Gesundheit

Erholen Sie sich!

Flexibel sollen wir sein und ständig verfügbar. Dieses Credo der Arbeitswelt führt zur Vermischung von Beruf und Freizeit. Schnell gerät dabei die Balance zwischen Beanspruchung und Erholung durcheinander. Wie schützen wir unsere Gesundheit vor Überlastung? Dieser Frage widmete sich die Tagung «Gesund und leistungsfähig in der 24-Stunden-Gesellschaft», die am Donnerstag an der Universität Zürich stattfand.

Marita Fuchs

Umfrage zu Stress bei UZH Angehörigen - und anderen.

Wöchentlich werden in der NZZ-Stellenbeilage Führungspersönlichkeiten gefragt, wie sie ihre Work-Life-Balance herstellen. Wertet man diese Antworten aus, wie das ein Journalist getan hat, so ergibt sich auf den ersten Blick ein erschreckendes, auf den zweiten Blick aber ein unglaubwürdiges Bild: Im Schnitt arbeiten die Führungspersönlichkeiten rund zwölf Stunden am Tag, was sie aber nicht als Last empfinden. E-Mails werden etwa 200 pro Woche beantwortet. Arbeit macht ihnen ausnahmslos Freude. Trotzdem haben sie kein Problem mit der Work-Life-Balance. Viele CEO’s kommen locker mit drei bis vier Stunden Schlaf aus. Das Fazit des Journalisten: Bundesrat Ueli Maurer ist mit fünf Stunden schon fast eine Schlafmütze.

«Wer von uns will schon so ein Leben führen?», fragte Thomas Mattig, Direktor der Gesundheitsförderung Schweiz, bei der Eröffnung der nationalen Tagung zur 24-Stunden-Gesellschaft an der UZH. Die Aussagen der Führungspersonen kämen ihm nicht real, sondern eher wie ein selbst zelebriertes Idealbild vor.

Tatsache ist: Der Rhythmus des Arbeitslebens steigert sich ständig. Unser Alltag spielt in einer bunten, lauten, blinkenden Welt, in der wir von allen Seiten mit Reizen überflutet werden: Bilder, Nachrichten, Musik, E-Mails, Werbung, Konzeptpapiere. Alles muss schnell gehen: Arbeit, Leben, Freizeit, selbst das Reisen. Ein Teil dieses Drucks hat objektive Ursachen: Die Globalisierung beeinflusst unser Leben, die weltweite Konkurrenz verschärft für viele Menschen die Arbeitsbedingungen, ohne dass sie sich dagegen wehren können. Gefordert werden unbegrenzte Flexibilität, nicht enden wollende Anpassungsbereitschaft, ständige Verfügbarkeit.

«Interessierte Selbstgefährdung»

Der Mensch der Zukunft müsse sich stark verändern, wenn er den wachsenden Ansprüchen entsprechen wolle, ohne krank zu werden, meinte Mattig. Es könne nicht das Ziel sein, den normal funktionierenden, gesunden menschlichen Körper zu manipulieren – mit Medikamenten beispielsweise –, man müsse den Menschen den angemessenen Freiraum zurückgeben, damit sie gesund und leistungsfähig bleiben.

Noch scheint das ein frommer Wunsch zu sein. Professor Andreas Krause, Dozent für Angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz, wies darauf hin, dass die Arbeitnehmer heute eher dazu neigen, sich selbst zu gefährden, indem sie krank zur Arbeit kommen, auf Erholungspausen verzichten, am Wochenende oder in den Ferien schuften, länger als zehn Stunden am Tag arbeiten oder in einem hohen Ausmass unbezahlte Überstunden leisten.

Gut für die Gesundheit: Öfter mal abschalten. (Bild: pixelio.de)

Erfolgschance packen auf Kosten der Gesundheit

Besonders Freiberufler und Selbstständige arbeiten oft ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit.

Dasselbe geschieht, wenn sich einmalige Erfolgschancen oder neue Perspektiven für die eigene berufliche Zukunft bieten. Immer öfter komme diese Art von Rücksichtslosigkeit gegenüber der eigenen Gesundheit auch bei Mitarbeitenden und Führungskräften in Unternehmen vor. Krause nennt das Phänomen «Interessierte Selbstgefährdung» und meint damit, dass auf Kosten der Gesundheit ganz bewusst die Arbeit in den Vordergrund gerückt werde. «Begeisterung für die eigene Arbeit kann genauso zu Rücksichtlosigkeit sich selbst gegenüber führen, wie Angst vor dem Versagen», sagte Krause.

Mach mal Pause

Norbert K. Semmer, Arbeits- und Organisationspsychologe von der Universität Bern zeichnete am konkreten Beispiel auf, wie sich vermehrter Stress ohne Pause auswirken kann. Fahrprüfer mussten laut Beschluss der Geschäftsleitung anstatt wie bisher neun, nun elf Kandidaten am Tag prüfen. Das bedeutete, dass sie keine Pausen mehr zwischen den Prüfungen einlegen konnten. Zuvor hatten sie jeweils fünf Minuten Pause zwischen den Fahrprüfungen gehabt.

Die Auswirkung: die zuvor 22 Prozent Eingriffe – ins Lenkrad fassen oder verbale Warnungen geben – stiegen auf 40 Prozent an. Und die Folge: Die Prüfer reagierten durch diese ständige Anspannung mit einem hohen Adrenalinspiegel, der sich auch am Wochenende nicht ganz abbaute, so dass die Prüfer gestresst wieder in die nächste Arbeitswoche gingen und sich nicht richtig erholen konnten.

Semmers Empfehlung: Mindestens alle halbe Stunde sollten auch so genannte Schreibtischtäter etwa fünf Minuten Pause machen, das schone den Nacken- und Schulterbereich. Und die wöchentliche Arbeitszeit solle im Auge behalten werden, mehr als 50 Stunden seien für die meisten Menschen auf Dauer ein Gesundheitsrisiko, sagte Semmer.

Reiben an der Wunderlampe

Christian Fichter, Arbeitspsychologe an der Universität Zürich, plädierte am Ende der Tagung für aktives Abschalten. Das Immer-und-überall-Handy komme ihm vor wie eine Wunderlampe: drücken, reiben, wischen; nur der gute Geist, der nach dem Wunsch des Meisters frage, erscheine nie. Heute sei alle Aufmerksamkeit dem elektronischen Kleinod gewidmet, der Mensch ständig auf Stand-by.

Fichters Tipp: Einfach manchmal abschalten, unerreichbar sein, um sich konzentrieren zu können.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News