Interview mit dem neuen Rektor Andreas Fischer

«Ich freue mich, die Verantwortung für das Ganze zu übernehmen»

Am 1. August hat Andreas Fischer das Amt als Rektor der Universität Zürich angetreten. Im Interview mit unipublic erzählt er, was ein Rektor von Shakespeare lernen kann und wo er die Universität in vier Jahren sieht.

Theo von Däniken

«Das politische Verständnis zwischenmenschlicher Beziehungen hat mich mehr und mehr geprägt.» (Bild: Theo von Däniken)

Herr Fischer, Sie haben sich als Prorektor und Rektor designatus rund zwei Jahre auf das Amt als Rektor vorbereiten können. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Andreas Fischer: Ich konnte mir in diesen zwei Jahren Gedanken machen, in welche Richtung sich die Universität entwickeln soll. Jetzt freue ich mich, die Verantwortung für die ganze Universität zu übernehmen. Als Rektor werde ich mich stärker in Gebieten engagieren, die mir bisher noch nicht so vertraut waren. Ich denke zum Beispiel an die Medizin oder an die naturwissenschaftliche Forschung. Hier werde ich noch viel lernen müssen. Auch darauf freue ich mich.

Wovor haben Sie am meisten Respekt?

Andreas Fischer: Respekt habe ich vor der ganzen Aufgabe. Ein hochkomplexes und – wie erwähnt – für mich weniger vertrautes Gebiet ist zum Beispiel die Medizin, wo die Universität besonders stark im Rampenlicht steht. Öffentlichkeit und Medien beobachten sehr genau, was in der medizinischen Forschung und am Universitätsspital passiert. Viele Entscheide, bei denen die Universität nur einer von zahlreichen Akteuren ist, werden direkt der Universität zugeschrieben. In einem so komplexen und stark politisierten Umfeld die richtigen Entscheidungen treffen zu können, das nötigt mir Respekt ab.

Sie sind ein grosser Shakespeare-Kenner. Halfen Ihnen Shakespeares Dramen bei der Vorbereitung auf das Amt als Rektor?

Andreas Fischer: Indirekt schon. Vor allem in den Königsdramen und in den Tragödien geht es stets um letztlich «politische» Auseinandersetzungen zwischen Menschen. Es gehört zum Wesen des Menschen, dass er sich mit seinen Interessen durchsetzen will, dass er Partner oder Alliierte finden will, dass er sich verteidigt, wenn er das Gefühl hat, er werde benachteiligt oder ungerecht behandelt. Dieses politische Verständnis zwischenmenschlicher Beziehungen hat mich mehr und mehr geprägt. Viele Entscheidungen in der Universität sind so gesehen Entscheidungen in einem politischen Gefüge. Es interessiert mich, diesen Prozess mit Augenmass und Verantwortungsbewusstsein zu steuern.

Die Universitätsleitung wurde im vergangenen Jahr neu strukturiert. Hat sich diese Struktur bewährt?

Andreas Fischer: Meine Bilanz ist verhalten positiv. Ein Vorteil der neuen Struktur ist, dass die Geschäfte einer Gruppe von Fakultäten noch intensiver als bisher von einem einzigen Mitglied der Universitätsleitung betreut werden. Als Folge davon gehen jedoch bedeutend mehr Geschäfte als früher über die Pulte jedes Prorektors und die Arbeitslast hat zugenommen. Als weitere Konsequenz haben sich die Kernbereiche der früheren Prorektorate etwas verselbständigt und führen ein gewisses Eigenleben. Hier müssen wir die Entwicklung der nächsten Jahre abwarten, um zu beurteilen, ob dies positiv oder negativ ist.

Mit der Einführung der Autonomie und der Umstellung auf das Bologna-System hat die Universität in jüngster Zeit zwei der grössten Umwälzungen in ihrer 175-jährigen Geschichte durchgemacht. Diese beiden Vorhaben sind abgeschlossen oder zu einem guten Teil umgesetzt. Welche Herausforderungen sehen sie für die nächsten vier Jahre?

Andreas Fischer: Bei der Umsetzung der Bologna-Reform gibt es noch immer viel zu tun, so beginnen etwa einige Fakultäten ihre Masterprogramme erst in diesem Jahr. Auch die Doktoratsstufe werden wir teilweise neu strukturieren. Auf der anderen Seite braucht es nun eine Konsolidierung: Die Fakultäten müssen sich an Bologna gewöhnen und Erfahrungen damit sammeln – von der Gestaltung der Curricula bis zur Frage der Leistungsüberprüfung. In vier Jahren sollten wir zurückblicken können und noch besser als jetzt wissen, wo wir Änderungen vornehmen und Akzente setzen wollen.

