Interview mit dem scheidenden Rektor Hans Weder

«Man muss die Auseinandersetzung pflegen»

Am 31. Juli übergibt Hans Weder nach acht Jahren die Rektorkette an seinen Nachfolger Andreas Fischer. Wie sieht er seine Amtszeit im Rückblick, und was wird er in den drei Jahren bis zur Pensionierung tun? unipublic hat nachgefragt.

Interview Brigitte Blöchlinger

Wendet sich wieder stärker der Theologie zu: der scheidende Rektor Prof. Dr. Hans Weder. (Bild: Brigitte Bloechlinger)

Professor Hans Weder, Sie traten 2000 Ihre erste Amtszeit als Rektor der UZH an. Wissen Sie noch, wie Sie sich damals fühlten?

Hans Weder: Ich hatte ein gutes Gefühl. Ich war vorbereitet, hatte die Evaluation erfolgreich bestanden und wusste, dass die Universität hinter mir stand. Auch musste ich die Universität ja nicht neu erfinden. Es ging in erster Linie darum, das Universitätsgesetz von 1998 in die Praxis umzusetzen und mit Leben zu füllen. Ich freute mich auf diese Aufgabe. Da ich aus einer kleinen Fakultät mit beschränktem Einfluss kam, begegnete man mir unvoreingenommen und ohne die Befürchtung, ich würde meine Position gegen die eine oder andere Gruppierung einsetzen.

Sie sind ja von Haus aus Theologieprofessor – wirkte sich das Ihrer Ansicht nach auf Ihre Tätigkeit als Rektor aus?

Hans Weder: Ich denke schon. Mein Arbeitsschwerpunkt als Theologieprofessor war Hermeneutik. Diese beschäftigt sich mit dem Verstehen und Auslegen von Texten. Da man es als Rektor mit sehr vielen Texten zu tun hat, kam mir das genaue und sorgfältige Lesen, das ich gelernt hatte, zugute.

Auch gewisse Führungsprinzipien haben einen theologischen Hintergrund. Ich bemühte mich immer, das Gegenüber zu verstehen, und achtete zum Beispiel darauf, dass niemand blossgestellt wird und sein Gesicht verliert. Die Theologie beeinflusste also eher meinen Umgang mit Menschen im Allgemeinen.

Als Theologe habe ich – zugespitzt formuliert – auch einen guten Zugang zur Ohnmacht. Machtlosigkeit ist für viele Leute ja ein katastrophaler Zustand, für mich als Theologen jedoch ein Bestandteil der condition humaine. Solche Grundüberlegungen zum Menschsein haben mir schon geholfen.

Hat sich Ihr Führungsstil im Laufe der Jahre verändert?

Hans Weder: Ich hoffe nicht. Denn ich war von Anfang an überzeugt, dass eine Universität einen partizipativen Führungsstil verlangt. Natürlich kommt man als Rektor gelegentlich in die Situation, dass man einfach entscheiden muss. Doch versuchte ich immer, zu argumentieren und zu überzeugen, weshalb ich etwas so und nicht anders wollte. Den Entscheiden gingen Gespräche mit den jeweiligen Fachleuten voraus, diesen habe ich auch wirklich zugehört und dabei ungeheuer viel gelernt. Von der Vorstellung, dass nur der stark sei, der ungeniert befiehlt, habe ich nie viel gehalten.

Vielleicht wurde ich mit der Zeit eine Spur direktiver. Einfach weil ich gelegentlich nicht mehr die Geduld aufbrachte, die gleichen Probleme immer wieder von Neuem zu diskutieren. In den Gremien habe ich aber stets darauf geachtet, dass unterschiedliche Meinungen vertreten sind. Ich wollte nicht nur Gleichdenkende um mich versammeln. Im Gegenteil schätze ich es, wenn differenziert und fair diskutiert wird. In der Universitätsleitung brauchten wir kaum je abzustimmen, es wurde meistens so lange diskutiert, bis eine Sache geklärt war und ein Konsens bestand. Das hat sehr gut funktioniert.

Wenn Sie mit anderen Universitäten vergleichen, ist es Ihrer Ansicht nach wünschenswert, dass Universitäten heute nach reinen Managementkriterien geführt werden?

 Hans Weder: Nein, und die, die das versucht haben, sind meistens gescheitert. Betrachtet man die Universitäten der LERU, der Liga der wichtigsten europäischen Forschungsuniversitäten, so werden alle nach akademischen Kriterien geführt. Ein Rektor, der selbst keine Forschungserfahrung hat, wird von den Universitätsangehörigen kaum akzeptiert.

Wenden wir uns den wichtigsten Geschäften während der letzten acht Jahre zu. Von aussen betrachtet waren zwei Aufgaben wichtig. Als erstes die Umsetzung der Autonomie der UZH, die 1998 im neuen Universitätsgesetz verankert worden ist. Was waren hier die Herausforderungen?

Hans Weder: Zu Beginn fehlten die einfachsten Abläufe, die es für die Selbstorganisation braucht – zum Beispiel ein klares Schema, nach welchem Anträge an die Universitätsleitung zu stellen sind. Auch mussten neue Gremien geschaffen werden, um die erwünschte Partizipation zu ermöglichen. Mit der Reform der Universitätsleitung sind mittlerweile die Strukturen soweit geschaffen, dass sich die UZH selbst organisieren und kontrollieren kann. Die Autonomie ist eine Organisationsform, die sehr wissenschaftsfreundlich ist, die man aber auch nutzen und pflegen muss.

