Universitätskarriere

Wenn zwei gleichzeitig dasselbe wollen, wird’s schwierig

Geglückte Doppelkarrieren bei Akademikerpaaren sind selten; Hochschulen, die für Dual Career Couples geeignete Stellen anbieten, nach wie vor rar gesät. Für betroffene Paare keine leichte Aufgabe, denn attraktive Stellen für beide lassen sich nicht aus dem Ärmel schütteln, so das Fazit einer Tagung über universitäre Karrieren.

Roland Gysin

«Familienfreundliche Universität»: Hier werden Lebenspartner unterstützt und es ist für eine gute Kinderbetreuung gesorgt. (Bild: Palma Fiacco)

Gleich und gleich gesellt sich gern. In Deutschland – in der Schweiz dürfte es ähnlich sein – leben rund die Hälfte aller Hochschulabsolventinnen mit einem ebenso gebildeten Partner zusammen.

Wollen beide eine wissenschaftliche Karriere machen, bilden sie ein Double Career Couple. Schon bald sehen sie sich dann mit der Frage konfrontiert, wie sich organisieren und welche Hochschule ihnen als Paar gemeinsame Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Heike Solga, Direktorin der Abteilung «Ausbildung und Arbeitsmarkt» am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB) und Alessandra Rusconi, Wissenschafterin am WZB, haben das Thema «Partnerschaft und Karriere von Frauen an Hochschulen» am Beispiel von Deutschland untersucht. Die Resultate präsentierten sie an einer Tagung an der Universität Zürich, organisiert von der Abteilung Gleichstellung und der Gleichstellungskommission.

Ein-Karriere-Modell noch weit verbreitet

«Gerade bei Akademikerpaaren», so Solga und Rusconi, «gibt es ein grosses Potenzial für Doppelkarrieren. Beide Partner haben viel in die Ausbildung investiert und sind interessiert, beruflich weiterzukommen». Doch in der Realität sind geglückte Doppelkarrieren selten. Daten aus Deutschland zeigen, dass Ein-Karriere und Ein-Verdiener-Modelle immer noch weit verbreitet sind.

Neben der internen Paarebene («Wessen Karriere führt?») spielen auch externe Gegebenheiten eine Rolle, etwa die Regeln und Angebote von Universitäten für die gemeinsame Beschäftigung von Paaren oder Möglichkeiten für die externe Kinderbetreuung.

Die beiden Forscherinnen gehen von der zentralen These aus, dass das «Scheitern einer Verflechtung zweier Berufskarrieren» mitverantwortlich dafür ist, dass Frauen in Führungspositionen untervertreten sind. Aktuell beträgt etwa der Anteil der Professorinnen an der Universität Zürich rund 16 Prozent.

Hauptsächliche Fragen sind: Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen fördern gemeinsame Karrieren? Was können Universitäten tun, und welche Vorkehrungen sollen die Paare treffen?

Unterschiedliche Wahrnehmung

Gemäss Solga und Rusconi geben in Deutschland rund zwei Drittel aller Männer, die mit einer akademisch gebildeten Partnerin zusammen sind, an, ihre Karriere (Promotions- und Professorenstufe) hätte Vorrang gehabt. Mit einem Anteil von 70 Prozent ist dieses Muster besonders ausgeprägt in den Naturwissenschaften. In den Sozialwissenschaften sind es 51 Prozent.

Interessant: Frauen nehmen dieses Gefälle nicht wahr. Nur gut 20 Prozent der promovierten Frauen in den Naturwissenschaften sind der Meinung, die Karriere ihres Partners hätte Vorrang gehabt. Bei den Professorinnen sind es mit sieben Prozent noch weitaus weniger.

Alessandra Rusconi, Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin: «Ein-Karriere und Ein-Verdiener-Modelle sind nach wie vor weit verbreitet.» (Bild: Palma Fiacco)

Rusconi kommentiert dieses überraschende Ergebnis so, dass viele Frauen offenbar eine «relativ traditionelle Rollenteilung vornehmen», ohne dies so zu empfinden. «Geschlechterstereotypen sind offenbar auch bei Frauen verbreitet».

Ständig sich anpassendes Agreement nötig

Akademikerinnen bekommen durchschnittlich im Alter von rund 35 Jahren Kinder. Viele hätten dann bereits eine «männliche Karriere» hinter sich, so Rusconi, und einen bestimmten Berufslevel erreicht. Damit Kinder in der Folge nicht zu einem «Karrierekiller» werden, sei es unabdingbar, das Karrieremuster anzupassen. Sie spricht von einem «Aushandlungs- und Koordinationsprozess innerhalb der Partnerschaft im Hinblick auf Karriere und Familie, der die Karrierechancen beider Partner beeinflusst.»

