Essstörungen

Neuste Therapie von Essstörungen

Die Therapien für Essstörungen sind schwierig und ihre Wirksamkeit ist wissenschaftlich wenig belegt. Die Transdiagnostisch Kognitive Verhaltenstherapie für Essstörungen (CBT-E) bildet die Ausnahme. Prof. Christopher G. Fairburn stellte sie letzte Woche auf Einladung des Zentrums für Essstörungen der Universität Zürich einem Fachpublikum vor.

Brigitte Blöchlinger

Magersüchtige entwickeln häufig ein falsches Selbstbild. (Bild: zVg.)

Noch nie in der Geschichte der Menschheit war das Essen so vielfältig und reichlich vorhanden wie heute. Trotzdem – oder deswegen? – sind heute mehr Menschen wegen Essstörungen in Behandlung als früher. Vor allem die Bulimie, bei der die Betroffenen nach dem Essen erbrechen und so dem äusseren Schein nach normalgewichtig sind, hat zugenommen.

Gleich geblieben scheint hingegen die Häufigkeit der schweren Magersucht (Anorexie) zu sein, bei der die Betroffenen – vor allem Frauen – so wenig Nahrung aufnehmen, dass sie stark abmagern. In zirka zehn Prozent der Fälle hungern sie sich zu Tode.

Von einer Essstörung zur anderen

So verschieden die einzelnen Ausprägungen einer Essstörung auch sind – es gibt noch die atypische Essstörung und die Esssucht –, haben sie dennoch mehr miteinander zu tun, als man früher dachte. Diese Erfahrung hat die Leiterin des Zentrums für Essstörungen der Psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich, die Ärztin und Privatdozentin Gabriella Milos, gemacht: Die Patientinnen wechseln oft von einer Essstörung zur anderen. Eine junge Frau (meistens entwickeln Frauen eine Essstörung) ist zum Beispiel ein paar Jahre magersüchtig und isst sehr restriktiv, später isst sie mehr, normalisiert das Gewicht, beginnt jedoch, nach dem Essen zu erbrechen. «Ein grosser Teil der Patientinnen wandelt durch die Diagnosen», sagt Milos.

Die gleiche Beobachtung hat auch Gabriella Milos Berufskollege Christopher G. Fairburn von der Universität Oxford gemacht. Auch er konzentriert sich deswegen nicht auf das einzelne, isolierte Krankheitsbild, sondern betrachtet Essstörungen als Ganzes. Eines seiner grossen Verdienste besteht darin, Instrumente entwickelt zu haben, um Essstörungssymptome präzis zu erfassen. Seine Fragebogen sind überall auf der Welt im Einsatz und haben sich als wichtiges Mittel erwiesen, um die Diagnosen und den Verlauf von Betroffenen klinisch und wissenschaftlich zu erfassen.

«Den Patientinnen fehlt die Orientierung durch das Hunger- und Sättigungsgefühl», erklärt Milos, Leiterin des Zentrums für Essstörungen der Psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich. (Bild: Brigitte Blöchlinger)

Transdiagnostisch Kognitive Verhaltenstherapie

Da sich die Symptome und damit die Diagnosen bei Essstörungen wandeln können, nannte Fairburn die von ihm entwickelte Therapie «Transdiagnostisch Kognitive Verhaltenstherapie für Essstörungen» (CBT-E).

Alle Menschen mit Essstörungen, unabhängig von der momentanen Diagnose, müssen als erstes lernen, sich normal zu ernähren, d. h. strukturierte Malzeiten regelmässig zu sich zu nehmen. Magersüchtige müssen zunehmen, Bulimikerinnen sich mit normalen Portionen anfreunden und nicht mehr erbrechen, Esssüchtige müssen ihre Essattacken in den Griff bekommen.

