Austauschsemester in China

Im dynamischen Reich der Mitte

Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der UZH hat mit Universitäten in Peking und Shanghai Abkommen abgeschlossen, die den Austausch von Studierenden erleichtern. Stephan Kyburz und Chi-Vi Ly waren als Erste für ein Semester in China.

Adrian Ritter

China: pulsierende Städte im Aufbruch. (Bild: zVg.)

«Fuwuyuan! Dian Cai!» Es hat eine Weile gedauert, bis sich Chi-Vi Ly in den Pekinger Restaurants getraut hatte, wie die einheimischen Gäste mit der nötigen Lautstärke «Kellner! Essen bestellen!» zu rufen. Ly ist zwar ethnisch ein Chinese, hat aber nie in China gelebt. Seine Eltern waren in Vietnam aufgewachsen und während des Vietnamkrieges in die Schweiz geflüchtet.

Chi-Vi Ly hatte den Bachelor in Betriebswirtschaftslehre an der UZH abgeschlossen, als er sich im September 2008 auf den Weg nach Peking machte. Von seinem Elternhaus her sprach er einen südchinesischen Dialekt. Als Vorbereitung auf das Austauschsemester hatte er zudem während zwei Semestern die chinesische Hochsprache Mandarin gelernt: «Als ich abflog, fühlte ich mich als Schweizer, wollte aber mehr über meine chinesischen Wurzeln erfahren.»

Es sollte eine Reise in eine pulsierende Stadt werden, deren Wirtschaftsraum viel versprechende Zukunftsaussichten bietet. «Als BWL-Student reizte es mich, mehr über diese aufstrebende Wirtschaftsmacht zu erfahren», so Ly.

Chi-Vi Ly hatte den Bachelor in Betriebswirtschaftslehre an der UZH abgeschlossen, als er sich im September 2008 auf den Weg nach Peking machte. (Bild: Adrian Ritter)

Tradition und Moderne

An der Tsinghua Universität besuchte er während fünf Monaten englischsprachige MBA-Kurse, insbesondere in seiner Vertiefungsrichtung Banking/Finance. Der Unterricht gestaltete sich mit Gruppenarbeiten, Fallstudien und einer beachtlichen Menge an Hausaufgaben sehr praxisorientiert. «Das Angebot an Veranstaltungen liess keine Wünsche offen und das Niveau war sehr gut», so das Fazit von Chi-Vi Ly.

So lernte er etwa im Kurs «Doing business in China», dass Chinesen zurückhaltender sind als westliche Geschäftsleute. Die Achtung der Ehre verbietet es ihnen etwa, einen Geschäftspartner an einem Meeting vor anderen Anwesenden zu kritisieren.

Neben dem Studium lernte Chi-Vi Ly mit einer Privatlehrerin weiter Mandarin und tauchte in ein Peking ein, das wie keine andere chinesische Stadt Tradition und Moderne verbinde: «Tagelöhner aus ländlichen Provinzen treffen hier auf konsumverrückte Neureiche, all dies in einer Stimmung, die noch vom Hype der Olympischen Spiele getränkt war.»

Stephan Kyburz verbrachte das Herbstsemester 2008 an der Fudan Universität in Shanghai. (Bild: Adrian Ritter)

Geschäfte mit China

Mehr über die Möglichkeiten, die China bietet, hat auch Stephan Kyburz gelernt. Er verbrachte das Herbstsemester 2008 an der Fudan Universität in Shanghai. Auch ihm standen als Austauschstudent die englischsprachigen MBA-Veranstaltungen offen.

Im Kurs «Successful Entrepreneurship» beispielsweise simulierten die Studierenden eine Firmengründung in China und lernten, wie wichtig in Chinas Wirtschaftsleben Beziehungen («Guanxi») zu den Behörden sind. So war eine ausländische Warenhauskette beispielsweise jahrelang ohne Lizenz in China tätig, ohne Strafmassnahmen befürchten zu müssen. Gleichzeitig hatte sich ein Marktkonkurrent vergeblich um eine solche Bewilligung bemüht und den Markteintritt nicht ohne Lizenz gewagt.

Geplante Rückkehr

Chi-Vi Ly und Stephan Kyburz sind sich einig, dass sich das Austauschsemester gelohnt hat. «Es war einmalig, eine aufstrebende Wirtschaftsmacht hautnah zu erleben», so Kyburz. In den international zusammengesetzten MBA-Kursen ergebe sich zudem ein wertvoller Austausch und Kontakte über jegliche Landesgrenzen hinweg.

Kyburz kann sich vorstellen, nach dem Studium für eine Zeit lang in China zu arbeiten. Die Aufbruchstimmung Chinas war für ihn in Shanghai nicht zuletzt wegen eines bevorstehenden Grossereignisses mit den Händen greifbar: «Was die Olympischen Spiele für Peking waren, wird die Weltausstellung Expo 2010 für Shanghai sein. Es wird an allen Ecken und Enden investiert und gebaut und die Stadt auf Hochglanz poliert.»

Chi-Vi Ly wird vielleicht bereits im Sommer 2009 für einen Sprachkurs nach Peking zurückkehren. Er kann sich vorstellen, nach dem Master in China im Bereich Finance tätig zu werden: «Ich habe ein Stück Heimat gefunden. Vor allem aber fasziniert mich China wegen seiner Modernität und den Möglichkeiten, die sich einem bieten.»

Für einen Austausch mit der Fudan oder Tsinghua University können sich Studierende der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät bewerben. Als finanzielle Unterstützung winkt ein monatliches Stipendium, das von der Zurich Financial Services Group gesponsert wird. Es besteht zudem die Möglichkeit, im Anschluss an das Semester ein Praktikum bei der Zurich Group in Peking zu absolvieren. Bisher haben sich sieben UZH-Studierende für ein Austauschsemester in China entschieden. Im Herbstsemester 2008 weilten erstmals drei chinesische Studentinnen im Rahmen der Abkommen für ein Semester an der UZH.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News

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