Terrorismusexperte Bruce Hoffman

Kenne deinen Feind

Steuert al-Kaida auf ihren Untergang zu oder ist ihr Terrornetz stärker denn je? Sie ist auf jeden Fall nicht zu unterschätzen, meint der Terrorismusexperte Prof. Bruce Hoffman.

Lydia Farago1 Kommentar

«Ist die al-Kaida auf dem Vormarsch oder auf dem Rückzug?» fragte Terrorismus-Experte Bruce Hoffman. (Bild: Lydia Farago)

Der weltweite Terrorismus ist eine düstere Angelegenheit, und kein Thema beschäftigt die internationale Terrorismusforschung stärker als die Entwicklung der Kaida und der weltweite Kampf gegen den Terror. «Ist al-Kaida auf dem Vormarsch oder auf dem Rückzug?», lautete die Eingangsfrage von Prof. Bruce Hoffman zu seinen Vortrag «Internationaler Terrorismus – Wege und Ziele» am Dienstagabend im Rahmen einer Vortragsreihe des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung. Am Beispiel der weltweit bekanntesten Terrorbewegung ging Hoffman auf die Herausforderungen des modernen Terrorismus ein.

Widersprüchliche Einschätzungen

Über Macht und Schlagkraft der Kaida herrschen unter Experten widersprüchliche Meinungen: Während einige auf die Bedrohung einer erstarkten Kaida hinweisen, wähnen andere die Terrorgruppe in den letzten Zügen. So war Hoffman überrascht, als der Direktor der CIA im Mai 2008 meinte, al-Kaida «stehe kurz vor einer strategischen Niederlage im Irak», denn der Geheimdienstausschuss der USA hatte neun Monate vorher eine andere Einschätzung der Lage vorgelegt: Al-Kaida sei stark genug, um Anschläge grösseren Ausmasses auszuführen.

Die «Kraft und Dynamik der Terrororganisation» wurde vor ein paar Wochen wieder angezweifelt, als amerikanische Kommandoeinheiten acht hochrangige al-Kaida Mitglieder töteten und so der Bewegung einen empfindlichen Schlag versetzten. Annlass zu Optimismus geben Berichte über die Abwendung prominenter islamischer Theologen von der al-Kaida und die steigende Ablehnung von Selbstmordanschlägen in islamischen Ländern. «Dieser berechtige Optimismus», meinte Hoffman, «muss aber anderen Kriterien gegenüber gestellt werden». So habe Washington schon oft al-Kaida für tot erklärt, nur um zu erleben, wie das Netzwerk solche Äusserungen mit Anschlägen wie etwa in Madrid und Istanbul quittierte und damit seine Lebendigkeit unter Beweis stellte.

Misslungene Anschläge als Informationsquelle

Hoffmans Ansicht nach war der bedeutendste Selbstmordanschlag nach dem 11. September 2002 einer, der nicht gelang: Das Komplott, mehrere amerikanische, britische und kanadische Passagierflugzeuge im August 2006 gleichzeitig zu sprengen, sei ein beispielhaftes Lehrstück in Sachen Terrorismus und trage eindeutig die Handschrift al-Kaidas. Sie habe den Anschlag minutiös von ihrem Zufluchtsort in den Stammesgebieten Pakistans vorbereitet und dirigiert.

«Misslungene Anschläge bieten eine Fülle von Informationen über die Funktionsweise der Kaida.» (Bild: Lydia Farago)

«Die misslungenen Anschläge bieten uns einerseits eine Fülle an Informationen über die Funktionsweise der Kaida», meinte Hoffman. Andererseits suchten sich die Terroristen «immer die gleiche Art von Zielen aus, denn sie wissen, wie ihre früheren Anschläge verhindert wurden und kennen unsere Schwachstellen». Beunruhigender sei allerdings, dass dieser Zwischenfall gezeigt habe, wie wenig abschreckend die Massnahmen des Westens wirkten. «Kein anderes Ziel wird so stark überwacht wie die kommerzielle Luftfahrt», erklärte Hoffman, «und genau diese wird angegriffen.» Die führenden Köpfe des Komplotts wurden zwar ausser Gefecht gesetzt, aber al-Kaida ersetzte sie postwendend – was einiges über die aussergewöhnliche Regenerationsfähigkeit des Netwerks aussagt.