Alle Gedanken und Gefühle, die mit dem Essen zusammenhängen

Allen gemeinsam ist: Die Patientinnen beschäftigen sich gedanklich dauernd mit Essthemen. «Bei Patientinnen mit Essstörungen kreist alles ums Essen», sagt Milos. «Sie haben Angst vor dem Essen, Schuldgefühle nach dem Essen, sie beschäftigen sich ausführlich mit Kalorienzählen und der Umsetzung der Mahlzeiten. Viele können neben dieser auslaugenden mentalen Beschäftigung mit dem Essen nicht mehr in die Schule oder zur Arbeit gehen.» Auch Gefühle und Stress werden oft mit Essen oder Fasten neutralisiert.

Deshalb geht es bei den heutigen Essstörungstherapien darum, die Gefühle gegenüber dem Essen anzunehmen und auszuhalten sowie Ordnung in die Mahlzeiten zu bringen. «Den Patientinnen fehlt die Orientierung durch das Hunger- und Sättigungsgefühl», erklärt Milos, «Normalerweise essen Menschen, wenn sie Hunger haben, und hören auf, wenn sie gesättigt sind, das funktioniert bei Mädchen mit Essstörungen nicht.»

Probleme, die zur Essstörung gehören

Letzten Freitag und Samstag hat Christopher G. Fairburn seine Transdiagnostisch Kognitive Verhaltenstherapie für Essstörungen (CBT-E) an der Psychiatrischen Poliklinik vor Fachleuten vorgestellt und in Workshops deren Anwendung geübt. Er erörterte auch das Phänomen, dass Essstörungen häufig mit anderen psychischen Erkrankungen einher gehen; die häufigsten sind Angststörungen und Körperwahrnehmungsstörungen. Auch Gefühlsintoleranz, pathologischer Perfektionismus, niedriges Selbstwertgefühl und sonstige schwere interpersonelle Probleme sind bei Essstörungen verbreitet.

Verschiedene Anwendungen in der Praxis

Die Therapie von Fairburn ist auf ambulante Patientinnen ausgerichtet und dadurch gekennzeichnet, dass die Patientinnen Hausaufgaben haben und viel Schreiben müssen. «Das liegt nicht allen», weiss Gabriella Milos, «es gibt auch Leute, die grosse Mühe haben im Verbalisieren von Gefühlen.» Deshalb hat das Zentrum für Essstörungen für die eigene Praxis Fairburns Ansatz modifiziert. Nicht zuletzt auch deshalb, weil am Zentrum neben ambulanter auch stationäre Behandlung für schwere Fälle angeboten wird.

Bei sehr jungen Patientinnen zieht das Zentrum oft die Familie mit ein (systemischer Ansatz), denn ohne Einbezug der Eltern und Geschwister können junge Patientinnen nicht nachhaltig therapiert werden. Anders als Fairburns CBT-E werden am Zentrum für Essstörungen zu den klassischen CBT-E-Elementen auch ein intensives Körperprogramm und eine Kreativtherapie angeboten. «Wir passen unser Konzept ständig neuen Erkenntnissen an», so die Zentrumsleiterin Gabriella Milos.

Das Zentrum für Essstörungen der Psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich hat eine Abteilung mit elf Betten, wo Patientinnen mit schweren Essstörungen (v. a. Magersucht) behandelt werden. Es gibt auch eine ambulante Spezialsprechstunde, wo alle Essstörungen – von schwerem Untergewicht bis zu schwerem Übergewicht – behandelt werden. Eine Ernährungsberatung und ein Mittagstisch mit betreuten Mahlzeiten für Patientinnen ergänzen das Angebot. Für Menschen mit einer schwierigen psychosozialen Situation besteht die Möglichkeit, die Therapierfolge eine Zeitlang in einer betreuten Wohngruppe zu stabilisieren. Eine ambulante Therapie dauert im Durchschnitt zirka ein halbes Jahr. Die stationäre Behandlung kann, je nach Schwere des Krankheitsbildes, 4 bis 20 Wochen dauern.

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin von UZH News

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