Klimawandel

«Wir brauchen einen globalen Emissionshandel»

Marc Chesney, Professor für Finance an der Universität Zürich, ist nicht begeistert über das Resultat der Klimakonferenz von Kopenhagen. Er plädiert für die Errichtung regionaler Emissionsmärkte, etwa in Asien.

Adrian Ritter

Marc Chesney: «Die Schweiz sollte ihren CO2-Ausstoss bis 2020 um 20 oder 30 Prozent senken.» (Bild: Adrian Ritter)

UZH News: Wie beurteilen Sie das Resultat der Konferenz in Kopenhagen?

Marc Chesney: Es ist enttäuschend. Die Lage ist zu ernst, um nur eine unverbindliche Vereinbarung zu beschliessen. Ziel des Kyoto-Protokolls war es, die CO2-Emissionen der beteiligten Länder von 1990 bis 2012 um rund fünf Prozent zu verringern. Stattdessen haben sie weltweit bis 2008 um 41 Prozent zugenommen.

Die Vereinbarung von Kopenhagen erwähnt die Emissionen schon gar nicht mehr, sondern nur noch, dass sich die Erde bis Ende des Jahrhunderts um maximal zwei Grad erwärmen darf. Es werden aber keine konkreten Mechanismen zur Erreichung diese Zieles definiert. Eine solche Vereinbarung ist absolut ungenügend. Das können wir uns nachfolgenden Generationen gegenüber nicht leisten.

Was wäre nötig gewesen in Kopenhagen?

Das Kyoto-Protokoll hatte zumindest Zielvorgaben betreffend des CO2-Ausstosses gemacht, aber auch keine verbindlichen Mechanismen formuliert. Die Europäische Union hat in der Folge den bisher grössten Markt für CO2-Emissionen geschaffen, um das Reduktionsziel des Kyoto-Protokolls zu erreichen.

Es wäre nötig gewesen, in Kopenhagen einen solchen Markt auf globaler Ebene zu beschliessen. Damit endlich finanzielle Anreize vorhanden sind, die Umwelt zu schonen. Das hätte mit verbindlichen Vorgaben für den CO2-Ausstoss jedes einzelnen Landes verbunden sein müssen.

Warum hat es die Staatengemeinschaft nicht geschafft, ein griffiges Abkommen zu beschliessen?

Entscheide mussten in Kopenhagen einstimmig gefällt werden. Jedes der 192 Länder hatte somit ein implizites Vetorecht. Gerade im Klimaschutz besteht aber immer noch die Tendenz des «Trittbrettfahrens», weil die Anreize falsch gesetzt sind. Wenn ein Land seine Emissionen reduziert, profitieren auch andere Länder, unabhängig davon, ob sie dafür einen eigenen Beitrag geleistet haben. Vor allem China und Indien gehörten in Kopenhagen zu den Bremsern und es ist ein Abbild der neuen Weltordnung, dass China neben den USA eine der zwei Weltmächte des 21. Jahrhunderts darstellt.

Welchen Ausweg gibt es aus dieser Sackgasse?

Wenn schon nicht alle Länder gleich viel Klimaschutz betreiben wollen, sollten wenigstens diejenigen Länder, die sich für verbindliche Massnahmen verpflichtet hätten, nicht gebremst werden.

Mir schwebt ein Modell mit verschiedenen Kreisen und Geschwindigkeiten des Klimaschutzes vor. So war es zum Beispiel bei der Einführung des Euro auch möglich, dass Grossbritannien nicht mitmacht, ohne dass deswegen der Euro nicht eingeführt werden konnte. Eine ähnliche Lösung könnte man sich auch im Klimaschutz vorstellen, um eine dynamische Entwicklung zu fördern.

Emissionen verringern: «Man könnte sich vorstellen, dass Hongkong oder Shanghai, die über mehr marktwirtschaftliche Erfahrung verfügen, gute Beispiele für einen lokalen Emissionshandel wären», so Marc Chesney. (Bild: Stockxpert)

Wie würde das konkret aussehen?

Neben dem bestehenden CO2-Emissionsmarkt in Europa sollten baldmöglichst neue, regionale Märkte entstehen, etwa für Indien und China, die USA oder Australien. Vielleicht könnten Europa und die USA später einen gemeinsamen Markt errichten.

