Gesundheit

Blutspende-Kriterien auf dem Prüfstand

Homosexuelle Männer sind generell vom Blutspenden ausgeschlossen. Das sei überholt, findet Huldrych Günthard, Professor für Infektiologie am Universitätsspital Zürich.

Adrian Ritter

Blutspenden: Nach welchen Kriterien Spenderinnen und Spender zugelassen werden, ist umstritten. (Bild: Stockxpert)

Sind Sie mindestens 50 Kilogramm schwer? Haben Sie seit 1980 eine Bluttransfusion erhalten? Erkrankten Sie jemals an Borreliose? Wer Blut spenden will, dem legt das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) einen umfangreichen Fragebogen vor. Dies macht Sinn, denn sowohl die Gesundheit der Spender wie auch der Empfängerinnen und Empfänger des Blutes können durch die Blutspende gefährdet werden.

Einige Auschlusskriterien für Spender geben aber in letzter Zeit zu reden. So berichtete der Zürcher «Tages-Anzeiger» am 13. Juni 2009, dass auch beim SRK der Ausschluss von homosexuellen Männern und das sechsmonatige Spendeverbot für Personen, die einen neuen Partner oder eine neue Partnerin haben, umstritten ist.

UZH News hat bei Huldrych Günthard, Professor für Infektiologie am Universitätsspital Zürich, nachgefragt, welche Ausschlusskriterien aus medizinischer Sicht nötig sind.

UZH News: Huldrych Günthard, ist es medizinisch nötig, homosexuelle Männer vom Blutspenden auszuschliessen?

Huldrych Günthard: Strenge Kriterien machen grundsätzlich Sinn, denn obwohl das gespendete Blut immer auf HIV, Hepatitis und Syphilis getestet wird, kann ein Diagnosefehler nie zu 100 Prozent ausgeschlossen werden. Dass homosexuelle Männer aber grundsätzlich vom Blutspenden ausgeschlossen sind, scheint mir eine überholte Bestimmung zu sein.

Warum?

Sie basiert auf der Annahme, dass homosexuelle Männer häufiger den Partner wechseln und auf der Tatsache, dass HIV-Infektionen bei ihnen häufiger vorkommen als bei Heterosexuellen. Nun sind aber HIV-positive Menschen und solche mit einem neuen Partner ohnehin von der Blutspende ausgeschlossen. Entsprechend ist es unnötig, speziell Homosexuellen das Blutspenden zu verbieten. Es gibt auch heterosexuelle Menschen, die ein risikoreiches Sexualleben haben.
 

Huldrych Günthard, Professor für Infektiologie: «Die Situation ist nicht mehr dieselbe wie vor 20 Jahren.»
 

Wann sind homosexuelle Männer vom Blutspenden ausgeschlossen worden?

Die rigiden Kriterien gehen auf den Blutspende-Skandal in den 1980er Jahren zurück, als weltweit in zahlreichen Fällen HIV-infiziertes Spenderblut verwendet wurde und zu Ansteckungen führte. In der Folge wurden zu Recht strengere Kriterien erlassen.

Dass dabei speziell Homosexuelle von der Blutspende ausgeschlossen wurden, hat damit zu tun, dass man in den 1980er Jahre noch kaum etwas über HIV wusste und die Infektion zuerst bei homosexuellen Männern entdeckt wurde. Später stellte man fest, dass HIV auch bei Drogensüchtigen und Heterosexuellen auftrat. Heute verstehen wir die Krankheit viel besser und die Diagnosemethoden sind auch deutlich besser. Mit anderen Worten: Die Situation ist nicht mehr dieselbe wie vor 20 Jahren.

Das Kriterium, dass Personen mit einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin sechs Monate warten müssen bis zum Blutspenden, genügt also?

Grundsätzlich ja. Wobei mit den schnelleren und genaueren diagnostischen Methoden auch die sechsmonatige Wartefrist nicht mehr adäquat ist. Die Frist dient dazu, das so genannte diagnostische Fenster, also die Zeit zwischen einer Ansteckung und der Nachweisbarkeit einer Ansteckung, zu überbrücken. Mit den verbesserten Diagnosemöglichkeiten kann diese Frist auf drei bis vier Monate reduziert werden.

Sie plädieren also für gewisse Lockerungen bei der Zulassung. Kann damit der Mangel an Spenderblut behoben werden?

Das ist schwierig abzuschätzen. Der Mangel bezieht sich in der Schweiz insbesondere auf die Stadt Zürich. Dass weniger Blut gespendet wird, hat wohl auch mit dem zunehmenden Zeitmangel der Menschen zu tun. Daher ist es sinnvoll, die Menschen vermehrt in ihrem Lebensumfeld zum Blutspenden zu motivieren, wie das etwa im Militär oder bei den Studierenden und Mitarbeitenden an der Universität Zürich gemacht wird.

Wie verändert sich der Bedarf an Blut?

Einerseits wird heute in der Chirurgie deutlich weniger Spenderblut benötigt: Die Operationstechniken wurden verfeinert, das Blut des Patienten wird vermehrt zurück gewonnen und Patienten können vorgängige Eigenblutspenden leisten. Andererseits werden heute deutlich mehr Transplantationen und viel kompliziertere Eingriffe durchgeführt, etwa am Herzen und an Gefässen. Im Falle von Komplikationen kann es dabei vorkommen, dass ein Patient mehr als 200 Blutspenden benötigt.

Insgesamt veränderte sich somit die benötigte Blutmenge nicht stark. Wenn man sich vorstellt, dass man das Blut von 200 verschiedenen Spendern erhält, ist auch verständlich, warum der Wunsch nach Sicherheit so gross ist.

Adrian Ritter ist Redaktor von
UZH News.

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