Übergang von der Schule zum Beruf

Auf dem Weg in den Beruf

Das 2004 gegründete «Jacobs Center for Productive Youth Development» an der Universität Zürich widmet sich der Jugendforschung. An einer internationalen Tagung werden heute Forschungsergebnisse präsentiert, die sich mit dem Übergang von der Schule ins Erwerbsleben befassen.

Adrian Ritter

Zwei Drittel der Jugendlichen in der Schweiz entscheiden sich nach der Sekundarstufe I für den Weg einer Berufslehre. Die meisten kommen mit dem Übergang von der Schule ins Erwerbsleben gut zurecht.  (Bild: Adrian Ritter)

Der Wechsel von der Schule über die Berufslehre in die Arbeitswelt ist einer von drei Forschungsschwerpunkten des Jacobs Center. Geleitet wird er von Assistenzprofessor Markus Neuenschwander, der gemeinsam mit dem Departement für Erziehungswissenschaften der Universität Fribourg die Tagung «Jugend zwischen Potenzial und Risiko. Übergänge von der Schule in den Beruf» organisiert hat.

Unipublic: Welche Chancen bietet dieser Übergang für die Jugendlichen?

Prof. Neuenschwander: Es ist die Chance, einen beruflichen Weg zu wählen. Dies ist eine wichtige Entscheidung, denn in der Schweiz wählen rund zwei Drittel der Jugendlichen nach dem neunten Schuljahr den Weg in eine Berufslehre. Rund 80 Prozent der Jugendlichen werden dem ursprünglich gewählten Berufsfeld im Laufe ihres Arbeitslebens treu bleiben, selbst wenn sie den Beruf oder die Arbeitsstelle wechseln.

Gesellschaftlich betrachtet ist der Übergang von der Schule in den Beruf ein Ansatzpunkt, um gesellschaftlichem Ausschluss und seinen möglichen Folgen wie Suchtmittelkonsum und Delinquenz vorzubeugen. Gelingt dieser Übergang, haben die Jugendlichen einen guten Start in ihre berufliche Karriere und blicken der Zukunft mit Optimismus entgegen.

Nicht immer gelingt der Übergang problemlos. Welche Risiken sind damit verbunden?

Für die Jugendlichen ist der Übergang in die Berufslehre unter anderem mit einem veränderten Tagesrhythmus und allgemein höheren Leistungsanforderungen verbunden. Es gibt Jugendliche, die nicht leistungsbereit sind oder eine ausbildungskritische Einstellung haben. Bei diesen besteht die Gefahr, dass sie keine Lehrstelle finden und frühzeitig aus dem Ausbildungssystem fallen. Die meisten Jugendlichen meistern die neue Situation aber gut. So ist es kein Wunder, dass die Ausbildungszufriedenheit der Jugendlichen im ersten Lehrjahr deutlich höher ist als im neunten Schuljahr.

Nicht alle finden aber überhaupt eine Lehrstelle.

Seit etwa zehn Jahren ist die Suche wegen der Lehrstellenknappheit schwieriger geworden. Gemäss unseren Studien sagt die Hälfte der Jugendlichen in der Schweiz rückblickend, sie hätten nicht ihren Wunschberuf wählen können. Die meisten können sich zwar damit arrangieren, aber ein optimaler Start in die Berufswelt ist es nicht. Es erhöht beispielsweise das Risiko, dass Jugendliche den Lehrvertrag auflösen, was im Kanton Zürich immerhin bei 25 Prozent der Lehrlinge vorkommt. Wiederum etwa ein Viertel von diesen setzt dann ihre Ausbildung nicht fort.

«Die Schule sollte die Berufswahl im Unterreicht häufiger thematisieren»: Prof. Markus Neuenschwander vom «Jacobs Center for Productive Youth Development». (Bild: Adrian Ritter)

Wovon hängt es ab, ob der Übergang in die Berufswelt gut gelingt?

Wir führen zu dieser Frage eine grosse Längsschnittstudie durch, das Forschungsprojekt Familie-Schule-Beruf - «FASE B». Die Leitfrage dabei ist, wie Kinder und Jugendliche in Schule und Familie vorbereitet werden müssen, damit sie optimale Startbedingungen im Berufsleben haben.

Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Familie eine sehr grosse Bedeutung hat. Unterschiede in den schulischen Leistungen lassen sich zu rund 50 Prozent mit dem Einfluss der Familie, aber nur zu etwa zehn Prozent mit der Qualität des Unterrichts erklären. Der Einfluss der Familie lässt sich dabei keinesfalls nur auf die Vererbung von Intelligenz zurückführen.