Je nach dem politischen Willen der jeweiligen Region wären diese Märkte zu Beginn unterschiedlich klimawirksam. Mittelfristig würde es darum gehen, diese regionalen Märkte zu einem weltweiten Markt zu verbinden. Dann würden für Unternehmen in Ländern wie China und Indien starke finanzielle Anreize entstehen, ihren CO2-Ausstoss zu vermindern.

Der 2005 eingeführte Emissionshandel der Europäischen Union hat bisher nicht sonderlich gut funktioniert.

Das ist richtig. Es wurden zu Beginn zu viele Zertifikate vergeben. Danach gab es zwar in Europa einen etwas geringeren CO2-Ausstoss, aber wegen der Finanzkrise. Es gibt hier also einen Handlungsbedarf. So sollten etwa weniger Zertifikate im Umlauf sein oder höhere Geldbussen verhängt werden, wenn Unternehmen mehr Schadstoffe ausstossen als die erworbenen Zertifikate es erlauben würden. Das ist aber in der EU erkannt. Unsere Forschung im Bereich Umweltfinance beschäftigt sich damit, wie solche Märkte effizienter gemacht werden können.

Wie realistisch ist es, dass etwa in Asien neue regionale Märkte entstehen?

Es gibt Anzeichen dafür, dass auch in Ländern wie Indien und China das Bewusstsein wächst, dass mit sauberen Technologien Gewinn gemacht werden kann. Man könnte sich vorstellen, dass Hongkong oder Shanghai, die über mehr marktwirtschaftliche Erfahrung verfügen, gute Beispiele für einen lokalen Emissionshandel wären. Diese Initiative könnte sich dann in China auf die nationale Ebene ausdehnen.

Ist die Forderung der Entwicklungsländer nach finanzieller Unterstützung beim Klimaschutz berechtigt?

Ja, denn viele Länder in Afrika, Lateinamerika oder auch in Südostasien sind zu arm, um sich die nötigen Anpassungen an den Klimawandel sowie die Umstellung auf eine klimafreundliche Gesellschaft leisten zu können. Es besteht zudem eine historische Verantwortung, weil vor allem die entwickelten Länder für den bisherigen CO2-Ausstoss verantwortlich sind. Die finanzielle Unterstützung Afrikas ist durchaus machbar, denn der Kontinent ist nur für einen geringen Teil der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich und die Investitionen wären dementsprechend beschränkt.

Sollten auch Länder wie China oder Indien finanziell unterstützt werden?

Ich denke nicht, dass dies die Steuerzahler etwa in Europa akzeptieren würden. Diese Länder können sich den Klimaschutz nämlich durchaus selber leisten und saubere Technologien dazu sind ja bereits vorhanden.

Wie sollte die Schweiz in Sachen Klimaschutz weitermachen?

Es ist sinnvoll, dass sich die Schweiz am CO2-Emissionshandel der EU beteiligen will, wie das der Bundesrat kürzlich als Ziel formuliert hat. Die Schweiz sollte ihren CO2-Ausstoss bis 2020 um 20 oder 30 Prozent senken. Dazu sind auch strengere Normen nötig, etwa was den Energieverbrauch von Gebäuden anbelangt oder den Schadstoffausstoss von Fahrzeugen.

Es braucht also neben marktwirtschaftlichen Mechanismen auch gesetzliche Massnahmen?

Ja, die Lage ist zu dringend, um nicht auf allen Ebenen aktiv zu werden. Sonst erreichen wir das Ziel nicht, bis 2050 den CO2-Ausstoss um rund 80 Prozent zu reduzieren. Wir müssen jetzt entsprechende Entscheidungen treffen – bevor der Klimawandel unumkehrbar ist. Gerade bei Fahrzeugen hätte die Schweiz eine gute Ausgangsposition, um strenge Richtwerte durchzusetzen. Im Gegensatz etwa zu Deutschland gibt es in der Schweiz keine Autohersteller, die dagegen lobbyieren könnten.

Professor Marc Chesney ist Vizedirektor des Institutes für schweizerisches Bankwesen an der Universität Zürich. Er leitet den Universitären Forschungsschwerpunkt (UFSP) «Finance and Financial Markets» an der UZH. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Optionen, Kompensationen für Manager, Insideraktivitäten und Umweltfinance.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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