Welches werden Ihre persönlichen Schwerpunkte für die nächsten vier Jahre sein?

Andreas Fischer: Ich sehe vier Themen, denen ich besondere Aufmerksamkeit widmen will: Einer wird die Nachwuchsförderung und Verbesserung der Startchancen von jungen Akademikern sein, denn hier haben wir einen gewissen Nachholbedarf. Zweitens möchte ich das internationale Profil der Universität weiter schärfen. Wir sollten uns stärker überlegen, welche Studierenden aus anderen Ländern wir anziehen und mit welchen Universitäten und Ländern wir intensiv zusammenarbeiten wollen. Ich denke dabei vor allen an einen weiteren Ausbau der Beziehungen nach Asien. Auch die Beziehungen mit Nord- und Südamerika sind noch wenig entwickelt.

Die weiteren Schwerpunkte?

Andreas Fischer: Der dritte Punkt ist der Ausbau des Fundraising. Wir haben im Zusammenhang mit dem Jubiläum sehr erfolgreich Geld eingeworben und in dieser Beziehung viel gelernt. Das sollten wir – wie das viele Universitäten heute machen – auf eine breitere Basis stellen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir vom Kanton und vom Bund gut finanziert werden, aber es zeigt sich, dass die Universität mehr finanziellen Spielraum braucht, als sie hat. Dazu braucht es ein erfolgreiches Fundraising.

Ein wichtiges Ziel ist viertens, dass die Identifikation aller Universitätsangehörigen mit der Universität noch stärker wird. In der Schweiz sind die Universitäten ihrer Geschichte nach Teil des staatlichen Schulwesens, quasi die Fortsetzung der Schule mit anderen Mitteln. Es hat kaum Tradition, stolz auf die Universität zu sein, an der man abgeschlossen hat, oder eine spezielle Verbundenheit zu ihr zu entwickeln. Ich möchte darauf hinarbeiten, das «Gemeinschaftsgefühl» – ich habe noch kein besseres Wort dafür – an der Universität Zürich zu stärken.

Wie wollen Sie das an einer grossen und so breit diversifizierten Universität wie Zürich erreichen?

Andreas Fischer: Wichtig ist, dass wir die Universitätsangehörigen vom Anfang bis zum Schluss intensiv betreuen. Wir können beispielsweise noch mehr machen, um die neuen Studierenden willkommen zu heissen und ihnen rascher ein Gefühl zu vermitteln, dass sie an dieser Universität zu Hause sind. Am Ende des Studiums sollten wir die Absolventen nicht einfach ziehen lassen, sondern sie im Rahmen von Schlussveranstaltungen verabschieden und ihnen eine Mitgliedschaft in einer Alumni-Vereinigung anbieten. Ich bin sehr stark von England geprägt: Wenn sie in Oxford oder Cambridge studiert haben, dann sind sie ein Leben lang stolz darauf. Ich wünsche, dass wir an der Universität Zürich dieses Gefühl stärken können, auch wenn wir die Vorbilder vielleicht nie erreichen werden.

«Dank Bologna wird auf der Master- oder Doktoratsstufe eine Konzentration auf gewisse Exzellenz-Schwerpunkte stattfinden.» (Bild: Theo von Däniken)

Diese Identifikation hat wohl auch damit zu tun, dass Cambridge und Oxford als Spitzen- oder Elite-Universitäten positioniert sind. Die Universität Zürich als kantonale Universität hat aber auch einen breiten Bildungsauftrag und wird sich kaum als Elite-Universität profilieren können. Wo sehen Sie die Universität Zürich in diesem Spannungsfeld?

Andreas Fischer: Die Universität Zürich kann sich nicht als reine Spitzenuniversität positionieren, das stimmt. Ich glaube aber, dass dank Bologna auf der Master- oder Doktoratsstufe eine fachliche Spezialisierung oder eine Konzentration auf gewisse Exzellenz-Schwerpunkte stattfinden wird. Dies ist gewissermassen ein natürlicher Prozess: Fachgebiete mit sehr guten Forschern verhelfen der Universität Zürich zu einem guten Ruf und ziehen dadurch wiederum gute Doktorierende an. In diesem Sinne wird es eine Fokussierung auf gewisse Spitzenfelder geben. Diese geht aber nicht zu Lasten einer breiten Ausbildung für viele Studierende im Rahmen all dessen, was die Universität anbietet.

