Vorläufer der Boulevard-Presse

Ballonflieger und Revolutionäre

Volkskalender hingen im 18. Jahrhundert in vielen Schweizer Stuben. Sie versorgten die Bevölkerung mit Informationen und Anekdoten zu vergangenen Ereignissen und boten eine Art Boulevard-Journalismus «avant la lettre». 

Matthias Engel

Macher und Leser der «Neuen Zürcher Zeitung» sind stolz darauf, dass ihr Blatt bereits 1780 gegründet wurde. Ein breites Publikum erreichte die Zeitung damals kaum. Ganz im Gegenteil zu den im 18. Jahrhundert weit verbreiteten Volkskalendern, die eine grosse Leserschaft mit Informationen versorgte.

Holzstiche bebilderten den populären Volkskalender: im Bild die «Abschilderung grönländischer Einwohner».
Volkskalendermacher betrieben eine Art Boulevard-Journalismus «avant la lettre». Dies zeigte Alfred Messerli, Titularprofessor für Europäische Volksliteratur an der Universität Zürich, kürzlich an einem Vortrag über «Volkskalender als Nachrichtenmedium» in der Aargauer Kantonsbibliothek.

Appenzeller führend

Der auflagenstärkste Schweizer Volkskalender war der «Appenzeller Kalender» aus dem Kanton Appenzell-Ausserrhoden. Der einmal im Jahr erscheinende Kalender wurde weit über die Kantonsgrenzen hinaus verkauft und sollte es im 19. Jahrhundert auf eine Auflage von rund 80 000 Exemplaren schaffen. Der Kalender, der noch heute erscheint, erreichte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Umfang von dreissig bis siebzig Seiten und war mit durchschnittlich sieben Holzstichen besser bebildert als jeder vergleichbare Kalender. Zum Vergleich: Der ebenfalls populäre, in Bern produzierte «Hinkende Bote» kam damals erst auf vier Abbildungen pro Jahresausgabe.

«Der Appenzeller Kalender umfasste ein Kalendarium mit zahlreichen Angaben über den Jahresablauf, Ratgeberseiten, Artikel über Ereignisse der Vorjahre und fiktionale Beiträge», erklärte Alfred Messerli. Eine weitere beliebte Rubrik war der Fortsetzungsroman. «Über Jahre hinweg wurden die Abenteuer von Robinson Crusoe abgedruckt», so der Forscher.

Fester Platz in der Stube

Für viele Familien waren die Volkskalender damals der einzige Lesestoff mit News-Charakter. Zeitungen waren bis in die 1830er-Jahren ein Luxusgut, das für viele Schweizerinnen und Schweizer nur in Lesezirkeln erschwinglich war. Wer eine regelmässige Zeitungslektüre wünschte, löste gemeinsam mit Familien aus der Nachbarschaft ein Abonnement für eine Wochenzeitung. Die Exemplare wurden dementsprechend immer von Haus zu Haus weitergegeben. Der Volkskalender hatte dagegen seinen festen Platz in der Wohnstube.

Meerjungfrau: Mythen und Schwänke gehörten zum Themenkreis des Appenzeller Kalenders.
Viele Schweizerinnen und Schweizer lasen so erstmals im «Appenzeller Kalender» ausführlich über den Ballonflug der Gebrüder Montgolfier anno 1783 oder über den Sturm auf die Bastille 1789 – infolge des frühen, jeweils im Sommer liegenden Redaktionsschlusses erst um die zwei Jahre später. «Der Historiker Urs Bitterli hat errechnet, dass damals wichtige Auslandsnachrichten erst nach vier Jahren in allen Haushalten bekannt waren. Immerhin wusste dann aber auch die ganze Schweiz Bescheid», so Messerli.

Ein Mandoline spielender Affe im Kalendarium.
Was genau erfuhr die Leserschaft des «Appenzeller Kalenders» von den Ereignissen? Der Kalender schilderte die Ereignisse in lesenswerten Reportagen; doch griff die Berichterstattung über den Traum des Fliegens auf die griechische Mythologie zurück. Und beim Sturm auf die Bastille legte man das Schwergewicht auf eine schockierende Boulevardgeschichte über einen nach über zwanzig Jahren befreiten Unschuldigen. Die Geschichte basierte auf falschen Pariser Gerüchten.

Argwöhnische Regierung

Die Kantonsregierungen beargwöhnten in der bis 1798 dauernden Alten Helvetik die Volkskalender zwar, verzichteten aber auf Zensurmassnahmen. Aus gutem Grund: In einer Art Selbstzensur klammerten die Volkskalender in ihrer Berichterstattung regionale und nationale Themen aus. Es gab aber auch Ausnahmen.

Als 1770/71 eine Handelskrise zwischen der Eidgenossenschaft und Süddeutschland dazu führte, dass kein Getreide mehr in die Schweiz importiert wurde, berichtete der «Appenzeller Kalender» darüber, welche verheerenden Folgen dies für die breite Bevölkerung hatte.

Der Abdruck von Totenlisten brachte dem Verleger eine scharfe Rüge der Obrigkeit ein. «Sie warfen ihm vor, geheime Daten veröffentlicht zu haben. Es sei schlecht für das Ansehen eines Landes, wenn öffentlich über Staatskrisen berichtet würde», führte Messerli aus. Dementsprechend war Gesellschaftskritik fast ausschliesslich versteckt in Glossen, in den beliebten so genannten Kalenderschwänken, zu finden.

Matthias Engel ist freier Journalist und Mitarbeiter Klein Report

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