Medizinische Forschung

Auf neuen Wegen gegen Alzheimer

Die Mediziner und Alzheimer-Spezialisten Roger Nitsch und Christoph Hock von der Universität Zürich starten 2011 mit klinischen Tests für einen Wirkstoff gegen Alzheimer. Ihr Spin-Off «Neurimmune» erhielt gestern den mit knapp 100'000 Franken dotierten Innovationspreis der Zürcher Kantonalbank.

Adrian Ritter

Drehen wir die Sichtweise doch einmal um, dachten sich Roger Nitsch und Christoph Hock von der Abteilung für Psychiatrische Forschung der Universität Zürich: «Versuchen wir nicht herauszufinden, was krank macht, sondern was gesund hält.»

Wenn das Gedächtnis versagt: Nicht alle Menschen werden natürlicherweise durch ihr Immunsystem vor Alzheimer geschützt. (Bild: iStockphoto)

So begannen die beiden Mediziner 2005, körperlich und geistig fitte Seniorinnen und Senioren zu untersuchen. Sie hielten im Blut der Probanden nach denjenigen Eigenschaften des Immunsystems Ausschau, die vor einer Alzheimer-Erkrankung schützen.

Die Forschung ist inzwischen soweit fortgeschritten, dass ab 2011 ein Wirkstoff an Alzheimer-Patienten getestet werden kann. Sollte er sich auch beim Menschen als wirksam erweisen, könnte das Medikament etwa 2017 für den Markt zugelassen werden.

Schützendes Immunsystem

Alzheimer wird durch schädliche Ablagerungen und fehlerhafte Faltungen des Proteins Beta-Amyloid verursacht. Bei manchen Menschen produziert das Immunsystem Antikörper, welche diese Ablagerungen erkennen und abbauen können. «Bei wem das Immunsystem dazu in der Lage ist und bei wem nicht, können wir noch nicht abschliessend erklären. Das Immunsystem scheint aber ein schützender Faktor für eine gute Hirnfunktion im Alter zu sein», so Nitsch.

Umso wünschenswerter wäre es, entsprechende Antikörper präventiv von aussen zuführen zu können, wenn das Immunsystem sie nicht selber herstellt. Die Forscher suchten deshalb im Blut der gesunden Senioren nach dem Bauplan derjenigen B-Zellen des Immunsystems, welche die effektivsten und spezifischsten Antikörper gegen die Ablagerungen bilden.

Nachdem der Bauplan der Antikörper bekannt war, konnten diese im Labor gentechnologisch hergestellt werden. Im Tierversuch führten sie zu einer deutlichen Reduktion der Ablagerungen.

«Wir sollten mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben, auch wenn die bisherigen Ergebnisse ermutigend sind», so Hock. Eine klinische Phase sei ein langwieriger Prozess, in welchem Rückschritte auftreten können.

Ausgezeichnet: Das Neurimmune-Team mit (von links) Michael Salzmann (General Manager), Jan Grimm (Chief Scientific Officer) sowie Christoph Hock und Roger Nitsch. (Bild: zVg)

Nebenwirkungen umgehen

Vom Rückschritt in einer früheren Studie haben sich Nitsch und Hock auf jeden Fall nicht entmutigen lassen. Damals waren im Rahmen einer aktiven Immunisierung bei einigen Patienten Hirnhautentzündungen aufgetreten.

In der Folge entschieden sich die beiden Forscher für den Weg der passiven Immunisierung. Diese hat mehrere Vorteile. Sie aktiviert die T-Zellen des Immunsystems nicht, welche damals vermutlich zu den Hirnhautentzündungen geführt hatten. Da die Antikörper zudem von gesunden Menschen abgeleitet sind, rechnen die Forscher mit einem deutlich reduzierten Risiko für Nebenwirkungen.

Für die Zürcher Kantonalbank sind die bisherigen Leistungen von «Neurimmune» Grund genug, dem Start-up den diesjährigen «ZKB-Pionierpreis Technopark» zu verleihen. Er ist mit knapp 100'000 Franken dotiert und wird an besonders innovative und anwendungsfreundliche Projekte an der Schwelle zum Markteintritt vergeben.

Innovativ ist der Ansatz von «Neurimmune», weil er beim gesunden Menschen ansetzt und humane anstelle der üblichen tierischen Antikörper verwendet. Unterstützt wird «Neurimmune» auf dem Weg zum marktreifen Medikament vom US-Biotech-Konzerns «Biogen Idec».

Auf andere Krankheiten ausweiten

Wenn der Wirkstoff die klinischen Tests besteht, sollen damit gemäss Hock in Zukunft vor allem Risikopatienten behandelt werden. Sind die Nervenzellen durch die falsch gefaltenen Proteine nämlich erst einmal geschädigt, wird die Behandlung schwierig.

Entsprechend gilt es, eine frühzeitige Diagnose zu ermöglichen. Daran arbeiten die Forscher gemeinsam mit dem PET-Zentrum (Positronen-Emissions-Tomographie) am Universitätsspital Zürich. Die Idee ist, dass ältere Menschen mit Gedächtnisstörungen sich in Zukunft einer PET-Untersuchung unterziehen und bei Bedarf mit den Antikörpern behandelt werden.

Das von «Neurimmune» entwickelte Prinzip mit humanen Antikörpern lässt sich auch auf andere Krankheiten übertragen, sind Nitsch und Hock überzeugt. In erster Linie denken sie dabei an Krankheiten, die ebenfalls aufgrund falsch gefalteter Proteine entstehen – beispielsweise Parkinson.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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