Tage der Genforschung

Stammzellenforschung zwischen Ethik und Hoffnung

Ist die Debatte um die Forschung an embryonalen Stammzellen überholt? Nach neusten Erkenntnissen lassen sich Körperzellen in Stammzellen umprogrammieren. Im Rahmen der «Tage der Genforschung» erklärte Professor Lukas Sommer von der Universität Zürich, was Stammzellen sind und wie sie geschädigtes Gewebe vielleicht einmal ersetzen könnten.

Marita Fuchs

Im Mai hat das britische Parlament der Herstellung von Embryonen aus menschlichem Erbgut und Eizellen von Tieren für die Stammzellenforschung zugestimmt. Diese Mischwesen oder Chimären schüren Ängste, die Genforschung könne ausser Kontrolle geraten.

Was bringt uns aber die Stammzellenforschung und warum wird sie von vielen Wissenschaftlern vorangetrieben? Professor Lukas Sommer vom Anatomischen Institut der Universität Zürich sprach im Rahmen der «Tage der Genforschung» am vergangenen Donnerstag über Hoffnungen und Perspektiven der Stammzellenforschung.

Gab im Zürcher Theater am Neumarkt einen Überblick über Hintergründe und Fakten zur Stammzellenforschung: Prof. Lukas Sommer vom Anatomischen Institut der Universität Zürich. (Bild: Marita Fuchs)

«Kratzt an den ethischen Grenzen»

Sommer kann nachvollziehen, dass in der Schweiz die Forschung mit so genannten Chimären verboten ist. Denn diese Forschung kratze an den ethischen Grenzen. Auch wenn der tierische Eikern entfernt werde und nur als Träger diene, so blieben in der Zelle doch immer noch rudimentäre genetische Informationen des Tieres. Dies könnte einen Einfluss auf das menschliche Erbgut und somit auf die Entwicklung der chimären Stammzellen haben, meinte Sommer. Die Schweiz verbietet im Stammzellengesetz von 2004 das so genannte therapeutische Klonen. Sie erlaubt jedoch die Arbeit mit embryonalen Stammzellen, sofern die Embryonen nicht älter als sieben Tage sind.

Als Stammzellen werden allgemein Körperzellen bezeichnet, die sich in verschiedene Zelltypen oder Gewebe ausdifferenzieren können. Je nach Art der Stammzelle und ihrer Beeinflussung haben sie das Potential, sich zu jeglichem Gewebe oder bestimmten festgelegten Gewebetypen zu entwickeln.

Das bedeutet Hoffnung für viele Kranke: Eine klinische Studie in den USA mit Parkinson-Patienten habe zum Beispiel bei der Behandlung mit transplantierten Stammzellen viel versprechende Resultate gezeigt. Vor allem bei jüngeren Patienten verbesserten sich die Krankheitssymptome deutlich. Allerdings sei die Studie nicht weitergeführt worden, so Sommer, da die Patienten insgesamt ganz unterschiedlich auf die Therapie angesprochen hätten und somit das Risiko an Nebenwirkungen nicht kalkulierbar gewesen sei.

Im Gehirn einer Maus: eine Stammzelle teilt sich. (Bild: Falk and Sommer, 2008)

Forschung werde im Moment mit drei Arten von Stammzellen betrieben: mit embryonalen, adulten und reprogrammierten Stammzellen, erklärte er.

Embryonale Stammzellen, die zellulären Alleskönner

Die embryonalen Stammzellen zeichnen sich dadurch aus, Alleskönner zu sein, sagte Sommer. Reife eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem frühen Stadium eines Embryos, heran, entstehe in deren Innerem eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jedem Zelltyp des menschlichen Körpers weiterentwickeln. In Tierversuchen hätten sich die Stammzellen bereits in Nerven-, Blut-, Leber- oder Herzmuskelzellen verwandeln lassen, erklärte der Forscher.

Ethisch unbedenklich, die adulten Stammzellen

Nicht nur Embryonen sind eine Quelle, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa zwanzig Organen inklusive der Muskeln, Knochen, Haut, Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt.

Auch Sommer forscht mit Hautzellen: «Das Entwicklungspotential der adulten Hautzellen ist allerdings bei weitem nicht so gross, wie das der embryonalen Stammzellen», schränkte er ein. Dafür würden sie in der Herstellung keine ethischen Probleme bereiten. Man arbeitet nicht mit fremden Embryonen, sondern entnimmt dem Körper eines Erwachsenen Stammzellen. Diese werden in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen. Der grosse Vorteil: Adulte Stammzellen werden nicht abgestossen, da sie aus den eigenen Zellen entstanden sind.

Verjüngungskur: induzierte pluripotente Stammzellen

Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren – das gelang Forschern in den USA und Japan kürzlich, indem sie bestimmte Steuergene in die Zelle einschleusten.

Die induzierten pluripotenten Zellen entstünden, wenn man die ausgereiften Körperzellen eines Erwachsenen auf einen sehr frühen, quasi embryonalen Zustand zurückprogrammiert. Aus den dabei entstandenen Stammzellen können erfolgreich Nerven- und Muskelzellen gezüchtet werden. Diese Methode wäre nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da kein fremder Embryo benötigt wird. Allerdings sei noch unklar, ob die induzierten Stammzellen wirklich so vielseitig sind wie embryonale Stammzellen, äusserte Sommer seine Bedenken.

Deshalb plädiere er dafür, sich in der Grundlagenforschung nicht zu früh auf die Arbeit mit nur einer Art von Stammzellen zu beschränken, basierten doch die meisten Erkenntnisse auf der Forschung mit embryonalen Stammzellen. «Wir stehen noch am Anfang und sollten uns alle Möglichkeiten offen lassen.»

Die«Tage der Genforschung»finden seit zehn Jahren jährlich statt. Sie sind eine der schweizweit grössten Plattformen für die Begegnung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Einer der Träger ist der Verein «Forschung für Leben», der die Veranstaltung mit Lukas Sommer organisiert hat.

Marita Fuchs ist Redaktorin von unipublic

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