Jugend-Sprache in SMS und Chat

Orthografische Anarchie

In SMS-Texten und Chat-Dialogen von Jugendlichen herrscht die sprachliche Anarchie. Die Linguistin Christa Dürscheid untersucht nun, ob und wie die neuen Medien das Schreiben in der Schule beeinflussen.

Roger Nickl

«ish cool xi mal wieder chli mit dir zplaudere hüt ... und nei ich bin kein stalker ;-)», beendet Larissa einen Chat im Internet in jugendsprachlichem Neuschweizerdeutsch. Ein Satz wie er heute in Internetforen von jungen Schweizerinnen und Schweizern tausendfach geschrieben wird. Diese Art der schriftlichen Kommunikation lässt zuweilen nicht nur Deutschlehrern die Haare zu Berge stehen. Denn die Sätze spotten meist allen Regeln der orthografischen Kunst und die Schreibenden stellen in ihren Botschaften meist keinen kohärenten Sachverhalt über mehrere Zeilen dar.

«ish cool xi mal wieder chli mit dir zplaudere...»: orthografische Anarchie in SMS-Texten wirkt sich wenig auf das Schreiben in der Schule aus. (Bild: Ursula Meisser)

Stimmen, die im Zusammenhang mit den neuen Medien einen allmählichen Zerfall der Sprachkompetenz von Jugendlichen feststellen, werden deshalb in der Öffentlichkeit in regelmässigen Abständen laut. Die Fachleute geben in solchen Fällen meist Entwarnung: Das Schreibvermögen habe keineswegs abgenommen und die Jugendlichen könnten durchaus zwischen dem Schreiben eines SMS und eines Schulaufsatzes unterscheiden.

Ihre Aussagen stützen die Experten vor allem auf Beobachtungen und Vermutungen, nicht aber auf wissenschaftlich gesicherte Daten. Denn ob und wie sich das informelle Schreiben mit den neuen Medien in der Freizeit auf das normgebundene Schreiben in der Schule auswirkt, wurde bislang nicht untersucht.

Simsen, chatten, bloggen

Das soll sich nun ändern. Christa Dürscheid erforscht schon seit einiger Zeit die Sprache von Jugendlichen in der Deutschschweiz. In einem aktuellen Nationalfonds- Projekt geht die Linguistin und ihr Team nun der Frage nach, ob das Tippen von SMS und Chats auch Spuren in Schulaufsätzen und anderen schulischen Textsorten hinterlässt. Schülerinnen und Schüler aus Gymnasien, Sekundar- und Berufsschulen haben dazu den Sprachwissenschaftlern Schul- und Freizeittexte – Chats, SMS, Texte von Websites und Blog-Beiträge – zur Verfügung gestellt.

Diese Texte werden nun kodiert, nach rund 30 Merkmalen untersucht und miteinander verglichen. Phänomene wie Orthografie und Grammatik oder der Gebrauch von Mundart-Ausdrücken oder Abkürzungen wollen Christa Dürscheid und ihre Mitarbeiter dabei genauso unter die Lupe nehmen wie Fragen der Textkohärenz.

Wenig Einfluss auf die Schule

Erste Befunde deuten darauf hin, dass die Experten mit ihrer Meinung durchaus richtig liegen: «Die Hypothese, dass es wenig Kontaktphänomene gibt, dass der Einfluss der neuen Medien auf das Schreiben in der Schule zumindest an der Textoberfläche also gering ist, bestätigt sich», sagt Christa Dürscheid. Nur weil die Orthografie bei SMS und Chats keine Rolle spielt, bricht also noch lange nicht die sprachliche Anarchie aus.

Ob sich die neuen Kommunikationsformen allerdings auf die inhaltliche Konsistenz von Texten auswirkt, wird sich in weiteren Untersuchungen noch zeigen müssen. «Generell gehen wir aber davon aus, dass Schülerinnen und Schüler zwischen dem informellen und dem normgebundenen Schreiben differenzieren können», sagt Projektmitarbeiterin Sarah Brommer.

Das Schreiben reflektieren

In der Schule selber ist das Schreiben in den neuen Medien noch kaum ein Thema. «Viele Lehrer sind nicht mit den neuen Medien sozialisiert worden», sagt Christa Dürscheid, «und es gibt auch einen gewissen Dünkel.» Eine Reflexion über das Schreiben von SMS, hört man immer wieder, gehört nicht in den Deutschunterricht. «Die neuen Medien sind für die Entwicklung von Schreibkompetenz aber wesentlich wichtiger als etwa der Fernseher», gibt Sarah Brommer zu bedenken. «Man sollte sie deshalb konstruktiv und sinnvoll im Unterricht einsetzen.»

Lieber mit Abwesenden SMS'len als mit Anwesenden plaudern? (Bild: Ursula Meisser)

Ganz neu sind die sprachlichen Phänomene, die sich in den elektronischen Freizeittexten zeigen, nicht. Auch auf Postkarten, in Tagebucheinträgen oder in kleinen Briefchen, die sich Schülerinnen und Schüler auch schon früher unter der Bank durchreichten, foutieren sie sich oft um die Regeln der Rechtschreibung. «Mit den neuen Medien hat sich das Spektrum an Kommunikations- und Schreibsituationen und damit verbunden an Textsorten aber wesentlich erweitert», sagt Christa Dürscheid. «Wird das zu wenig reflektiert, besteht die Gefahr, dass sich die Schreibstile zu durchmischen beginnen.»

Und noch eine andere Gefahr sehen die Forschenden von den neuen Kommunikationsmitteln ausgehen: «Wenn Schüler in Gegenwart von anderen SMS schreiben, statt mit Anwesenden also mit Abwesenden kommunizieren, ist das auch eine soziale Verarmung», meint Christa Dürscheid. Auch darüber sollte in der Schule künftig mehr nachgedacht werden.

 

Kontakt Prof. Christa Dürscheid, Sarah Brommer, Deutsches Seminar der Universität Zürich, duerscheid@ds.uzh.ch,brommer@ds.uzh.ch Finanzierung Schweizerischer Nationalfonds Zusammenarbeit Pädagogische Hochschule Zürich, Zürcher Kantons-, Berufs- und Sekundarschulen 

Roger Nickl ist Redaktor des unimagazins

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