Positive Psychologie

Damit Schule stark macht

Der grüne Nationalrat Bastien Girod fordert ein Schulfach «Glück». Marco Weber, Assistent am Psychologischen Institut, findet die Idee interessant. Wichtiger sei aber, dass sich die Schule allgemein und vermehrt an den Stärken der Schüler orientiere und so deren Lebenszufriedenheit erhöhe.

Marco Weber4 Kommentare

Die Schule sollte nicht nur Wissen vermitteln, das Schülerinnen und Schüler konkurrenzfähig macht, sondern auch zu ihrem Wohlbefinden beiträgt.

In den USA und Australien nutzen einzelne Schulen dazu die Erkenntnisse der so genannten «Positiven Psychologie». Sie thematisieren in bestehenden Fächern, wie Schülerinnen und Schüler ihr «Wohlbefinden» fördern können. Eine Schule in Heidelberg (Deutschland) erkor «Glück» gar zu einem eigenen Schulfach.

Gern zur Schule gehen: Eine stärkenorientierte Schule fördert die Lebenszufriedenheit. (Bild: Pixelio.de/Dieter Schütz)

Kein Wunder also, dass es auch in der Schweiz Stimmen gibt, die in eine ähnliche Richtung gehen. Prominenter Promoter eines neuen Schulfachs «Glück» ist zum Beispiel der grüne Nationalrat Bastien Girod. Doch was lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht dazu sagen?

Am Psychologischen Institut der Universität Zürich laufen im Rahmen meiner voraussichtlich 2011 abgeschlossenen Dissertation mehrere Forschungsprojekte zu «Charakterstärken» und «Orientierungen zum Glück» bei Kindern und Jugendlichen. Erste Ergebnisse zeigen klar, dass ein wesentlicher Grund für das Glücklichsein «von innen» kommt.

Genuss, Engagement und Sinn

Wir unterscheiden in der «Positiven Psychologie drei Orientierungen zum Glück:

  • Wer nach dem Pleasant Life beziehungsweise hedonistisch lebt, frönt den Genüssen des Lebens und erlebt so positive Emotionen.
  • Personen, die nach dem Engaged Life leben, wollen das eigene Potenzial verwirklichen. Sie kennen ihre Charakterstärken und setzen diese im Leben ein.
  • Wer nach dem Meaningful Life lebt, sucht nach Sinn und findet ihn darin, Tugenden und Stärken anderen oder einer höheren Sache zur Verfügung zu stellen.

In einer Studie mit Jugendlichen hat sich gezeigt, dass alle drei Orientierungen die Lebenszufriedenheit erhöhen. Am deutlichsten das Engaged Life, gefolgt vom Meaningful Life und vom Pleasant Life.

Die eigenen Stärken erkunden

Die Forschung zeigt also, dass Charakterstärken zu Lebenszufriedenheit und Glücklichsein beitragen. Primäres Ziel sollte es daher sein, Stärken zu fördern, indem man sie nutzt – im Leben allgemein wie auch im Schulalltag.

Wer seine Stärken bewusst einsetzt, steigert damit zusätzlich die Lebenszufriedenheit. Wenn ich zum Beispiel weiss, dass es eine Stärke von mir ist, Dankbarkeit zu empfinden, kann ich damit neue Wege gehen und diese Dankbarkeit Menschen gegenüber aussprechen, statt sie nur für mich zu empfinden.

Wenn Lehrpersonen ihre eigenen und die Stärken ihrer Schüler kennen, können sie im Unterricht leichter darauf eingehen. Kenntnisse über die eigenen Stärken helfen zudem, im Schulalltag oder bei der Berufs- und Studienwahl Entscheide zu treffen.

Wie aber kann man seine Stärken erkennen? Ein Hilfsmittel ist der Charakterstärken-Fragebogen. Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler können auf ihr Lebensalter zugeschnittene Versionen ausfüllen. Im Unterricht kann danach diskutiert werden, welche Stärken am deutlichsten ausgeprägt sind und wie sie vertieft und genutzt werden können.

Eine derart «stärkenorientierte Schule», über alle Fächer und Lehrkräfte hinweg, scheint mir wichtiger zu sein als ein isoliertes Schulfach «Glück».

Macht Pfadi stark?