Der Haifisch, der hat Zähne

Entschlossenheit und Widerstandsfähigkeit sind der Schlüssel zum Erfolg jeder langlebigen Terrororganisation – und dazu gehört die mittlerweile 20 Jahre alte Kaida. Nach Hoffmans Ansicht sind diese etablierten Organisationen die gefährlichsten, weil sie sich durch eine schnelle Lernfähigkeit, problemlose Anpassung an die Umstände und durch immer neue Überlebensstrategien auszeichneten. «Sie sind der Hai im Wasser, der sich ständig fortbewegen muss, um zu überleben und der überleben kann, weil er sich fortbewegt.»

Ein langer Kampf

«Der Terrorismus zehrt von seiner eigenen Propaganda», erklärte Hoffman, «und Terroristen sind überzeugt von der Legitimität und moralischen Berechtigung ihrer Sache». Nur so könnten sie weiterkämpfen. Langlebige Terrorbewegungen wie die Kaida stützten sich auf spektakuläre Terroranschläge, die ihnen viel Publizität verschafften. Ihr Bekanntheitsgrad, ein charismatischer Führer und der Anspruch, den Lauf der Geschichte zu beeinflussen, erleichtere es ihr insbesondere junge Leute anzuziehen.

«Kommandoaktionen», sagt Hoffman, «in denen Führer der Kaida gezielt getötet werden, können nur erfolgreich sein, wenn die Bewegung gleichzeitig daran gehindert wird, sich zu regenerieren und neue Leute zu rekrutieren». Von einem Sieg über die Kaida könne daher noch nicht gesprochen werden. Im Gegenteil habe die Bewegung Basen in Jemen, Nordafrika und Somalia aufgebaut und treibe die Destabilisierung Afghanistans voran. Der Kampf gegen den Terror ist in diesem Fall ein langfristiges Unternehmen, das Zielstrebigkeit, Geduld und Energie fordere.

Bruce Hoffman ist Professur im «Security Studies Program» der Georgetown University in Washington. Der Berater zahlreicher Regierungen und Unternehmen in Terrorismusfragen ist Mitbegründer des Forschungsinstituts für Terrorismus im schottischen St. Andrews und gibt die Fachzeitschrift «Studies in Conflict and Terrorism» heraus. Eine überarbeitete Ausgabe seines Standardwerks «Terrorismus – der unerklärte Krieg» erschien 2006.

Lydia Farago ist Redaktorin in der Abteilung Kommunikation der Universität Zürich

1 Leserkommentar

Claude Ruedin schrieb am Das Thema ist nicht neu. Es war schon immer so, dass die Militärs sich auf ihre Mittel beschränkten und bei ungenügenden Resultaten stets dazu neigten, die eingesetzten Mittel zu vervielfachen. Frühere Erfahrungen zeigten insbesondere bei Waffeneinsätzen in Regionen, die so verschiedene Gesellschaften aufwiesen, wie sie heute etwa in Afganistan oder in Somalia bestehen, zivile Einsätze parallel zur militärischen Stärke sehrt viel mehr zu bewirken vermochten. Beispiele sind koloniale Waffengänge etwa in Madagaskar (General Galieni) oder anfangs des 20. Jh. Marokko (General Lyautey). Letzterer konnte mit reduziertem Budget und wenig Truppen die Aufstände im Riff besiegen. Vielleicht könnten die heutigen Militärs von solchen kombinierten , politischen, zivilen und militärischen Massnahmenlernen?!

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