Sondern?

Wir haben mehrere Faktoren gefunden, die dazu führen, dass die Leistungen der Schüler deutlich besser sind. Hilfreich ist beispielsweise eine sinnvolle Unterstützung bei den Hausaufgaben, ein stimulierendes Umfeld und ein autoritativer Erziehungsstil - nicht zu verwechseln mit einem autoritären Erziehungsstil. Der autoritative Stil kombiniert Wärme und Respekt für das Kind damit, Forderungen zu stellen und Kontrolle auszuüben.

Unsere Studien zeigen im Übrigen, dass der Bildungserfolg eines Jugendlichen sich bereits in der sechsten Klasse mit nur drei Faktoren sehr gut hervorsagen lässt: mit der sozialen Herkunft, den Erwartungen der Eltern hinsichtlich des Bildungsabschlusses des Kindes und drittens den Leistungen des Schülers oder der Schülerin selber. Die Familie ist also wiederum ein entscheidender Kontext.

Entscheiden die Eltern konkret mit, welchen Beruf ihre Kinder wählen?

Nein, die Eltern übernehmen eine beratende, motivierende Funktion. Sie fordern beispielsweise dazu auf, sich Gedanken über die Berufswahl zu machen oder unterstützen die Jugendlichen, wenn sie eine Absage auf eine Bewerbung erhalten. Natürlich können dies nicht alle Eltern gleich gut, aber bei Befragungen von Jugendlichen zeigt sich, dass die Eltern im Berufswahlprozess die wichtigsten Berater sind.

Welche Funktion kommt der Schule bei der Berufswahl zu?

Die Schule hat vor allem eine Selektionsfunktion, indem sie die Jugendlichen auf verschiedene Ausbildungswege führt. Diese wiederum bereiten auf weiterführende Ausbildungen und unterschiedliche Segmente des Arbeitsmarktes vor.

In der Schule erwerben die Jugendlichen vor allem fachliche Kompetenzen. Diese spielen allerdings für die Lehrbetriebe, insbesondere für Klein- und Mittelunternehmen, nicht die wichtigste Rolle. Dort sind Sozialkompetenzen und Tugenden wie Pünktlichkeit und Höflichkeit sehr wichtig.

Welche Forderungen ergeben sich daraus an die Bildungspolitik?

Die Sekundarstufe I, also das siebte bis neunte Schuljahr, sollte nicht nur auf die Mittelschule, sondern stärker auch auf eine Berufsausbildung vorbereiten. Eine entsprechende Vorbereitung kann auch in die bestehenden Fächer integriert geschehen, indem beispielsweise im Deutschunterricht Bewerbungsschreiben verfasst werden.

Zu überlegen wäre auch, ob die erwähnten Tugenden bei der Beurteilung der Schülerinnen und Schüler wieder berücksichtigt werden müssen, nachdem die früheren Betragsnoten abgeschafft worden sind.

Ist die Erziehung nicht Sache der Eltern?

Grundsätzlich schon, allerdings stellt sich dabei die Frage der Chancengleichheit. Unsere Ergebnisse belegen, dass Eltern aus der Unterschicht oder mit einem Migrationshintergrund ihre Kinder weniger gut bei der Berufswahl unterstützen können. Solche Eltern bräuchten ihrerseits eine Unterstützung bei dieser Aufgabe. Zudem hat die Schule meiner Ansicht nach die Aufgabe, die Chancengleichheit zu erhöhen, indem sie beispielsweise die Berufswahl im Unterricht häufiger thematisiert.

Interessieren sich die Jugendlichen selber genug dafür?

In der Regel ist das Interesse der Jugendlichen für ihre Berufswahl sehr hoch. Es gibt aber eine kleine Minderheit von Jugendlichen, die nicht leistungsbereit und bildungskritisch eingestellt sind. Hier bräuchte es eine Art Früherkennung und Beratung. Ich meine damit nicht eine sozialarbeiterische Hilfe bei der Lehrstellensuche, sondern eher eine Arbeit an den Einstellungen, auch mit psychotherapeutischen Methoden und unter Einbezug der Eltern.

Dadurch sollen mehr Jugendliche einen Abschluss auf der Sekundarstufe II, also einen Lehrabschluss oder eine Matura erreichen. Das Case Management für Jugendliche auf Lehrstellensuche des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie geht in diese Richtung. Ich plane ein ergänzendes Projekt, wozu allerdings noch das Geld fehlt.

Adrian Ritter ist Redaktor von unipublic.

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