Nicht nur die Schule, auch ausserschulische Erfahrungen können Charakterstärken und die Lebenszufriedenheit fördern. Eine Studie am Psychologischen Institut der UZH verglich Kinder und Jugendliche, die Mitglied in einem der Jugendverbände (Pfadfinder, Jungwacht/Blauring oder CVJM) sind mit Nichtmitgliedern. Es zeigte sich, dass die Mitglieder in Stärken wie Hoffnung und Enthusiasmus, aber auch bei der Lebenszufriedenheit höhere Werte aufweisen. Die Frage von Ursache und Wirkung bei diesen Variablen muss aber noch geklärt werden.

An der Forschung teilnehmen Der Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik (Kontakt) sucht weitere Schulen und Jugendgruppen, die an künftigen Forschungsprojekten teilnehmen möchten. Einzelpersonen sind zudem eingeladen, kostenlos den Charakterstärken-Fragebogenauszufüllen. Die Teilnehmenden erhalten eine persönliche Rückmeldung und tragen gleichzeitig zur Forschung bei.

Marco Weber ist Assistent am Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik von Professor Willibald Ruch.

4 Leserkommentare

Michael Wilke schrieb am Interessant, aber kein Bauplan fürs Leben Den Vorrednern kann ich mich überhaupt nicht anschliessen. Wesentliche Aspekte des Artikels sind überlesen worden: Das Fachgebiet beschäftigt sich u.a.mit Zusammenhängen und Wirkungsweisen von Stärken und Schwächen. Die Persönlichkeitsförderung "von innen heraus" durch Förderung des Selbstbewusstseins und des Selbstbildes ist so neu ja nicht. Die dafür erforderliche Bezeichnung "Glückskunde" o.ä. ist mir zu eng gegriffen. Häufig sind es - auch für Kinder - die unglücklichen Momente und ihre erfahrungsbasierten Ableitungen daraus, die lebenslanges Lernen, Umsicht, Umgang mit sich selbst und persönliche Stärken fördern. Sicher ist es interessant, die Nachhaltigkeit von "unglücklichen" und "glücklichen" Parametern und Erfahrungen für die Resilienz und überhaupt ein bewusst gestaltetes Leben zu erheben. Mangels Langzeitprobanden wird sich wissenschaftlich aber nicht erfassen lassen, auf welche Eckpunkte ein zukünftiger schulischer Lehrplan oder Bauplan fürs Leben achten muss.
Barbara Gerlach-Huebscher schrieb am Kinder an die Macht Ich kam heute per Zufall auf diese Seite - vielleicht gibt es für dieses Dilemma eine Lösung: die Rechte der Kinder über die ihrer Eltern stellen. Nicht nur die Schüler sollten Zeugnisse bekommen, sondern auch die Eltern, damit würde man die Verantwortung wieder an die heran tragen, die für das Glück ihrer Zöglinge ursprünglich verantwortlich sind: die Eltern, denn es sind die Kinder, die ausbaden müssen, was diese verpassen. Die Lehrkräfte können in ein paar Stunden nicht aufholen, was in dem Rest der Zeit "versaut" wird.
Walter Roos schrieb am Chancengleichheit in weiter Ferne entscheidend ist am schluss i. d. R in welches nest man hineingeboren wurde. und da ist herr girod vermutlich privilegiert. es wäre schon viel erreicht, wenn die sozial schwachen schichten die gleichen bildungschancen bekämen, und es wäre an der zeit, dass die politiker das umsetzen würden, was ansteht: "chancengleichheit". Man muss das rad nicht jedesmal neu erfinden, man muss nur umsetzen, damit alle die wollen und fähig sind, studieren dürfen. aber halt! was wenn zuviele studieren wollen, wenn alle an girod's glückidee partizipieren. wer putzt dann an den unis/eth usw. die toiletten. wer macht den dreck? das motto gilt für alle: es wird wieder in die hände gespuckt ... mit andern worten, verteilt die drecksarbeit auf alle hände. aber dazu sind sich die politiker (nicht alle) i. d. R zu schade.
Richard Dähler schrieb am Kinderglück recht hat Herr Girod, die Schule soll das richten, was die Eltern versäumen, aus was für Gründen auch immer. Anspruchshaltung an allen Ecken und Enden.

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