Naga: Schmuck und Asche

Misswahlen statt Kopfjagden

Einst gefürchtete Krieger, dann kolonialisiert, missioniert und weggesperrt: Die Naga im Nordosten Indiens und ihre Kultur haben sich in den letzten beiden Jahrhunderten stark verändert. Das Völkerkundemuseum der Universität Zürich stellt nun Vergangenheit und Gegenwart der Naga in einer Ausstellung von berauschender Schönheit vor.

Sascha Renner

Aus der Geschichte der Naga: To-Ang, Häuptling des Konyak-Dorfes Sheangha, mit Armreifen und einem Affenschädel. (Bild: Christoph von Fürer-Haimendorf, 1937)

Etikette, Stil, guter Geschmack, ein ausgeprägter Schönheitssinn – das sind nicht die Eigenschaften, die man mit einem Volk von Kopfjägern verbindet. Und doch lässt sich die materielle Kultur der Naga treffend in solchen Begriffen beschreiben: Unendlich scheint der Einfallsreichtum, das Geschick und der Formwille, mit denen Frauen und Männer einst ihre Körper schmückten.

So Exquisites wie schimmernde Käferflügel, Muschelperlen, Messingknöpfe, bunt gefärbtes Ziegenhaar und Orchideenstengel wurden zu extravaganten Kopfputzen, Anhängern und Stulpen verarbeiteten. «Nackt» – so die Bedeutung des Ethnonyms «Naga» – waren diese Menschen keineswegs, auch wenn kein Quäntchen Stoff ihre Haut bedeckte. Der Schmuck kleidete sie wie eine Rüstung.

Werturteilen misstrauen

Zweifellos: Die Naga im Nordosten Indiens waren «Wilde», wie sie im Buche stehen. Notorische Kopfjäger, die keine Gelegenheit ausliessen, ihren Mut bei blutigen Kriegszügen unter Beweis zu stellen. Doch zwingt einen die kluge Präsentation im Völkerkundemuseum dazu, vorschnellen Werturteilen zu misstrauen.

Nimmt man etwa die ästhetische Durchdringung der Lebenswelt zum Gradmesser für Zivilisation, so rangieren die Nagavölker ganz oben. Mit ihrer reichen oralen Tradition und dem eigentümlichen Sozialgefüge tun sie dies für die Ethnologen ohnehin. So bedauerte Vernissagenredner Michael Oppitz denn auch, dass mit dem Kulturwandel bei den Naga eine «einzigartige Vielfalt lokaler Kulturen von höchster ästhetischer Attraktivität» verloren gegangen sei.

Konya-Naga beim Schaukampf für die Kamera des Ethnographen. (Bild: Christoph von Fürer-Haimendorf, 1937)

Reichhaltiges Erbe

Die Ausstellungsmacher treten diesem Verlust mit einer reichhaltigen Präsentation des überlieferten Erbes entgegen. Sie stellen die alte Kultur der Naga vor, wie sie in Objektsammlungen des frühen 20. Jahrhunderts dokumentiert ist.

Dabei kann das Haus auf eigene Bestände zurückgreifen sowie auf die herausragende Sammlung des Museums für Völkerkunde in Wien, die seit ihrem Erwerb in den Dreissigerjahren damit erstmals wieder sichtbar wird. Gegliedert nach Funktionsbereichen – Schmuck, Kopfjagd, Agrikultur, Textilien und Haushalt – reihen sich die Exponate in dicht besetzten Vitrinen.

Schmuck nach Regeln

Dabei wird ersichtlich, dass Schmuck bei den Naga nicht nur Zierde war, sondern auch Rang signalisierte. Das Recht, bestimmte Motive oder Materialien zu tragen, war streng sanktioniert. So durfte die kostbaren Schwanzfedern des Nashornvogels nur tragen, wer mindestens einen Kopf erbeutet hatte. Ein Armreif stand für einen Arm und eine Stulpe für eine Hand. Weder heiraten noch in Männerbünde initiiert werden konnte, wer sich nicht als Krieger verdient gemacht hatte.

In einem Spottlied heisst es: «Du hast noch nie getötet / und nennst dich einen Krieger – hey! / Ich fühle Scham ob deiner Unverfrorenheit». Neben kriegerischen Qualitäten fanden auch Reichtum, amouröse Abenteuer und geschätzte Charaktereigenschaften kodifizierten Ausdruck in Anhängern, Kopfschmuck und Textilien. So durfte das Elefantenmotiv tragen, wer besonders besonnen war, und der Hahn stand nur jenem zu, der Gefahren vorzeitig erkannte und sich im Dorf Gehör verschaffen konnte.

Drei Fluten

Nur wenige Naga wissen jedoch heute noch um die ursprüngliche Bedeutung von Farben, Mustern und Motiven. Denn drei «gewaltige Fluten», so Michael Oppitz, gingen über das Bergland der Naga hinweg: die Kolonialisierung unter britischer Herrschaft, die christliche Missionierung und die Eingliederung in den indischen Staat.

Die Ausstellung spart die massiven Folgen dieser Eingriffe nicht aus. Im zweiten Teil kreist sie um das Selbstverständnis der heutigen Naga und lässt Exponenten unterschiedlicher Stämme und Gruppierungen in Filmen und Interviews zu Wort kommen. Ein vierköpfiges Ethnografenteam der Universität Zürich (Alban von Stockhausen, Marion Wettstein, Rebekka Sutter und Thomas Kaiser) unternahm dafür aufwändige Forschungsreisen ins Nagaland.

Tanzende Naga-Krieger bei einem Festival, 2005. (Bild: Alban von Stockhausen)

Konflikte im Sperrgebiet

Damit versuchen die Ausstellungsmacher die weit klaffende Wissenslücke zwischen den historischen Sammlungen und den heute lebenden Menschen zu schliessen. Im Fall der Naga ist dies eine besondere Herausforderung, denn seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 bis ins Jahr 2001 war ihr Land militärisches Sperrgebiet.

Bewaffnete Konflikte zwischen Freiheitskämpfern und der Regierung forderten schätzungsweise 250'000 Menschenleben. Aber auch die Naga – ursprünglich eine Vielzahl disparater Lokalgruppen mit unterschiedlichen Sprachen – sind unter sich zerstritten. Mit ihrem vom Nationalfonds finanzierten Forschungsprojekt wollen die Ausstellungsmacher die heutige Situation vor dem Hintergrund der ethnohistorischen Entwicklungen verstehen.

Entstanden ist dabei eine Ausstellung, die sich nicht mit der Aufbahrung kunstvoller Artefakte aus vergangener Zeit begnügt, sondern die heutigen Probleme und Veränderungsprozesse ins Zentrum rückt. Dass am Ende der Schau Filmaufnahmen von der Miss-Naga-Wahl und neuste Kreationen einheimischer Modeschöpfer stehen, ist daher nur folgerichtig. Denn einen ausgeprägten Sinn für Stil hatten die Naga ja schon immer.

Die Ausstellung «Naga: Schmuck und Asche» dauert bis 1. März 2009.Ein reichhaltiger wissenschaftlicher Text- und Bildband ist für 70 Franken erhältlich: «Naga Identitäten.
Zeitenwende einer Lokalkultur im Nordosten Indiens». Herausgegeben von 
Michael Oppitz, Thomas Kaiser, Alban von Stockhausen, Marion Wettstein.
 Benteli Verlag und Snoeck Publishers, Zürich/Gent 2008, 464 Seiten, ca. 450 Abbildungen.

Sascha Renner ist Redaktor des unijournals.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000