Kinderspital

«Frauen müssen sichtbarer werden»

Nirgendwo sonst in der Medizin gibt es so viele Ärztinnen wie in der Pädiatrie. Doch bis zu Kaderpositionen sind Frauen bis vor ein paar Jahren nicht vorgedrungen. Eine Gruppe von Ärztinnen am Kinderspital hat selber einige Hindernisse beiseite geräumt.

Sabine Witt

2001 fing alles an. Die Kinderrheumatologin Traudel Saurenmann kam mit der Entwicklungspädiaterin Beatrix Latal und weiteren jungen Oberärztinnen ins Gespräch und merkte, dass viele sich an derselben Chancenungleichheit störten. Die Kinderheilkunde oder Pädiatrie ist die medizinische Disziplin mit dem höchsten Frauenanteil, sowohl in der Weiterbildung als auch beim Facharztabschluss FMH. Dennoch gab es an den beiden Kliniken des Kinderspitals, der medizinischen und der chirurgischen, keine Frauen im Kader. Auf die noch ausgeglichene Situation auf Assistenzarztstufe folgten weder habilitierte oder Leitende Ärztinnen noch Professorinnen. «Das war eine krasse Fehlsituation», sagt die heutige Leiterin der Kinderrheumatologie Traudel Saurenmann rückblickend.

Entwicklungspädiaterin Beatrix Latal (l.) und Kinderrheumatologin Traudel Saurenmann setzen sich für flexiblere Karrierewege ein. (Bild: Frank Brüderli)

Traudel Saurenmann und gleichgesinnte Oberärztinnen trafen sich zum Abendessen. So konnten sie einander kennenlernen und über ihre beruflichen Wünsche diskutieren. Mit gewissen Verhaltensweisen, so stellten sie fest, standen sie sich selber im Weg. Oft ermöglichten gerade sie den männlichen Ärzten die Karrieren, indem sie deren klinische Arbeit übernahmen, damit diese zum Beispiel Vorträge halten konnten. Die typische Arbeitsteilung sah denn auch so aus: Der männliche, habilitierte Abteilungsleiter kümmerte sich um Forschung, Administration und Personalfragen, während die weibliche, nicht habilitierte Oberärztin primär die klinische Arbeit bewältigte.

Flexiblere Karrierewege

Ärztinnen stiessen auch an die sogenannte gläserne Decke, erklärt Beatrix Latal, weil Frauen weniger Führungsqualitäten zugetraut würden. Die Treffen wiederholten sich und es entstanden dabei konkrete Ideen, was zu tun sei. Denn eines war klar: Es gab eine ganze Reihe von Oberärztinnen, die bereit waren, Führungsaufgaben zu übernehmen. Und die Lösung? «Wir mussten uns sichtbarer machen», antwortet Saurenmann. Die Klinikleitung zeigte grundsätzlich Verständnis für die Anliegen der Oberärztinnen, unter der Bedingung, dass Instrumente zur Karriereförderung nur für beide Geschlechter in Frage kämen.

Mithilfe einer externen Beraterin wurde das Projekt «Chancenoptimierung» entwickelt. In Teilprojekten versuchten die Beteiligten, die Arbeitsplatzqualität zu verbessern, führten Qualifikationssysteme für das Kader ein und arbeiteten flexible Karrierewege aus. Damit die Vorschläge auch tatsächlich umgesetzt würden, waren Leitende Ärzte in alle Teilprojekte eingebunden. Die neuen Instrumente sind inzwischen in die betrieblichen Abläufe des Kinderspitals integriert und kommen nun allen zugute – ob Frau oder Mann. Zum Beispiel wurden Qualifikationsgespräche eingeführt, deren fester Bestandteil es ist, die nächsten Karriereschritte differenziert zu besprechen. Dieses Instrument soll unter anderem verhindern, dass bei Stellenbesetzungen willkürlich selektioniert wird. «Manche wurden immer angefragt. Andere erfuhren erst im Nachhinein, dass eine Stelle überhaupt zur Disposition stand», berichtet Saurenmann.

Sichtbare Erfolge

Ein weiteres Teilprojekt ist das «Coaching», bei dem vier bis fünf Ärztinnen unter der Leitung einer externen Fachperson berufliche Probleme, Fragen zur Laufbahn oder Work-Life-Balance diskutieren können. Dieses Teilprojekt wurde erst in die Mentoring-Werkstatt der UZH als Teil des Bundesprogramms Chancengleichheit aufgenommen und anschliessend vom Kinderspital weitergeführt. Die Erfolge sind inzwischen sichtbar: Bis 2003 gab es keine Frau am Kinderspital, die entweder habilitiert oder Leitende Ärztin war, im Sommer 2008 bereits sieben habilitierte beziehungsweise neun Leitende Ärztinnen, zu denen Traudel Saurenmann und Beatrix Latal selber gehören.

Auch wenn der Druck nachgelassen hat und weibliche Rollenmodelle für den Nachwuchs vorhanden sind, sehen Saurenmann und Latal noch einigen Handlungsbedarf. Für die Chancenoptimiererinnen heisst es weiterhin: Ärmel hochkrempeln und die nächsten Brocken vom steinigen Karrierepfad räumen.

Sabine Witt ist Journalistin

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