Tagung

Religion und Karikatur

Über die heikle Beziehung zwischen Religion und Karikatur wurde an einer Tagung in Neuchâtel nachgedacht, die der Zürcher Hermeneutiker Prof. Pierre Bühler organisiert hat.

Rita Kurak

Die Mohammed-Karikaturen, die die dänische Tageszeitung «Jyllands-Posten» 2005 publizierte, schlugen in der westlichen und in der arabischen Welt enorme Wellen und führten bei Demonstrationen zu mehreren Toten. Professor Pierre Bühler, hatten Sie keine Angst, dieses «heisse Eisen» an Ihrer Tagung «Karikatur und Religion» wieder aufzugreifen?

Es ist in der Tat ein Stück weit ein heikles Thema. Wenn ganz strenge islamistische Muslime an der Tagung teilgenommen hätten, hätte es vielleicht Probleme gegeben. Denn die Mohammend-Karikaturen wurden an der Tagung auch behandelt. Aber wir prüften sie in einem wissenschaftlichen Rahmen – es ging nicht um die Beurteilung, ob die Karikaturen gut oder schlecht seien und wen sie treffen, sondern wir überlegten uns, was bei solchen Karikaturen bei den Zeichnern und den Betrachtern passiert und in welchem Kontext sie veröffentlicht wurden. Es ging also eher darum, das Phänomen an sich zu studieren.

Pierre Bühler mit der Karikatur «Der Professor in der half-pipe», die Wilhelm Schlatter ihm zum 50. Geburtstag schenkte. (Bild: Brigitte Bloechlinger)

Haben Sie an der Tagung herausgefunden, weshalb die Mohammed-Karikaturen derart heftige Reaktionen hervorriefen?

Die Mohammed-Karikaturen weckten vor allem bei der fundamentalistischen Richtung des Islams Empörung. Ein dänischer Imam schürte damals bewusst die emotionsgeladene Stimmung, indem er darauf hin wirkte, dass die Mohammed-Karikaturen veröffentlicht wurden, in der Hoffnung, dass es zu antiwestlichen Demonstrationen kommen würde. Es steckt eine gewisse politische Manipulation dahinter, wie das der Tagungsreferent François Boespflug nachgewiesen hat.

Es wurde auch betont, dass der traditionelle Islam durchaus offen für Humor war. Die heftigen Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen zeigen, dass es in heutiger Zeit zu einer Spaltung zwischen dem gemässigten und dem fanatischen Islam gekommen ist.

Sie vermuteten in der Ankündigung zur Tagung, dass die Beziehung zwischen Religion und Karikatur nicht nur konfliktuell sein muss, sondern auch fruchtbar sein kann – ja dass Religion und Karikatur gar aufeinander angewiesen sein könnten. Was lässt Sie zu dieser positiven Annahme kommen?

Es stimmt natürlich, dass eine Karikatur sehr schnell religiöse Gefühle verletzen kann. Aber ich finde, es gibt auch eine Form von Karikatur, die so etwas wie eine «heilsame Anfechtung» darstellt. Solche Karikaturen geben der Religion die Möglichkeit, sich selbstkritisch zu betrachten, Abstand zu nehmen von sich selbst und sich gelassen zu überlegen, wo die Probleme liegen und wie mit ihnen umzugehen sei. Insofern können Humor und Karikaturen durchaus befruchtend wirken, gegen die Gefahr, zu absolutistisch oder zu fanatisch zu werden.

«Ich glaube, ich existiere , aber ich bin nicht sicher»: Die Karikatur von Maximo in der Madrider Zeitung «El Pais» (2007) thematisiert die «menschlichen» Anteile Gottes. (Bild: Maximo)

Andererseits kann man sagen: Karikaturen sind dann am «tiefgründigsten», wenn sie die Spannung zwischen dem immanenten, leiblichen, sterblichen Menschen und dem transzendenten, ewigen, absoluten Gott aufgreifen. Diese Spannung zwischen Immanenz und Transzendenz – so sagt der dänische Philosoph Kierkegaard – muss der Humor bearbeiten. Dadurch lernt der Glaube, mit dieser Spannung des Gottesverhältnisses des Menschen umzugehen und sich ihr humorvoll zu stellen. In diesem Sinne meinte ich, dass Religion und Karikatur aufeinander angewiesen sind.

