Ringvorlesung der Privatdozentinnen und -dozenten

Im Reich der Sinne

Die öffentliche Interdisziplinäre Ringvorlesung der Privatdozentinnen und Privatdozenten widmet sich den Sinnen. Ein Gespräch mit Erwin Sonderegger, Titularprofessor für Geschichte der Philosophie, der die Eröffnungsvorlesung zur Reihe hielt.

David Werner

Es sind Lebewesen vorstellbar, die nur einen einzigen Sinn hätten, nach Aristoteles müsste es der Tastsinn sein. (Bild: Stockxpert)

Herr Sonderegger, was ist der Sinn dieser Veranstaltungsreihe über die Sinne?

Für uns als Naturwesen sind die Sinne das wichtigste Überlebensinstrument. Nicht weniger wichtig sind aber ihre Funktionen in unseren kulturellen Tätigkeiten, wie etwa beim Essen, Singen, Reden, Musik Hören, Bilder Betrachten, Kranke Heilen. Wenn wir auch diese einbeziehen, wie es in der Vorlesungsreihe geschieht, dann zeigt sich, dass die eigentliche Leistung der Sinne, obwohl wir sie irgendwie für naturgegeben halten, doch immer eine Interpretationsleistung in einer Welt ist.

Was interessiert Sie als Philosophen an den Sinnen?

Mit den Sinnen hängen seit Beginn der Philosophie in Europa die wichtigsten Fragen zusammen. Es beginnt damit, dass für Platon die grundlegende Unterscheidung die ist zwischen dem, was man wahrnehmen, und dem was man denken kann. Das setzt sich fort in den Unterscheidungen zwischen Leib und Seele, «res extensa» und «res cogitans», Subjekt und Objekt, Gegebenem und Erfasstem, Sinnesreiz und Bedeutung. Einige Philosophen suchen diese Dualismen zu verstehen und zu befestigen, andere versuchen, ihnen zu entkommen.

Warum gibt es Sinn nur im Singular, Sinne nur im Plural?

Auch der Sinn im Singular ist noch ein Plural, denn «Sinn» hat mehrfachen Sinn. Das Wort bezeichnet die Bedeutung eines Wortes oder Satzes, es steht aber auch für Absicht oder Zweck einer Handlung. Wenn wir vom Sinn einzelner Naturerscheinungen reden, zum Beispiel Farben und Düfte von Tieren und Pflanzen als Lockung oder Warnung, dann schreiben wir ihnen eine gewisse Funktion in einem System zu.

Es sind Lebewesen vorstellbar, die nur einen einzigen Sinn hätten, nach Aristoteles müsste es der Tastsinn sein. Die Anzahl der Sinne scheint mit der Komplexität des Lebewesens und seiner Umwelt zu korrelieren und kann als Antwort des Lebendigen auf die Vielzahl der Eigenschaften der Dinge betrachtet werden.

Warum ist gerade der Sinn der Dinge der sinnlichen Wahrnehmung entzogen?

Wenn wir unter «Sinn der Dinge» ihre Funktionalität in ihrem jeweiligen Zusammenhang verstehen, dann ist «Sinn» eine Beziehung und als solche nicht wahrnehmbar. Sinn kann etwas nur in einem Ordnungszusammenhang, in einer «Welt», haben. Aber vielleicht sind sogar die Sinnendinge unserer Sinneswahrnehmung entzogen, denn was und wie wir wahrnehmen, ist noch sehr fraglich.

Nehmen wir einen Hund wahr? Auch «Hund» ist ein Sinn in einer Welt und als solcher nicht wahrnehmbar. Nehmen wir Eigenschaften wahr? Wenn ich beispielsweise Gerhard Roth in seinem Buch «Das Gehirn und seine Wirklichkeit» folge, dann erzeugt erst das Gehirn Bedeutungen, Wahrnehmungszustände, Vorstellungen von Dingen und ihren Eigenschaften.

Allerdings fügt Roth bei, dass diese Tatsache zu einer «verwickelten Situation» führe, wie er schreibt: «Das Gehirn, welches mir zugänglich ist (das wirkliche Gehirn), bringt gar keinen Geist hervor; und dasjenige Gehirn, welches mitsamt der Wirklichkeit Geist hervorbringt (nämlich das reale Gehirn - so muss ich plausiblerweise annehmen), ist mir unzugänglich.» Ein neues Jenseits. Es ist unklar, was eine reine Sinneswahrnehmungen, also die reine Reizung der Sensoren und die Codes von den Sensoren zum Gehirn, ohne jede Bedeutung sein soll.

Hat es einen Sinn, dass der Sinn so unsinnlich ist?

Es ist jedenfalls unmöglich, dass den Dingen ihr Sinn auf der Stirne geschrieben steht. Es müsste zudem nach wechselnder Situation und für verschiedene Gegenüber immer wieder etwas Neues da stehen. Da der Sinn keine Eigenschaft der Dinge ist, sondern sich aus ihren Beziehungen zu den anderen Dingen in einer Welt ergibt, ist der Sinn sinnlich nicht wahrnehmbar.

Es ist sehr zweckmässig, dass der Sinn der Dinge unsinnlich ist, so kann er sich leicht ändern. Das zwingt uns, alles in unserer Welt uns Begegnende zu interpretieren und zu werten.

Die Ringvorlesung findet jeweils am Mittwoch von 18.15 h bis 19.30 h im Hauptgebäude der Universität Zürich-Zentrum (KOL F 104) statt.

David Werner ist Redaktor des unijournals.

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