Neue Wege der Arbeits-Integration

Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sind heute selten in der freien Wirtschaft tätig. Forscher der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich zeigen in einer europäischen Studie, dass die Betroffenen viel besser integriert werden können als bisher angenommen.

Adrian Ritter

«First train, then place», lautete bisher das Motto für die Wiedereingliederung psychisch kranker Menschen in die Arbeitswelt. Die Arbeitsrehabilitation versuchte, die Betroffenen über ein vorgängiges Training in einer geschützten Werkstatt auf den freien Arbeitsmarkt vorzubereiten. Dies gelang jedoch eher selten – nur rund zehn Prozent der IV-Bezüger fanden auf diese Weise wieder Arbeit, schreibt die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich (PUK) in ihrer Beschreibung zum Projekt «Supported Employment».

Ein Forschungsteam um Prof. Tom Burns von der Universität Oxford und die Projektleiter Prof. Wulf Rössler und PD Dr. Christoph Lauber von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich ging in dieser europäischen Studie den umgekehrten Weg: «First place, then train».

Über die Hälfte der Teilnehmenden des «Supported Employment» konnten einen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft finden und diesen auch halten. (Bild: stockxpert.com)

Die 312 Studien-Teilnehmenden in Bulgarien, Deutschland, Holland, Italien, Grossbritannien und der Schweiz (Zürich) wurden ohne vorheriges Training direkt an einen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft vermittelt. Dort wurden sie wie auch ihre Arbeitgeber intensiv von einem Job-Coach begleitet. «Supported Employment» nennt sich dieser aus den USA stammende Rehabilitationsansatz.

Die in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift «Lancet» veröffentlichte Studie der PUK begleitete das 18-monatige Projekt wissenschaftlich und verglich dabei die Supported Employment-Teilnehmenden mit einer Kontrollgruppe, deren Teilnehmende man nach dem herkömmlichen Ansatz zu integrieren versuchte.

Wirksam und kostengünstiger

«Das Resultat ist eindrücklich», so Christoph Lauber. 54,5 Prozent der Teilnehmenden des «Supported Employment» konnten einen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft finden und diesen auch halten. In der Kontrollgruppe lag dieser Anteil lediglich bei rund 28 Prozent. Gleichzeitig lagen die Kosten für die Arbeitsrehabilitation mit der neuen Methode deutlich tiefer, da ausschliesslich der Job-Coach, nicht aber ein geschützter Arbeitsplatz an sich finanziert werden muss.

Hatten Fachleute aus dem Sozialbereich zuerst befürchtet, den psychisch Kranken werde der Stress in der freien Wirtschaft schaden, konnte die Studie auch diesbezüglich Entwarnung geben. Weder der Krankheitszustand noch die Lebensqualität verschlechterte sich. Im Gegenteil: Sowohl die Häufigkeit wie auch die Länge von Hospitalisierungen konnten bei den mit dem neuen Ansatz Betreuten signifikant verringert werden.

Vom Projekt zum Angebot

Bei den 25 Zürcher Supported Employment-Teilnehmenden konnte sogar eine deutliche Zunahme der Lebensqualität und des Selbstwertgefühles festgestellt werden. Warum dieser Effekt nicht auch in anderen Ländern festgestellt werden konnte, dieser Frage wird die Studie noch nachgehen. Fragen aufgeworfen haben auch andere Unterschiede zwischen den beteiligten Ländern. So lag die Erfolgsquote bei den Zürcher Teilnehmenden mit 42 Prozent tiefer als im internationalen Vergleich, gleichzeitig war der Unterschied zur herkömmlichen Methode mit nur 9 Prozent Erfolgsquote noch ausgeprägter.

Grund genug für die PUK, «Supported Employment» weiterzuführen. Nach Abschluss der Projektphase Ende 2005 wurde es im kleinen Rahmen angeboten – und unter anderem von Teilnehmenden der Kontrollgruppe in Anspruch genommen, welche noch nicht von der neuen Methode profitiert hatten. Seit September 2007 arbeiten bei der PUK drei festangestellte Job-Coaches – ein Angebot, das insbesondere von ambulanten Patientinnen und Patienten genutzt wird.

Für Christoph Lauber unterstützen die Resultate der Studie die von der 5. IV-Revision vorgesehenen Bemühungen um eine Flexibilisierung in der Arbeitsintegration. Die Gelder für geschützte Werkstätten wären zumindest teilweise sinnvoller in solchen Supported Employment-Angeboten angelegt, ist er überzeugt. Gleichzeitig ist aber die Forschung aufgerufen, den Langzeiterfolg erst noch aufzuzeigen. Ein besonderes Augenmerk gilt gemäss Lauber zudem denjenigen Teilnehmenden, bei welchen die neue Methode nicht zum Erfolg führte: «Wir müssen noch mehr wissen, welche Bedürfnisse diese Menschen haben und wie wir sie unterstützen können.»

Adrian Ritter ist Redaktor von unipublic

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