Helen Keller, Professorin für öffentliches Recht, Europarecht- und Völkerrecht: «Partner müssen sich aufeinander abstimmen». (Bild: Palma Fiacco)

Einen Lösungsvorschlag «aus eigener Erfahrung» präsentierte in der Diskussion Helen Keller, Professorin für öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht an der Universität Zürich. Es brauche in der Partnerschaft ein ständig sich anpassendes Agreement. Gleichzeitig denselben Karriereschritte zu machen, das ginge nicht. Die Partner müssten sich aufeinander abstimmen.

Die Ressourcen sind verteilt

Jörg Kehl, Leiter Abteilung Professuren Universität Zürich und seit 1995 zuständig für Berufungen, machte am Beispiel von Zürich klar, was eine Hochschule auf der Stufe Professuren für Dual Career Couples tun kann und was nicht.

Klar ist, die konkrete Unterstützung der Partnerin, seltener des Partners, nachdem er oder sie einen Ruf nach Zürich erhalten hat, ist bei vielen Berufungsverhandlungen – Zahlen dazu sind nicht öffentlich – ein Thema. Die Hauptschwierigkeit sieht Kehl darin, dass «die Ressourcen verteilt sind». Fakultäten und Institute können nicht kurzfristig neue Stellen für Partner schaffen.

Dennoch sind Anstellungs-Varianten denkbar, zum Beispiel über Drittmittel, über eine Stelle des Lehrstuhls – in der Regel befristet und nicht in direkter Unterstellung – oder über eine Stelle des Instituts oder der Fakultät. Eine weitere Möglichkeit: Die Berufung auf eine eigene Professur, zum Beispiel auf eine befristete Assistenzprofessur etwa über den Schweizerischen Nationalfonds.

Hilfreich, jedoch von der Wirtschaftslage abhängig, sind auch Kontakte zu Unternehmen oder anderen Hochschulen.

Jörg Kehl, Leiter Abteilung Professuren UZH: «Unterstützung des Partners oder der Partnerin sind bei Berufungsverhandlungen ein Thema.» (Bild: Palma Fiacco)

Die Erfahrung von Jörg Kehl zeigt: Solche Hilfeleistungen können für eine erfolgreiche Berufung durchaus ausschlaggebend sein. Umso wichtiger ist es, dass die Universität gegen aussen kommuniziert, welche Möglichkeiten sie bietet. Besonders gefordert sind die Mitglieder von Berufungskommissionen: Wie und auf welche Weise soll das Thema angesprochen werden?

Berufungskommissionen sensibilisieren

Michael Hengartner, Molekurarbiologe und Dekan der Mathematisch- naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, ist ebenfalls für Transparenz: «Ich frage immer, ob jemand Teil eines Double Career Couples ist und mache dann auf mögliche Unterstützungsleistungen der Universität aufmerksam.»

Für die Strafrechtsprofessorin Brigitte Tag ist es primär wichtig, dass bei Berufungsverhandlungen ein Klima geschaffen wird, in dem das Thema vorurteilslos beredet werden kann. Eine mögliche Lösung: die Berufungskommission soll mögliche Probleme von sich aus ansprechen und informieren, was die betreffende Hochschule anbietet.

Nötig sei eine «spezielle Governance», die gegen aussen kommunziert und erkennbar sei. Zum Beispiel mit dem Label «familienfreundliche Universität». Etwas, das nicht für jede Hochschule einfach zu bewerkstelligen ist, in einem System, dass «individuell meritokratisch» geprägt ist, wie Georg Krücken, Professor für Wissenschaftsorganisation an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer, ausführte.

Georg Krücken, Professor für Wissenschaftsorganisation, Speyer: «Spezielle Governance muss nach aussen kommuniziert werden». (Bild: Palma Fiacco)

Einige Tagungsteilnehmer nahmen diesen Hinweis zum Anlass für die Frage, was denn eine «wissenschaftliche Karriere» überhaupt sei. Während für die Einen die Professur das Mass aller Dinge ist, ist für Andere bereits ein «regelmässiges Einkommen» aus einer wissenschaftlichen Tätigkeit Grund genug, von einer erfolgreichen Karriere zu sprechen.

Mit Begleitmassnahmen früh ansetzen

Alle universitären Begleitmassnahmen taugen wenig, wenn sie erst auf Stufe der Professur ansetzen. Spezifische Begleitmassnahmen wie Doppelkarriere-Programme für Doktoranden oder Krippenplätze müssen deshalb möglichst früh zur Verfügung stehen.

Heike Solga forderte die Hochschulen auf, die Curricula von Career Couples mit andern Augen zu lesen. Nicht nur die Zahl der Publikationen und Auslandaufenhalte und nicht nur das Lebensalter seien entscheidende Faktoren für einen wissenschaftlichen Leistungsausweis, inklusive Karriere. «Wissenschaft ist auch eine soziale Kompetenz.»

Roland Gysin ist Leiter Publishing UZH.

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