Gesundheit am Arbeitsplatz

Wenn Arbeit krank macht

Welche Massnahmen kann ein Betrieb ergreifen, um auf die Gesundheit der Mitarbeitenden positiv einzuwirken? Sozial- und Präventivmediziner Georg Bauer möchte vor allem das Management dazu ermutigen, sich vermehrt für die Arbeitsqualität einzusetzen.

Marita Fuchs

Stress im Job: Viele Menschen erleben ihre Arbeit als gesundheitlich belastend.

Viele Termine, jede Menge Arbeit und die Angst um den Job bestimmen den Alltag vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – und bedrohen ihre Gesundheit: Denn diese Art von Arbeitsatmosphäre nervt nicht nur. Sie ist auch extrem ungesund für Psyche und Körper.

«Viele Studien belegen, dass das Arbeitsleben krank machen kann», sagte Präventivmediziner Georg Bauer, vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich, auf der «Swiss Public Health Conference». Die Konferenz, die von der Universität Zürich und «Public Health Schweiz» in der vergangenen Woche an der UZH durchgeführt wurde, befasste sich mit dem Thema Gesundheitskompetenz.

Zwischen Kollegenschelte und Anerkennung

Menschen arbeiten und bringen gewisse Ressourcen mit, dazu gehören eigene Gesundheitskompetenzen und der Qualifikationsgrad. Sie treffen auf Arbeitsbedingungen, die durch die Kultur der Firma und deren Organisation geprägt sind.

Da stellen sich Fragen wie: Fühlt sich der Mitarbeiter verstanden? Erlebt er seine Arbeit als sinnvoll und ist weder über- noch unterfordert? Herrscht eine offene Kommunikation oder tappt die Mitarbeiterin im Dunkeln darüber, was die Vorgesetzten möchten? Wie gehen die Kollegen miteinander um? All das wirkt sich auf die Gesundheit aus.

Eine aktuelle deutsche Studie belegt die Auswirkungen von Führungsstil und Arbeitsqualität: Bei gutem Arbeitsklima steigt die Firmenproduktivität um bis zu 30 Prozent. Nicht zuletzt diese betriebliche Gewinnmaximierung sollte Betriebe davon überzeugen, so Bauer, mehr in ein gutes Arbeitsklima zu investieren. Und auch die Kunden seien besser bedient: Studien in Spitälern zeigen, dass zufriedenes Personal positive Auswirkungen auf die Patientenzufriedenheit hat.

Sozial- und Präventivmediziner Georg Bauer auf der Swiss Public Health Conference: Gesundheitsschutz nützt dem Unternehmen und den Mitarbeitenden.

Gesundheitskompetenz in den Betrieben unterschiedlich

«Betriebe in der Schweiz sind unterschiedlich eingestellt», sagt Bauer. Den einen sei schon das gesetzlich vorgeschriebene Mindestprogramm lästig. Die anderen hätten jedoch erkannt, dass Gesundheitsschutz dem Unternehmen nützt und auch gut ist für das Image.

«Viele Betriebe bekunden ihren guten Willen, Fachkompetenz ist aber noch wenig vorhanden», meint Bauer. Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz gewinnt zwar zunehmend an Bedeutung, oftmals ist sie jedoch auf Einzelmassnahmen beschränkt, etwa Haltungs- und Entspannungstraining oder Rauchstop-Kampagnen.

Eine Befragung von Betrieben im Kanton Zürich zeigt, dass Personalmanager die Situation sehr positiv einschätzen. Auf die Frage zum Stand des Gesundheitsmanagements im eigenen Betrieb sagten zum Beispiel 70 bis 80 Prozent, dass sie dafür Personal- und Organisationsentwicklung oder Arbeitsgestaltung betreiben. Anders stellt sich der Stand bisweilen aus Sicht der Mitarbeitenden dar: In einer deutschen Studie fanden nur 50 Prozent, dass ihr Betrieb etwas für die Förderung ihrer Gesundheit tue.

Weniger als zehn Prozent der Arbeitnehmer haben überhaupt die Möglichkeit, an Gesundheitsmassnahmen wie Gesundheitszirkeln oder Schulungen teilzunehmen – in der Schweiz dürften die Zahlen noch niedriger sein. Hier sei auch die Politik gefordert, meint Bauer, denn in anderen Ländern, wie Finnland zum Beispiel, seien betriebliche Gesundheitsfördermassnahmen gesetzlich verankert.

Mind Maps für Manager

Wo jedoch sollten die Betriebe ansetzen, um die Gesundheitskompetenz zu verbessern? Optimieren könnten Betriebe und Organisationen laut Bauer am besten, wenn die Mitarbeiter regelmässig befragt würden. Hier bestehe ein Nachholbedarf, weil wenig Unternehmen diese Feedback-Kultur beherrschten.

Das müssten keine grossen Statistiken sein, sondern niederschwellige schriftliche Befragungen oder Gesprächsrunden in bestehenden Teamsitzungen, die schell Handlungsbedarf aufzeigen könnten.

Zu einem besseren Klima gehört zum einen, dass die betrieblichen Prozesse gut organisiert und durchschaubar sind und die Beziehungsqualität stimme, so Bauer. Mit einem Mind Map einer ‚gesunden Organisation‘ könnten Manager, Personalfachleute und Mitarbeitende wichtige Einflussfaktoren der Organisation auf die Gesundheit visualisieren und auf diese Weise einfacher analysieren. Auch Bauer selbst setzt diese Mind Maps ein, wenn er Betriebe in Gesundheitsfragen berät.

Hochqualifizierte profitieren mehr

Problematisch sei es, meint Bauer, dass häufig Höherqualifizierte in den Betrieben von Gesundheitsförderungen profitieren. «Die Betriebe investieren in hochqualifizierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die sowieso schon bessere Arbeitsbedingungen und folglich den besseren Gesundheitszustand haben.» Sprich: wenig physische Belastung, keine monotonen Arbeiten und hohe Entscheidungsspielräume.

Eine Studie aus dem Kanton Genf habe nachgewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, die Arbeitsfähigkeit vor dem Pensionsalter zu verlieren, bei Leuten mit obligatorischer Schulbildung mehrfach höher ist als bei Akademikern. Aus Public Health Sicht besteht hier dringender Handlungsbedarf seitens der Betriebe, meint Bauer.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

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