Perfekt ist die Organisation der UZH natürlich auch heute noch nicht, es gibt immer noch Verbesserungsmöglichkeiten. Aber im Grossen und Ganzen ist die Selbstorganisation der Universität vollzogen. Dabei hat ein gewaltiger Kulturwechsel stattgefunden: Was heute von jedem Professor und jeder Professorin an Selbstorganisation ganz selbstverständlich erwartet wird – vom Aufbau der EDV-Infrastruktur bis zur Institutsplanung –, war 1996 zu einem grossen Teil noch regelrecht verboten.

Seit sich die Universität selbst organisiert, konnte der akademische Erfolg wesentlich gesteigert werden – auch deshalb, weil wir nun Entwicklungs- und Forschungsschwerpunkte selbst festlegen können. Dafür bin ich sehr dankbar.

Das zweite wichtige Geschäft war die Bologna-Reform. Ihr Vorgänger, Hans-Heinrich Schmid, war ein erklärter Anhänger des Humboldtschen Bildungsideals. Wie war das bei Ihnen: Waren Sie von Anfang an überzeugt von der Bologna-Reform oder mussten Sie sich dazu durchringen?

Hans Weder: Die Einführung der Bologna-Reform wurde politisch festgelegt. Wir wollten daraus das Beste machen und haben deshalb nicht einfach die Studiengänge mit neuen Etiketten versehen. Wir haben die Curricula wirklich reformiert. In den nächsten zehn Jahren muss die Bologna-Reform noch optimiert werden, aber der grosse Wechsel ist vollzogen. Ich bin sehr zufrieden, wie das gelaufen ist.

Mein Ziel war es, das Positive der Bologna-Reform mit dem Humboldtschen Bildungsideal zu verbinden. Ich wollte vor allem das persönlichkeitsorientierte und forschungsbasierte Studieren im Humboldtschen Sinne erhalten. Erfolgreiche Universitäten wie Yale zum Beispiel orientieren sich nach wie vor an Humboldtschen Idealen und an einem akademischen Denkstil. Bologna hat aber den Studierenden gerade in Studiengängen, die kaum strukturiert waren, Orientierung gegeben.

Sowohl das Humboldtsche Ideal wie auch Bologna verlangen eine gute Betreuung der Studierenden. In den stark nachgefragten Fächern Psychologie, Politologie und Publizistik konnten wir in den letzten acht Jahren bessere Betreuungsverhältnisse realisieren. Von den 130 neuen Professuren, die insgesamt geschaffen wurden, gingen 85 an die Fächer mit besonders hohen Studierendenzahlen.

Wie steht es mit der Qualität der Lehre – besteht da für den neuen Rektor Handlungsbedarf?

Hans Weder: Meiner Ansicht nach ist die Sensibilisierung für die Probleme der Lehre gewachsen. Das sieht man zum Beispiel daran, dass das Programm «Teaching Skills» von vielen Fakultäten übernommen worden ist. Viele Lehrende erwerben das entsprechende Zertifikat.

Es ist für alle Universitäten schwierig, die Qualität der Lehre wirklich zu messen. Es gibt keine klaren Indikatoren. Man muss natürlich Zufriedenheitsanalysen bei den Studierenden machen, aber das alleine reicht nicht – gefragt sind auch objektive Beurteilungskriterien für die Lehre. Das wichtigste ist, dass die Studierenden genügend Lehrpersonen als Gegenüber haben. Es ist sinnlos, ein Seminar mit hundert Studierenden durchzuführen. An einer Universität soll ja nicht einfach nur Wissen vermittelt, sondern auch diskutiert und problematisiert werden. Wir haben deshalb in der Politologie, der Publizistikwissenschaft und der Psychologie die Professuren seit 2000 mehr als verdoppelt.

In der Forschung ist es einfacher, die Qualität zu messen. Diverse Rankings geben der UZH vor allem in der Medizin, den Life Sciences und in der Wirtschaftswissenschaft beste Noten. Wie steht es denn mit der Forschung in den Sozial- und Geisteswissenschaften – kann sie international mithalten?

Hans Weder: Die Sozial- und Geisteswissenschaften können gut mithalten. Das wissen wir aus den Evaluationen, die von erstklassigen Peers durchgeführt wurden, von denen wir auch erfahren wollten, wie sie uns international positionieren. Eine grosse Studie des Zentrums für Wissenschafts- und Technologiestudien in Leiden hat gezeigt, dass eine Reihe von Disziplinen in den letzten acht Jahren kontinuierlich ihre Forschungsqualität verbessern konnten. Dass die UZH attraktiv ist, zeigt auch die Tatsache, dass wir die besten Leute bekommen. Aber – das muss man zugeben – in den Sozial- und Geisteswissenschaften gibt es noch keine Datenbank der Publikationen, die repräsentativ wäre für die Qualität der Forschung. Daran arbeitet man europaweit.

Am 31. Juli übergeben Sie die Rektorkette Ihrem Nachfolger Andreas Fischer. Wo findet man Sie im August?

Hans Weder: Im August gehe ich nach Kanada. Ich mache erst einmal Ferien und tue das, was ich gerne tue: reisen, lesen und meinen PC upgraden. Danach habe ich zwei Freisemester an der Universität, in dieser Zeit werde ich mein Buchmanuskript über das Denken Rudolf Bultmanns, eines grossen Theologen des 20. Jahrhunderts, fertig stellen. Bis zu meiner Pensionierung in drei Jahren konzentriere ich mich anschliessend auf meine Mitarbeit im Hermeneutischen Institut. Ich werde dieses Institut freilich nicht mehr leiten wie vor meiner Rektoratszeit, sondern als «theologische Hilfskraft» für interdisziplinäre Projekte tätig sein.

 

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin von unipublic

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