Die Grenze, wo eine Karikatur noch zu Selbstkritik animiert und wo sie beleidigend, zerstörerisch wirkt, ist sehr schwierig auszumachen. Diese Grenze ist je nach Religion an einem anderen Punkt erreicht. Im Christentum zum Beispiel wurde Jahrhunderte lang ähnlich heftig auf Karikaturen reagiert, wie das jetzt im islamistischen Islam der Fall ist. Erste humoristische Zeichnungen des christlichen Gottes gibt es erst seit Ende des 19. Jahrhunderts.

«Der Papstesel zu Rom»: anonyme protestantische Karikatur des Papstes aus dem 16. Jahrhundert. (Bild: Anonym)

Was hat denn die tolerantere und selbstkritischere Haltung im Christentum gefördert?

Im Laufe der Neuzeit hat der christliche Glauben eine selbstkritischere Sicht seiner selbst erlernt. Zum Teil wurde das von aussen angeregt, unter anderem durch sehr heftige Karikaturen der Sozialkritik in England und der antiklerikalen Bewegung in Frankreich. Da hat man zuerst die Institution Kirche angegriffen und dann immer stärker auch das Religiöse selbst als etwas Entfremdendes. Es gab zwar auch schon früher, in der Reformationszeit, religiöse Karikaturen. Damals bekämpften sich Katholiken und Protestanten damit. Seither hat eine gewisse Aneignung von Karikatur als Mittel zur Kritik stattgefunden, und man kann eigentlich alles humoristisch behandeln. Heute sind weite Teile des Christentums fast zu gleichgültig gegenüber karikierenden Darstellungen geworden.

Das Judentum gilt als besonders selbstkritisch. Stimmt dieser Eindruck?

Die Texte des Alten Testaments sind die ältesten geschriebenen Karikaturen gegen eine andere Religion. Als das Volk Israel in Babylonien im Exil war, haben die Propheten dort ganz heftige Karikaturen der vielen babylonischen Götter geschaffen. Im Judentum entwickelte sich parallel dazu ziemlich früh eine Fähigkeit zur humorvollen Betrachtung seiner selbst, wahrscheinlich stärker als in anderen Religionen. Das könnte damit zusammenhängen, dass das Judentum nie eine grosse, erobernde Mehrheitsreligion wurde, sondern in der ganzen Welt verstreut und deshalb stets in der Minderheit war.

Die Tagung «Religion und Karikatur» fand am Centre Dürrenmatt in Neuchâtel statt. Sie selbst, Pierre Bühler, haben über Religion und Karikatur bei Dürrenmatt gesprochen. Was war die Quintessenz?

Dürrenmatt war ein grosser Anhänger von Karikaturen. Er war auch mit Karikaturisten befreundet, wie etwa Tomi Ungerer, Paul Flora und Topor, deren Werke jetzt auch im Centre Dürrenmatt gezeigt werden. Er selbst zeichnete ebenfalls Karikaturen, zum Beispiel zum Fussball – die zur EM erneut aufgelegt wurden –, aber auch Freunde und Schauspieler seiner Stücke hat er karikierend gemalt. Er liebte es, etwas Befremdendes in seine Bilder zu bringen.

«Zwölf Päpste, die Bibel auslegend» (1973): Dürrenmatts Karikatur des Päpstlichen, derzeit zu sehen im Centre Dürrenmatt Neuchâtel (Abb. aus: «Bilder und Zeichnungen», Diogenes, Zürich, 1978) (Bild: Friedrich Dürrenmatt)

Sehr oft hat er Päpste karikiert. Das Päpstliche ist für ihn das Rechthaberische. In seinen Komödien kommen immer wieder Theologen vor, die rechthaberisch sind. Alle religiösen Strömungen, die glauben, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, bezeichnete Dürrenmatt als «päpstlich», seien sie katholisch oder reformiert. Schon sein erstes Theaterstück «Es steht geschrieben» behandelt solche «päpstlichen» Religionsfanatiker, nämlich die Täuferbewegung in der Reformationszeit, die in Münster einen christlichen Staat einrichten wollte, mit dem Anspruch, Gottes Reich auf Erden zu verwirklichen. Das passte nicht zu Dürrenmatts Glaubensverständnis. Für ihn gehörte zur Religion immer auch der Zweifel. Wie der Gläubige zu seinem Glauben steht, wenn er in die Situation des Scheiterns und des Unglaubens kommt, war eines seiner zentralen Motive in seinen Komödien, und so auch in seinen Karikaturen zur Religion.

Rita Kurak ist Mitarbeiterin von unipublic

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