Jahresmedienkonferenz der Psychiatrischen Universitätsklinik

«Sich selbst nicht mehr spüren»

Die Anzahl Menschen, die einer psychiatrischen Behandlung bedürfen, nimmt zu. Gleichzeitig sollen die Psychiatrischen Kliniken Kosten sparen. Wie das zusammengeht, zeigte die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich an ihrer Jahresmedienkonferenz.

Brigitte Blöchlinger

Im 2007 war die Auslastung der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) deutlich höher als im Jahr zuvor. Trotzdem konnte das Burghölzli, wie die PUK im Volksmund heisst, insgesamt Kosten sparen. Wie das? Durch den weiteren Abbau der stationären Betten, die ein teures Angebot der PUK sind, und eine Zunahme des ambulanten und teilstationären Bereichs, der um einiges günstiger kommt. Dieser Umverteilungsprozess ist noch nicht abgeschlossen, auch in Zukunft wird die stationäre Betreuungsform durch teilstationäre und ambulante ersetzt werden, so der Spitaldirektor Erich Baumann an der Jahresmedienkonferenz der PUK gestern Mittwoch, 28. Mai 2008.

Das Zentrum für Gemeinde- und Familienpsychiatrie betreut die Gastfamilien, die akut Erkrankte für eine gewisse Zeit beherbergen. (Bild: zVg.)

Mehr Leistung zu tieferen Kosten

Auch die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in der PUK konnte weiter gesenkt werden. Gegenüber dem Jahr 2002 ist eine deutliche Senkung von -20,4 Prozent auszumachen. 2002 blieben Patienten im Durchschnitt gut fünf Wochen (36,2 Tage) in der PUK, im Jahr 2007 eine Woche weniger (28,8 Tage). Berücksichtigt man die höhere Auslastung der PUK, so lässt sich die Tendenz wie folgt zusammenfassen: Mehr Leute werden in der PUK während einer kürzeren Periode behandelt. «Wir haben 2007 sehr gut gearbeitet», war Spitaldirektor Erich Baumann mit der Jahresbilanz 2007 zufrieden.

Komplexere Krankheitsbilder

Und wie sieht der «typische Patient» der PUK heute aus? Die Polymorbidität hat zugenommen, sagte Prof. Daniel Hell, Vorsteher des Medizinischen Direktoriums und Direktor Klinik für Affektive Erkrankungen und Allgemeinpsychiatrie Zürich West. Das bedeutet, dass Menschen heute weniger «eindeutige» Krankheitsbilder aufweisen und eher Anteile mehrerer psychischer Erkrankungen zeigen. Generell zeigt sich als Tendenz, dass sich die Patienten in irgendeiner Form als «Ich-fragmentiert» erleben, als Personen, deren Ich nicht mehr intakt ist, die sich aufgeteilt, abgespaltet oder häufig auch überhaupt nicht mehr spüren. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Patienten auch sozial desintegriert sind.

Gastfamilien für Akutkranke

Auf die soziale Desintegration hat die PUK mit einem neueren Therapieangebot geantwortet: mit Gastfamilien. Seit wenigen Jahren besteht für Akutkranke die Möglichkeit, bei Gastfamilien zu wohnen und sich ambulant klinisch betreuen zu lassen. Gastfamilien können von Alleinstehenden über Paare bis zu Bauernfamilien alle werden. Bedingung ist, dass die Gastfamilie psychisch gesund und belastbar ist.

Die Suche nach geeigneten Gastfamilien verlief einfacher, als die Direktoren zu Beginn annahmen. Fünfzig Familien boten sich an, nur sechs konnten vorerst eingesetzt werden. Die Familien sind nicht selbst therapeutisch aktiv, das übernimmt nach wie vor die PUK, mit deren Therapeuten die Gastfamilien rund um die Uhr Kontakt aufnehmen können. Mit diesem Angebot kann die teure klinische Betreuung während der Nacht vermieden werden. Die Gastfamilie bietet den Akuterkrankten einen gesunden sozialen Rahmen an, in dem sich der Patient bewegen kann.

Kranke in gesundem Umfeld

Die Evaluation der ersten 45 in Gastfamilien behandelten Akutkranken ist positiv: Durchschnittlich bleiben die Patienten 29 Tage in der Gastfamilie – das ist in etwa gleich lang, wie die stationären Patienten in der PUK bleiben. Doch es ist um einiges kostengünstiger. Ausserdem sind auch die Patienten mit dieser Therapieform zufriedener. Das Angebot soll in Zukunft auch für Patienten, die eine längere Aufenthaltsdauer brauchen, ausgebaut werden. Finanziell gesichert sind die Gastfamilien allerdings erst bis 2009.

Das Kriseninterventionszentrum mit Mobiler Equipe und einem Zentrum für Psychiatrische Rehabilitation an der Militärstrasse 8. (Bild: Christina Zilioli)

Wenige Heavy Users

Wer die «schwierigen» Patienten sind, zeigte Prof. Wulf Rössler, Direktor Klinik für Soziale Psychiatrie und Allgemeinpsychiatrie Zürich West, auf. Zirka 40 Prozent der Patienten kommen mehrfach in die Klinik. Von diesen Mehrfachinanspruchnehmern «konsumierten» nur gerade 10 Prozent, das sind in absoluten Zahlen etwa 50 Patienten, stolze 50 Prozent der stationären Kapazität. Das bedeutet, dass eine kleinere Gruppe von Immerwiederkehrenden einen grossen Teil der stationären Kapazität beanspruchen. In der Fachsprache werden diese Patienten als Heavy Users bezeichnet. Meist sind das Patienten mit Psychosen, zum Beispiel mit einer Schizophrenie.

Mobile Equipe für den mittleren Bedarf

Für mittelschwere Akutfälle steht als neues Angebot die sogenannte Mobile Equipe zur Verfügung, führte Wulf Rössler aus. An solchen mittleren Hilfsangeboten in psychischer Not herrschte bisher Mangel. Die Mobile Equipe geht nach Hause zu akut Erkrankten und behandelt sie dort ambulant. Auch in diesem Fall fällt die teurere Nachtbetreuung in der Klinik weg.

Die Klinik für Alterspsychiatrie hat neu eine duale Führung mit einer ärztlichen und einer pflegerischen Leitung. (Bild: zVg.)

Teamorientierte Alterspsychiatrie

Zum Abschluss der Jahresmedienkonferenz wurde die neue duale Führung der Klinik für Alterspsychiatrie vorgestellt. Seit knapp einem Jahr gibt es eine ärztliche und eine pflegerische Leitung, die gemeinsam dafür sorgen, dass Patientinnen und Patienten im dritten Lebensalter eine angemessene Betreuung erhalten. Ein interdisziplinäres Team aus Psychiatern, Neurologen, Internisten, Neuropsychologen, klinischen Psychologen, Pflegefachkräften, Aktivierungs-, Bewegungs-, Musik- und Kunsttherapeuten, Physiotherapeuten und dem Sozialdienst bieten Therapien, Trainings, soziale Reintegration und Rehabilitation bei alterspsychiatrischen Erkrankungen an.

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin von unipublic

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