Sensationelle Hominiden-Funde

«Daddy, I’ve found a bone!»

Forscher der Universität Zürich und ihre Kollegen von der University of the Witwatersrand haben eine neue Hominiden-Art in Südafrika entdeckt: Australopithecus sediba ist 1,9 Millionen Jahre alt und zeigt Merkmale sowohl der Gattung Australopithecus als auch der Gattung Homo. Der Fund wird die Diskussion um den Stammbaum des Menschen erneut anregen. 

Marita Fuchs

«Wir werden den Übergang vom Australopithecus zum Homo überdenken müssen»: Anthropologe Peter Schmid zur Bedeutung des sensationellen Fundes.

Malapa liegt im südafrikanischen Buschland. Seit zwölf Jahren betreibt der Anthropologe Peter Schmid dort die «Swiss Fieldschool» des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich. Zusammen mit seinen Studierenden sucht er nach prähistorischen Skeletten in einer Gegend, die als Wiege der Menschheit gilt.

Am 15. August 2008 machte der Paläoanthropologe Lee Berger von der University of the Witwatersrand, Johannesburg, eine sensationelle Entdeckung: Als er mit seinem neunjährigen Sohn Matthew Höhlen kartiert, klettert der Bub hinter einen Zaun und hält plötzlich ein Knochenstück hoch: «Daddy, I’ ve found a bone!» Wie sich herausstellte, hielt der Junge ein Schlüsselbein in der Hand.

«Ein aussergewöhnlicher Glücksfall»

Inzwischen hat das Zürcher Team an dieser Grabstätte mehr als 180 Überreste von mindestens vier Individuen eines bisher unbekannten Vorfahren des Menschen gefunden. Der Name der neuen Art: Australopithecus sediba.

«Sediba» bedeutet in südafrikanischer seSotho-Sprache «Quelle», «Brunnen», «Ursprung». Zwei sehr gut erhaltene Skelette konnten Schmid und sein Team bisher bergen. Darunter ein erwachsenes und ein jugendliches Individuum, die etwa vierzig bis fünfzig Zentimeter auseinander lagen. «Der Fund ist ein aussergewöhnlicher Glücksfall», sagt Schmid. «Selbst der Paläoanthropologe Donald Johanson, der Entdecker des weiblichen Australopithecus afarensis, genannt Lucy, gratulierte und war hellauf begeistert.»

«Wahrscheinlich fiel Australopithecus sediba – vielleicht auf der Suche nach Wasser – in einen etwa vierzig Meter tiefen Schacht», erläutert Schmid. Auch Knochen von Raubtieren, etwa prähistorischen Säbelzahnkatzen und Löwen, wurden in der Nähe von Sediba geborgen. Vom Aasgeruch angezogen, stürzten sie ebenfalls zu Tode. «Die Tiere und Sediba wurden in dem Schacht mit feuchtem Schlamm eingeschwemmt. Durch den daraus resultierenden Luftabschluss sind sie bis heute sehr gut erhalten», erklärt Schmid.

«Etwas völlig Neues»

Das Alter von Australopithecus sediba bestimmten Schmid und sein Team anhand von mehreren Faktoren: Zum einen lassen die Tierfunde Rückschlüsse auf das Alter zu. Zum anderen liefern die Kalkformationen an der Fundstelle Informationen zum Alter. Das Ergebnis: Australopithecus sediba ist zwischen 1,8 und 1,9 Millionen Jahre alt.

Australopithecus sediba: Stellt eine Zwischenstufe zwischen Australopithecus africanus und Homo erectus dar. (Vergrösserte Grafik, siehe «Phylogeny» unter «Links») (Bild: Peter Schmid)

Entwicklungsgeschichtlich gesehen, ist der Fund deshalb interessant, weil er eine Zwischenstufe zwischen Australopithecus africanus und Homo erectus darstellt. «Er könnte an die Stelle von Homo habilis treten. Der Fund wird Anthropologen aller Welt beschäftigen», meint Schmid, «denn Australopithecus sediba weist viele Merkmale der Gattung Homo auf. Er ist etwas völlig Neues.»

Zwischen Australopithecus und Homo

Sediba hat einen robusten Kiefer und menschenartige Zähne. Der Schädel ist klein. Das Hirnvolumen beträgt 420 Kubikzentimeter und ist damit vergleichbar mit dem des Australopithecus. Allerdings ähnelt die Form des Schädels und des Gesichts eher einem Individuum der Gattung Homo. Das gilt auch für das Becken. «Es ist geformt wie das Becken eines Zweibeiners, die Gelenke sind wie beim menschlichen Becken einander angenähert», sagt Schmid.

Wahrscheinlich hat Sediba auf Bäumen geschlafen, sich aber auf dem Boden auf zwei Beinen fortbewegt. Die Nahrung bestand wohl mehrheitlich aus Früchten. Die Forscher haben sogar Zahnstein gefunden, der jetzt von amerikanischen Wissenschaftlern untersucht wird. Die Analyse kann genaue Rückschlüsse darüber geben, was Sediba ass und welche Nahrung sie oder er bevorzugte. Schmid selbst wird sich jetzt mit der Rekonstruktion des Rumpfes befassen.

«Wir sorgen dafür, dass es genügend Abgüsse gibt, für diejenigen Forscherinnen und Forscher, die sich für die Funde interessieren», sagt Schmid. «Denn alle sollen Zugang zur Herkunftsgeschichte des Menschen haben.»

Peter Schmid und seine Forscherkollegen der University of the Witwatersrand, der Texas A&M University, der Duke University und der James Cook University (Australien) werden morgen in der neuesten Ausgabe von «Science» ihre Entdeckung veröffentlichen.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

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