Schweinegrippe

An der Schnittstelle zwischen Gesundheitsvorsorge und Forschung

Im Institut für Medizinische Virologie laufen die Fäden zur Eindämmung und Forschung über die Schweinegrippe zusammen. Das beschert allen Institutsmitgliedern Mehrarbeit, aber auch spannende Forschungsaufgaben.

Theo von Däniken

Menschen in Mexiko-Stadt tragen wegen des H1N1-Grippeausbruchs Masken. (Bild: Eneas de Troya, Wikimedia Commons)

«Im Moment haben wir kaum Zeit für die Forschung», erklärt Alexandra Trkola, Direktorin des Instituts für medizinische Virologie der Universität Zürich. «Wir sind vollauf damit beschäftigt, uns auf eine mögliche Pandemie vorzubereiten.» Das bedeutet im Moment vor allem, die Abläufe zu organisieren und Diagnose- und Analysemethoden für das erst seit Dienstag genetisch bekannte Schweinegrippe-Virus zu verbessern.

Verdachtsfälle abklären

Das Institut für Medizinische Virologie führt mit einigen anderen universitären Instituten in der Schweiz die diagnostischen Abklärungen der Verdachtsfälle durch. Im Moment sind diese noch sehr aufwändig und dauern mehrere Tage, denn für den Virus-Stamm, der für die Fälle der Schweinegrippe verantwortlich ist, existiert noch kein etabliertes Testverfahren «Das Nationale Influenza-Referenzzentrum in Genf ist derzeit daran, ein Testverfahren für die Schweiz zu etablieren», erklärt Trkola.

Der Erreger: Elektronenmikroskopische Aufnahme des Schweinegrippe-Viruses H1N1. (Bild: C. S. Goldsmith and A. Balish, CDC)

Bis Mitte nächste Woche, so hofft die Virologin, sollte ein sensitiver Test vorhanden sein. «Er wird uns ermöglichen, sehr viele Proben in kürzester Zeit zu bearbeiten». Sollte es tatsächlich zu einer Pandemie und zu einem rasanten Anstieg der Verdachtsfälle kommen, ist dies auch nötig, um die Abklärungen in vernünftiger Zeit durchführen zu können.

Gute Vorbereitung

Bisher sind erst wenige Verdachtsfälle aufgetreten; eine günstige Situation, meint Trkola, denn sie erlaubt es dem Institut, sich auf eine mögliche Pandemie vorzubereiten. In enger Zusammenarbeit mit der Abteilung für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene des Universitätsspitals werden deshalb derzeit Massnahmen für den Fall einer Grippewelle erarbeitet. Ob es wirklich zu einer Pandemie kommen wird, kann Trkola derzeit nicht sagen.

Organisiert werden muss vor allem der Umgang mit Proben von Verdachts-Patientinnen und –Patienten bevor sie ins Institut gelangen. Wer soll welche Proben nehmen, wie werden diese transportiert und gelagert? Dabei spielen Sicherheitsaspekte eine wichtige Rolle. Denn weil noch nicht bekannt ist, wie gefährlich die Viren sind, wird in einer höheren Sicherheitsstufe gearbeitet.

Um das Virus im akuten Stadium der Krankheit nachzuweisen, werden Abstriche genommen, die dann mit molekularbiologischen Methoden untersucht werden. Ist der Erreger direkt nicht mehr nachweisbar, da die Infektion schon abgeklungen ist, werden serologische Verfahren zur Anwendung kommen. Dabei wird nicht nach dem Virus direkt gesucht, sondern nach eventuellen Antikörpern, die als Reaktion auf die Infektion gebildet wurden. Diese Verfahren sind derzeit aber noch nicht verfügbar.

Aus menschlichen und Vogel-Grippeviren können sich im Schwein neue Virustypen ausbilden: Beispiele von Viren, die in Nordamerikanischen Schweinen gefunden wurden. (Bild: zVg.)

Spannendes Material für die Forschung

Trotz Mehraufwand und der potentiellen Pandemie-Gefahr ist für Trkola als Wissenschaftlerin die Schweinegrippe eine spannende Herausforderung. Influenzaviren sind seit langem ein Schwerpunktthema der am IMV beheimateten Forschungsgruppen. Die Forschungsgruppe von Jovan Pavlovic untersucht die natürliche, Interferon-induzierte Abwehr gegen Influenzaviren und verfolgt nun den Einfluss der natürlichen Abwehr auf die Schweinegrippe-Viren. Die Antikörperantwort des menschlichen Immunsystems zu viralen Infekten ist sowohl bei HIV als auch Influenza seit langem ein Forschungsthema am Institut. Insbesondere sind nun die Antikörper, die durch das Schweinegrippe-Virus entstehen, für die Forschenden in Trkolas Institut von Interesse.

SNF-Förderungsprofessor Lars Hangartner untersucht am Institut für Medizinische Virologie die durch Influenza-Viren hervorgerufenen Antikörper mit dem Ziel, bessere und breiter wirksame Impfstoffe entwickeln zu können.

Heutige Impfstoffe sind sehr stark an den jeweiligen Virustyp gebunden, der sich – auch bei humanen Grippeviren – relativ rasch ändert. Das zwingt die Impfstoffhersteller dazu, jedes Jahr neue Impfstoffe zu erzeugen. Deren Wirksamkeit kann jedoch nicht genau vorausgesagt werden, weil man nicht weiss, wie sich das Virus jeweils weiterentwickelt.

Schutz gegen künftige Virus-Varianten

Hangartner hofft, Antikörper isolieren und analysieren zu können, die gegen das Oberflächenprotein des Virus (Hämagglutinin,HA) gerichtet sind und gegen eine breite Varianz von Virustypen wirken. Bisher war sein Fokus auf humane und aviäre (Vogel-) Grippeviren ausgerichtet, nun werden die Methoden umgestellt, um auch das neue Schweinegrippevirus und die dagegen gerichteten Antikörper analysieren zu können. Mit ihrer Hilfe will Hangartner Antikörper identifizieren, die sowohl gegen die humanen Grippeviren wirken, wie auch gegen solche, die von Tierarten wie Schweine oder Vögel auf den Menschen überspringen.

Sie sollen die Entwicklung von so genannten «cross-species»-Impfstoffen ermöglichen, die Schutz gegen Virustypen gewähren, die durch eine Mischung von humanen und tierischen Grippeviren entstehen. Damit sollen sie nicht nur gegen heute bekannte und zirkulierende Typen wirken, sondern auch gegen neue, aus Vogel- oder Schweinegrippe-Viren entstehende Varianten mit einem Pandemie-Potential.

Theo von Däniken ist Redaktor von UZH News

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