500 Jahre Johannes Calvin

«Seine Sorge galt stets auch den sozial Schwachen»

Gestern hielt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey an der Universität Zürich einen Vortrag über soziale Gerechtigkeit und politische Freiheit bei Johannes Calvin. Die Botschaften des Reformators seien nach wie vor aktuell. Der Calvinismus fördere das Bewusstsein, den Kapitalismus ethischen Forderungen anzupassen.

Marita Fuchs

Micheline Calmy-Rey in der Aula der Universität Zürich: «Calvin ächtete die zweckfreie Anhäufung von Gütern». (Bild: Marita Fuchs)

Es sei ein oft wiederholter Gemeinplatz, dass der Kapitalismus seinen Anfang in der protestantischen Ethik genommen habe, sagte Bundesrätin Micheline Calmy-Rey gestern in der Aula der Universität Zürich.

Demnach hätte Johannes Calvin den Finanzkapitalismus begründet. Doch dem sei nicht so. Die Botschaft sei eine andere: Der Calvinismus habe primär die Einheit und Solidarität unter den Gläubigen gefördert. Die Reformation habe das Prinzip des Einzelnen zur Gemeinschaft festgelegt. Jeder sollte an göttlichen und menschlichen Werken mitwirken, sich weiterbilden und kraft der eigenen Fähigkeiten Autorität in der Bürgergemeinschaft gewinnen.

Ein Ideologe zwar, aber auch ein Mann der Tat

Die Anderen – Nachbarn und Mitmenschen – seien in diesem Zusammenhang ebenso wichtig, wie die politischen Institutionen. Ohne die Einbindung in eine politische Gemeinschaft würde der Egoismus des Einzelnen die Grundlagen der Gemeinschaft zerstören. «Calvin selbst war eine öffentliche Persönlichkeit, ein Ideologe zwar, aber auch ein Mann der Tat», sagte Calmy-Rey.

Für ihn waren die Menschen dazu bestimmt, Bindungen einzugehen und sich durch Arbeit, Fleiss und Bescheidenheit Gott zu nähern. Er schätzte die Arbeit, die für ihn weit mehr war als Gewinnmaximierung um jeden Preis. Er ächtete die zweckfreie Anhäufung und die Verschwendung von Gütern.

In diesem m Sinne, so Calmy-Rey, ebnete er den Weg zu einer echten Entwicklung, zu nachhaltigen Unternehmen und Investitionen. Seine Thesen seien weit davon entfernt, die schamlose Bereicherung Einzelner zu rechtfertigen.

Calvin sorgte sich um das Wohl der Ärmsten

Nach Calvin muss die Gemeinschaft für eine gerechte Verteilung sorgen. Sind bestimmte Personen von der Gemeinschaft ausgeschlossen, etwa wenn sie keinen Arbeitsplatz haben oder nicht für ihren Lebensunterhalt sorgen können, dann ist nach Ansicht des Reformators nicht der Einzelne daran schuld.

Der Grund sei vielmehr, dass es entweder zu wenige Güter gebe oder diese schlecht verteilt würden und die Gemeinschaft insgesamt schlecht organisiert sei. Calvins Sorge galt nämlich stets auch den sozial Schwachen, so Calmy-Rey. «Er sorgte sich um das Wohl der Ärmsten.»

Er habe ein modernes Gedankengut in unsere Gesellschaft gebracht, meinte Calmy-Rey, denn der Calvinismus fördere das Bewusstsein, dass der Kapitalismus an die ethischen Forderungen unserer Zeit angepasst werden müsse.

Kann denn bestritten werden, fragte Calmy-Rey, dass in einer Welt, die durch die übermässige Nutzung nicht erneuerbarer Ressourcen gekennzeichnet ist, sich die ethische Verantwortung des Individuums nicht mehr nur auf seine Arbeit und sein Konsumverhalten beschränken kann?

«Die Ressourcen unseres Planeten sind endlich. Sie brauchen unseren Schutz», sagte Calmy-Rey. Ethisches Verhalten fordere heute kollektive Entscheide auf globaler Ebene, die auf die Tugenden der Arbeit und der Mässigung gründen. Eigenschaften, die auch für Calvin zentral waren.

Bundesrätin Micheline Calmy-Rey sprach am 29. Oktober 2009 an der Universität Zürich auf Einladung der Theologischen Fakultät. Der Vortrag fand im Rahmen einer Ringvorlesung statt, zum Thema «Johannes Calvin und die kulturelle Prägekraft des Protestantismus». Die Veranstaltung wurde organisiert von der Kommission für interdisziplinäre Veranstaltungen (KIV) der Universität Zürich.

Marita Fuchs ist Redaktorin UZH News.

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