Heisst das, dass es auf der Masterstufe eine stärkere Selektion geben wird?

Andreas Fischer: Das könnte eine Konsequenz sein. Ich bin hier offen, glaube aber nicht, dass die Universitäten in den nächsten Jahren eine scharfe Selektion einführen wollen oder können. Dies vor allem weil die Schweizerische Universitätskonferenz SUK – entgegen dem Antrag der Rektoren – entschieden hat, dass allen Studierenden, die in der Schweiz in einer Fachrichtung ein Bachelorprogramm absolviert haben, ein Masterstudium in der gleichen Fachrichtung offen stehen soll. Trotzdem sollten wir in Zukunft vermehrt versuchen, besonders die guten Studierenden zum Weiterstudieren zu motivieren und sie auch speziell zu fördern.

Sie haben gesagt, Sie möchten die Marke «Universität Zürich» in der Öffentlichkeit besser verankern. Was bedeutet das konkret?

Andreas Fischer: Die Universität tritt gegen aussen zu wenig geschlossen auf: Wenn sie fünf Broschüren aus unterschiedlichen Bereichen in der Hand halten, dann sieht jede anders aus. Die Universitätsleitung hat deshalb eine Überarbeitung des Corporate Design in Auftrag gegeben, damit die Universität mit ihren Kommunikationsmitteln einheitlicher auftritt und sofort als Universität Zürich erkennbar ist. Beim Jubiläum ist uns dies zum Beispiel sehr gut gelungen.

Die Jubiläumsaktivitäten haben uns auch gezeigt, dass die Universität ein sehr gutes Echo findet, wenn sie von sich aus an die Öffentlichkeit geht. Wenn wir uns mit unseren Erkenntnissen der Stadt, dem Kanton und der schweizerischen Öffentlichkeit präsentieren, können wir den vorhandenen Goodwill ausbauen, davon bin ich überzeugt.

Mit dem Amt des Rektors kommt eine grosse Arbeitsbelastung auf Sie zu. Wie finden Sie einen Ausgleich dazu?

Andreas Fischer: Ich finde den Ausgleich einerseits im Familienleben. Das geniesse ich sehr. Unsere Tochter macht eine Schauspiel-Ausbildung in England und ist nur noch in den Ferien hier. Doch so oft es geht, gehen wir gemeinsam ins Kino, ins Theater oder in die Oper. Ein einzelner Abend, an dem ich mich vollkommen entspannen kann, und der mich in eine andere Welt entführt, gibt mir sehr viel neue Energie. Zudem werde ich immer mal wieder für eine Woche weggehen, in die Berge oder ins Ausland. Auch daraus kann ich neue Energie schöpfen.

Sie haben im Hinblick auf Ihr neues Amt vor kurzem Ihren Lehrstuhl aufgegeben. Ein Wermutstropfen?

Andreas Fischer: Das ist es zweifellos. Ich habe ihn aber bewusst in Kauf genommen, als ich im November 2005 von der damaligen Findungskommission angefragt wurde, ob ich mir eine Kandidatur für das Rektorat vorstellen könne. Ich war 23 Jahre mit grosser Freude und viel Energie Lehrer und Forscher an der Universität Zürich. Dies stelle ich jetzt für die neue Aufgabe in den Hintergrund. Natürlich werde ich die Anglistik nicht gänzlich beiseite lassen und werde noch eine grössere Anzahl von Lizenzianden und Doktoranden weiter betreuen.

Sie sind seit Jahren einer der Hauptherausgeber der deutschen Studienausgabe der Shakespeare-Dramen. Dafür wurden Sie zusammen mit Ihren Mitherausgebern im vergangenen Jahr mit dem Max-Geilinger-Preis ausgezeichnet. Sie wollten die Ausgabe bis zu Ihrer Emeritierung in vier Jahren abschliessen. Ist dieses Ziel noch realisierbar?

Andreas Fischer: Ich bleibe zwar weiter einer der Hauptherausgeber, werde aber zurückstecken müssen und dem Projekt nur noch einen kleinen Teil meiner Zeit widmen können. Ich glaube nicht, dass die Studienausgabe bis zu meiner Emeritierung abgeschlossen sein wird. Aber ich hoffe sehr, noch zu erleben, dass alle 37 Stücke publiziert sind.

Theo von Däniken ist Redaktor von unipublic

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