E-Health

Traumata online verarbeiten

Psychotherapie über das Internet ist gemäss zahlreichen Studien sehr effektiv. Dr. Birgit Wagner vom Psychologischen Institut ist an einem Projekt beteiligt, das Menschen im Irak hilft, traumatische Erlebnisse online zu verarbeiten.

Adrian Ritter

Traumatisierende Zustände für Irakerinnen und Iraker: Psychotherapie per Internet erweist sich als hilfreich. (Bild: Wikimedia)

Tötungen, Verschleppungen, Folter und Vergewaltigungen: Der Irak befindet sich bis heute in einem kriegsähnlichen Zustand. Die Schweizer Flüchtlingshilfe schätzt, dass 50 Prozent der Irakerinnen und Iraker davon traumatisiert sind. Ihnen zu helfen, ist schwierig, denn viele Ärztinnen und Psychologen sind ebenfalls verschleppt und getötet worden oder haben das Land verlassen.

«Internet-basierte Psychotherapie kann in einer solchen Situation eine Brücke bauen für psychologische Hilfe», sagt Birgit Wagner vom Lehrstuhl für Psychopathologie und Klinische Intervention. Sie forscht seit 2005 zu Themen wie posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) und Internet-basierte Psychotherapie («Interapy»).

Für den «Brückenbau» in den Irak besteht seit 2008 das Projekt «InterapyAid». Das Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin (BZFO) hat die Online-Therapie in arabischer Sprache gemeinsam mit dem Lehrstuhl an der UZH und dem «Kirkuk Center for Torture Victims» im Irak ins Leben gerufen. Rund 250 Personen haben sich bisher für die Behandlung im virtuellen Raum angemeldet, neben Irakerinnen und Irakern auch traumatisierte Menschen aus dem Gaza-Streifen.

Von der Seele schreiben

Die Internet-basierte Psychotherapie basiert auf der Idee, sich das traumatische Erlebnis von der Seele zu schreiben. Die schriftliche Form bietet sich an, weil der Patient das Tempo und die Intensität der Konfrontation mit dem traumatischen Erlebnis selber bestimmen kann.

Die Therapie verläuft in drei Phasen. In der «Selbstkonfrontation» beschreibt der Patient ausführlich das traumatische Erlebnis. Bei der «kognitiven Umstrukturierung» schreibt er unterstützende Briefe an ein fiktives Opfer, welches dasselbe erlebt hat wie er. Durch diesen Perspektivenwechsel sollen die eigenen Gedanken zum Erlebten in Frage gestellt werden. Beim «social sharing» geht es darum, mit einem Brief an eine nahe stehende Person oder an sich selber von der traumatischen Erfahrung Abschied zu nehmen.

Der Prozess wird von einem Therapeuten oder einer Therapeutin individuell begleitet, die dem Patienten Rückmeldungen auf seine Texte geben. Vorgesehen ist, die Online-Therapie innerhalb von fünf Wochen zu durchlaufen. Weil das Internet im Irak aber nicht für alle Teilnehmenden immer zugänglich ist, dauert die Behandlung in der Praxis rund zehn Wochen.

Traumatherapie auf Arabisch: Die schriftliche Form erleichtert es, Schamgefühle zu überwinden. (Bild: Internet)

Schamgefühle umgehen

«Wir wussten zu Beginn nicht, ob das Angebot überhaupt genutzt wird, denn psychische Probleme und psychologische Angebot sind im arabischen Raum stark stigmatisiert», so Wagner. Die Anonymität des Internets scheint dem aber entgegenzuwirken. Gerade für Frauen, die im Irak besonders häufig Opfer werden von Gewalt, bietet das Internet eine Möglichkeit, in anonymer Form und ohne Schamgefühle therapeutische Hilfe zu suchen.

Wirksamer als klassische Therapie

Parallel zum Therapieangebot werden die Teilnehmenden vor und nach der Behandlung befragt. Dabei interessiert die Forschenden, wie sich das psychische Befinden der Patientinnen und Patienten entwickelt und wie sie die Therapie erleben. Bereits haben zwölf Personen die Behandlung abgeschlossen und es zeigen sich ähnlich positive Ergebnisse wie in früheren Studien zur Internet-basierten Behandlung.

Die Online-Therapie kann posttraumatische Belastungssymptome wie Ängste und Vermeidungsverhalten deutlich reduzieren. Im Vergleich mit einer nicht-virtuellen Behandlung sind diese Effekte zum Teil sogar grösser. Mehr als 80 Prozent der Teilnehmenden sind nach der Behandlung beschwerdefrei, wie Studien zeigen konnten. Die Wirksamkeit der Behandlungsform ergibt sich gemäss Wagner durch das sehr strukturierte Vorgehen. Zudem erleichtere es die Anonymität, auch Gefühle offen zu legen, die als stigmatisiert erlebt werden.

Lässt sich eine derartig hohe Wirksamkeit auch bei den Teilnehmenden im Irak nachweisen? «Es ist unmöglich, die langfristige Wirkung vorauszusagen, denn diese Menschen leben in einem Umfeld andauernder Gewalt», so Birgit Wagner. Die Psychologin ist trotzdem überzeugt, dass «Interapy» in der humanitären Hilfe eine wichtige Behandlungsform sein kann – insbesondere in Ländern mit schlechter medizinischer und psychologischer Versorgung.

Internet-basierte Psychotherapie Entwickelt wurde die psychologische Therapie über das Internet Ende der 1990er Jahre in den Niederlanden. Nachdem sich die Internet-basierte Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen als wirksam erwiesen hatte, entstanden weitere Behandlungen, etwa für Burnout, Depression und Panikstörungen. Die Internet-basierte Therapie eignet sich jedoch nicht für schwer depressive und suizidgefährdete Personen, denn das Internet bietet dem Therapeuten keine Möglichkeit der Krisenintervention. Für die Behandlung und Forschung im Rahmen von «InterapyAid» wurden unter anderem Psychiaterinnen und Psychologen aus dem Irak, Syrien und Palästina beigezogen. Die Psychiaterin Nahla Haj-Hassan von der  Universität Damaskus verbrachte im Rahmen des Projektes 2008 ein halbes Jahr an der UZH. Die «InterapyAid»-Studie dauert noch bis Mitte 2010.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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