Buchvernissage

Bilderreise entlang der Seidenstrasse

Die Seidenstrasse diente nicht nur dem Austausch von Waren, sondern auch von Kultur und Wissenschaft. Ein neues Buch zeigt anhand konkreter Beispiele, wie sich Bildkonzepte über verschiedenste Kulturräume entlang der Seidenstrasse verbreiteten.

Theo von Däniken

Sie gehört zu den legendären Handelsverbindungen der Welt: die «Seidenstrasse», die den Mittelmeerraum mit den damaligen Hauptstädten des chinesischen Kaiserreiches mehrere tausend Kilometer weiter östlich verband. Der Begriff «Seidenstrasse» – erst im 19. Jahrhundert von deutschen Geografen Eduard von Richthofen geprägt – ist jedoch gleich in zweifacher Hinsicht irreführend: Denn vielmehr als um eine Strasse handelte es sich um eine ganzes Netz von Handelsrouten mit mehren Strängen und Abzweigungen.

Zweitens wurde längst nicht nur Seide entlang den grossen zentralasiatischen Wüsten und über die Pässe des Pamir transportiert. Fast alles, was als Handelware taugte und noch viel mehr, nämlich Ideen, Religionen und Kulturgüter wanderten über die «Seidenstrasse» von Ost nach West und umgekehrt.

Wie wandern Konzepte?

Einem spezifischen Aspekt dieses Austausches von Ideen und kulturellen Konzepten geht das am Freitag präsentierte Buch «The Journey of Maps and Images on the Silk Road» nach. Andreas Kaplony, Orientalist an der Universität Zürich und Philippe Forêt, Forscher am Institut für Kartographie der ETH und Associate Professor für Chinesische Studien an der Universität Nottingham, haben darin zehn Beiträge zusammengestellt, die sich mit der Darstellung von räumlichen Konzepten und deren Austausch entlang der Kulturen der «Seidenstrasse» befassen.

Das Wagnis hat sich gelohnt: Die beiden Herausgeber Philippe Forêt und Andreas Kaplony freuen sich über ihr Buch. (Bild: Theo von Däniken)

Der besondere Anspruch des Buchs war zu zeigen, wie Konzepte über die Grenzen der grossen Kulturräume – des Buddhismus, der islamischen Welt, des Mongolenreichs in Zentralasien und des Mittelmeerraumes – weitergegeben und transformiert wurden. Angesichts der riesigen geographischen Fläche, die das Netz der Seidenstrasse umfasst, angesichts der unterschiedlichen Kulturen und der langen Zeitspanne ein gewagtes Unterfangen, wie Philippe Forêt an der Buchvernissage eingestand: «Hätten wir zu Beginn des Projekts gewusst, wie gross unser Unwissen ist, hätten wir vielleicht nicht mit dem Buch begonnen.»

Drachen und Phönix in Armenien

Das Wagnis hat sich gelohnt: Die zehn Aufsätze spannen den Bogen von den frühen buddhistischen Einflüssen im China der Han-Zeit (206 v.Chr – 220 n.Chr) bis zu katalanischen Karten im 14. Jahrhundert. Zum Teil beschreiben sie, wie Motive direkt von einem Kulturkreis in einen anderen übertragen worden sind. Etwa die – offenbar ein Einzelfall gebliebene – Integration von chinesischen Symboltieren wie Löwe, Drache und Phönix in die armenische Kunst im 13. Jahrhundert, wie Dickran Kouymjian, Professor für Armenische Studien an der California State University, in seinem Beitrag zeigt. Dabei ist die Übernahme der Bildmotive hinterlegt mit engen politischen Beziehungen des armenischen Königshauses zu den Nachfolgern Dschingis Khans am Hof von Karakorum.

Ein spannendes Beispiel, wie sich eine Darstellungskonvention im gesamten Einzugsgebiet der Seidenstrasse etablieren konnte, sind die astrologischen Diagramme, denen Johannes Thomann von Orientalischen Institut der Universität Zürich nachgeht. Waren sie in der Antike noch durchwegs rund, so beruht die Mehrheit der mittelalterlichen Horoskope in griechischen, arabischen und lateinischen Kodizes auf einem in neun kleinere Quadrate unterteilten Quadrat, dessen vier Eckquadrate wiederum diagonal unterteilt sind. Thomann argumentiert, dass diese Darstellungskonvention auf Diagramme zurückgeht, die in einer bestimmen Form der chinesischen Weissagung, der Hemerologie, verwendet wurden. Sie belegen so indirekt die Bedeutung der Seidenstrasse für den Austausch über grosse Distanzen.

Klee oder Karte?

Daneben gibt es im farbigen Abbildungsteil des Buches wahre Bildschätze zu entdecken, etwa die Kartendarstellungen im ägyptischen «Buch der Merkwürdigkeiten und Wunder» aus dem elften Jahrhundert. Die stilisierten Darstellungen der Flüsse, Berge, Seen und Meere erinnern an Bilder von Paul Klee.

Ebenfalls aus dem elften Jahrhundert stammt die Karte der Seidenstrasse des islamischen Gelehrten al-Kashghari, die in seinem vergleichenden Wörterbuch der türkischen Sprachen zu finden ist. Das Beisel zeigt– so Andreas Kaplony in seinem Beitrag – wie sich der aus Zentralasien stammende al-Kashghari für seine Darstellung der Welt der türkischen Völker an den islamisch-arabischen Karten orientiert. Da sie nur in einer späteren Kopie aus dem 13. Jahrhundert erhalten ist, kann Kaplony zudem anhand des Textes rekonstruieren, inwiefern die Kopie von der ursprünglichen Karte abweicht. Dies gibt Hinweise darauf, wie solche Karten über die Zeit weiterverbreitet wurden.

Die Reise geht weiter

Eine Reise auf der Seidenstrasse war – das machte der Sinologe Thomas Höllmann an seinem Vernissage-Vortrag lebhaft deutlich – ein ebenso anstrengendes wie gefährliches Unterfangen. Die Bilderreise in «The Journey of Maps and Images on the Silk Road» hingegen zeigt an zehn Beispielen die manchmal subtilen, doch machtvollen Wege, auf denen Ideen und Konzepte kulturelle und geograpische Grenzen überschritten. Als Ermutigung zur Grenzüberschreitung zwischen wissenschaftlichen Disziplinen wollen die Herausgeber auch ihr Buch verstanden wissen und wünschen sich in ihrem Schlusswort weitere Arbeiten zur Seidenstrasse. Der Wunsch ist offenbar schon erhört, denn, wie Philippe Forêt an der Vernissage mitteilte, eine Anfrage für einen zweiten Band liegt bereits vor.

Philippe Forêt und Andreas Kaplony (Hg.), The Journey of Maps and Images on the Silk Road.Brill's Inner Asian Library 21, Leiden, Brill, 2008)

Theo von Däniken ist Redaktor von unipublic

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