in der Welt der Stoffe ihresgleichen suchen». (Bild: Marita Fuchs)

Filz besticht durch Eigenschaften, die in der Welt der Stoffe ihresgleichen suchen: temperaturbeständig, formbeständig, schall- und kältehemmend, wärmend, feuchtigkeitsabweisend. Kein Wunder, dass dieser Stoff überall in der Welt gern gesehen und hoch geschätzt wird (wovon die Fachzeitschrift «der Filzer», «VerFILZt und zugeNÄHT», aber auch das «Filzlexikon» beredtes Zeugnis ablegen). Von Billardspielern («Heute schon frisch gefilzt?») ganz zu schweigen.

Filz und Fett sinnstiftend verankert

Und doch hat vielleicht kein Zweiter den Filz so verehrt und verewigt wie ein Deutscher, der also sehr zu Recht als Urheber «deutschen Filzes» gelten darf. Er hat seine Verbundenheit mit dem Filz schon dadurch zum Ausdruck gebracht, dass er sich stets mit Filzhut hat ablichten lassen und Filz und Fett mythologisch in der eigenen Biographie sinnstiftend verankert hat.

Die Rede ist natürlich von Joseph Beuys, der seinen «deutschen Filz» aus einem Mittelstandsunternehmen in Giengen im Schwabenland bezog. Dort kommt er also her, der «deutsche Filz», nach dem zur Zeit verzweifelt gesucht und um den so viel gestritten wird. Von hier aus hat er seinen Siegeszug in Galerien und Museen rund um die Welt angetreten.

In der Kunsthalle Zürich war er längst, der deutsche Filz. Und nun ist er also hoffentlich auch an der Zürcher Universität angekommen. «Beuys sah Filz anders als wir», werden die Vereinigten Filzfabriken jüngst in einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) zitiert. Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen.

Heiko Hausendorf ist Professor für deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Zürich.

2 Leserkommentare

Josefine Biskup schrieb am Endlich bringt jemand Licht ins Dunkel Vielen Dank für Ihren aufschlussreichen Artikel! Seit Wochen frage ich mich schon, warum sich nicht jemand für die Ehrrettung des Filzes einsetzt! Sie haben ein wichtiges Gegengewicht gesetzt. Vielleicht sollten die Menschen wieder vermehrt zum Filzhut greifen, um derartige Konflikte, wie wir sie dieserzeit erleben, durch bessere Aufklärung und Integration zu vermeiden.
Harald Kraus schrieb am Filz kennt keine Nationalität Der sogenannte 'Filz', auch Nepotismus oder Vetternwirtschaft genannt, war besonders bei den Päpsten in der Renaissance verbreitet; man sieht also, er kommt in den 'besten' Kreisen vor und ist in allen menschlichen Gesellschaftsformen vorhanden. Er hält sich nicht an Landesgrenzen und ist schädlich für die Gemeinschaft, da nicht die geeignetesten Kandidaten für einen Posten ausgewählt werden, sondern diejenigen, die Beziehungen haben etc. Ich bezweifele, dass das Vorhandensein deutscher Professoren und anderer Lehrender an der Universität Zürich ein Zeichen für 'Filz' ist; vielmehr würde mich irritieren, wenn solche Posten nur mit Schweizern besetzt werden würden, so wie sich das die SVP vielleicht vorstellt. Ich selbst habe in Deutschlandstudiert und an der Uni Zürich promoviert und empfand eine grenzüberschreitende Wissenschafts- und Forschungslandschaft im deutschsprachigem Raum immer als Chance für alle beteiligten Länder und eine Bereicherung für den gesamten Kulturraum.

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