Verhaltensbiologie

Darbende Barben

Aquarien sind en vogue. Über die artgerechte Haltung von Zierfischen ist jedoch wenig bekannt. Die Biologin Claudia Kistler möchte das ändern. Sie untersucht im Rahmen ihrer Dissertation das Verhalten von Aquariumsfischen. 

Marita Fuchs

Artgerechtes Becken: Pflanzen und Unterschlüpfe. (Bild: Marita Fuchs)

Claudia Kistler sitzt vor einem Aquarium, darin ein Schwarm von neun Barben, sie schwimmen hin und her. Die Verhaltensbiologin macht sich Notizen. Für den Laien sehen die fünf Zentimeter grossen blassrosa Zierfische sehr ähnlich aus, doch Claudia Kistler kann sie voneinander unterscheiden: «Anhand der Punkte am Körper erkenne ich sie.» Doch nicht nur das Individuum interessiert die Biologin; sie studiert das Verhalten des ganzen Schwarms.

Auf dem Strickhofgelände der Universität Zürich Irchel ist Claudia Kistlers Forschungsraum funktional eingerichtet: Neun schwere Aquarien stehen auf stabilen Tischen. Die Verhaltensbiologin hat ein Aquarium mit Kieselsteinen in einzelne Abschnitte unterteilt: viele Pflanzen hier, dort Tonkrüge, im Wechsel mit Flächen, die nur Sand enthalten. Das ist ihre Versuchsanordnung.

Zierfische als Lifestyle-Produkte

Bevorzugen die Fische die Abschnitte mit den Tonkrügen und Pflanzen? Wie viel Futter benötigen sie? Wiederholen sie aus Langeweile die immer wieder gleichen Bewegungen, wie ein Panther im Käfig? Unter welchen Bedingungen zeigen sie dieses Verhalten nicht – und, weshalb nicht? Diese Fragen will Claudia Kistler in ihrer Dissertation klären und damit einen Beitrag zur artgerechten Tierhaltung leisten. Die Relevanz liegt auf der Hand: Fische sind neben Katzen und Hunde die beliebtesten Haustiere der Schweizer. Nach einer Schätzung des Schweizer Tierschutzes, leben sieben Millionen Zierfische in der Schweiz.

Verhaltensbiologin Claudia Kistler beobachtet das Verhalten von Zierfischen. (Bild: Marita Fuchs)

Seit September 2008 sind Fische im Tierschutzgesetz aufgenommen worden: Bei den Zierfischen gibt es Vorschriften zur Grösse und zur Wassertiefe des Aquariums, zur Einhaltung vom Tag- und Nachtrhythmus der Tiere und zur Einsehbarkeit des Beckens. Doch fehle vielerorts das Wissen, worauf genau bei Zierfischen in Aquarien geachtet werden muss, meint die Forscherin. «Immer mehr Aquarien stehen in Cafés, Restaurants, Boutiquen oder Coiffure-Geschäften, sie sind grell ausgeleuchtet, damit sie cool wirken und chic aussehen», beschreibt die Forscherin.

Oft ist die Zusammensetzung der Arten ungünstig, da nach dem Aussehen – schön und bunt – ausgewählt werde. Auch die Einrichtung ist ein Problem: zuwenig oder ungeeignete Pflanzen, falscher Bodengrund, zu wenig oder keine Unterschlüpfe. Das alles bekommt den Fischen nicht gut. «Es kann Stress auslösen.»

Stress im Becken

Manche Aquariumsbesitzer wüssten nicht, dass einige Fischarten geräuschempfindlich sind und Stresshormone ausschütten, wenn zum Beispiel ständig an die Scheibe geklopft wird, so Kistler. Sterben die Fische, ist fix Ersatz besorgt, denn viele Zierfische sind billig. Gibt es jedoch zu viel Nachwuchs, ist das Becken schnell einmal überfüllt, was ebenfalls nicht zur Lebensqualität der Tiere beiträgt. Oft finden die überzähligen Nachkommen ein unrühmliches Ende: Sie werden mit der Toilettenspülung entsorgt.

Stresspegel messen

Unter welchen Bedingungen fühlen sich die Fische nun am wohlsten? Um das herauszufinden, will die Forscherin die ausgeschütteten Stresshormone der Tiere messen. «Damit kann ich meine Verhaltensbeobachtungen untermauern», erläutert Kistler. Verlässliche Daten liefert das Hormon Cortisol, das von gestressten Fischen ausgeschüttet wird und sich im Kot und im Wasser des Aquariums nachweisen lässt. Für die Auswertung will die Forscherin mit anderen Instituten zusammenarbeiten, die entsprechende Anlagen zur Messung des Cortisol-Gehalts im Wasser haben. An der Universität Zürich gibt es keine entsprechende Anlage.

Vom Fuchs zum Fisch

Claudia Kistler schöpft bei ihrer Arbeit aus reicher Erfahrung: Bevor sie sich mit Zierfischen befasste, untersuchte sie das Verhalten von Füchsen. Ihre Beobachtungen sind in die Gestaltung des neuen Fuchsgeheges im Wildpark Langenberg eingegangen. Seither haben die Füchse Holzstapel, an denen sie gerne entlang schleichen und viele Verstecke. Futter erhalten sie aus Futterautomaten, die zeitlich so programmiert sind, dass sie nicht immer zur gleichen Zeit Nahrung hergeben. Ab und zu gibt es auch Rosinen und Nüsse. Das Studentenfutter für Füchse verteilt eine Tierpflegerin im Gehege. «So kommt weniger Langeweile auf», meint die Forscherin. Jetzt möchte sie für die Zierfische Ähnliches erreichen.

Claudia Kistler arbeitet am Lehrstuhl von Prof. Barbara König, Abteilung Verhaltensbiologie. Für die Finanzierung ihrer Arbeit sucht sie noch Sponsoren.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News

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