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Von Männern und Mäusen

Fast dreissig Jahre lang waren sie ein Forscherteam, jetzt planen Hans Hengartner und Rolf Zinkernagel den Ruhestand: Gemeinsam haben sie das Institut für Experimentelle Immunologie weltberühmt gemacht.
Michael Ganz

War es in Basel, Budapest oder San Diego? Die beiden Männer sitzen am Sitzungstisch in ihrem Institut und versuchen sich zu erinnern, wo und wann sie sich zum ersten Mal trafen. Rolf Zinkernagel lehrte in jenen Jahren an einer kalifornischen Hochschule, Hans Hengartner forschte am Basler Institut für Immunologie. «Und dann», sagt Hengartner, «kamst du für einen Vortrag zu uns an den Rhein – da haben wir uns kennengelernt.» «Dann muss das», sagt Zinkernagel, «fünfundsiebzig gewesen sein.» Drei Jahre später beschlossen der Molekularbiologe und der Mediziner, beruflich zusammenzuspannen. Denn ihre wissenschaftliche Begeisterung galt ein und derselben Sache: der experimentellen Immunologie.

«Unsere Zusammenarbeit war ein Glücksfall, fast wie eine gute Ehe.» Rolf Zinkernagel und Hans Hengartner

Als man Rolf Zinkernagel 1979 für ein Extraordinariat an die Universität Zürich berief, übernahm Hans Hengartner gleichenorts eine Oberassistenz. Gemeinsam nahmen die zwei Männer das damals zur Verfügung stehende Institut für experimentelle Pathologie des Universitätsspitals in Betrieb und verwandelten es in ein Speziallabor zur Erforschung der Immunabwehr gegen Infektionen.

«Hotel» für zweitausend Mäuse

«Das war nicht einfach», sagt Zinkernagel, «der Knackpunkt waren die Mäuse.» Für ihre Infektionsversuche benötigten die beiden Forscher eine grosse Zahl der kleinen Nager, doch Zürich besass praktisch keine Versuchstierzucht. Zinkernagels Vorschlag, im eigenen Labor einen Mäusestall einzurichten, löste bei den verantwortlichen Stellen Entsetzen aus. Infizierte Mäuse in einem Krankenhaus! Hengartner und Zinkernagel bekamen für fünf Jahre ein Provisorium im Keller eines Bürogebäudes. In der Zwischenzeit baute die Universität auf dem Dach des Spitals ein «Hotel» für zweitausend Mäuse. «Da haben Bau-, Bildungs- und Gesundheitsdepartement des Kantons Zürich eine riesige Anstrengung gemacht», sagt Hengartner. «Und enorm viel Geld investiert, nur für uns», ergänzt Zinkernagel.

Neben seiner Forschungsarbeit hielt Rolf Zinkernagel Immunologie-Vorlesungen für die angehenden Mediziner der Universität. Dasselbe bot Hans Hengartner nun den Biologen der benachbarten ETH an. Als sich immer mehr Studierende für das Spezialgebiet interessierten, erhoben Universität und ETH die Immunologie zum Prüfungsfach. Auf Antrag erhielt Hengartner bei Universität und ETH eine Doppelprofessur und wurde je zur Hälfte als Ordinarius für Immunologie angestellt. Den zwei Forschern war es damit gelungen, Biologie und Medizin auf dem Gebiet der Immunologie institutionell zu verschmelzen.

Ergänzende Sichtweisen

«Unsere Stärke war», sagt Hans Hengartner, «dass wir trotz oder dank unserer unterschiedlichen Ausbildung eng zusammenarbeiten konnten. Das breite Spektrum vom Molekül bis zur Krankheit, das sich daraus ergab, die zwei sich ergänzenden Sichtweisen, sie waren wohl das Geheimnis des Erfolgs.» 1992 bekam das interdisziplinäre Gebilde seinen heutigen Namen: Institut für Experimentelle Immunologie.

Bis zu sechzehn Postgraduates, Doktorierende und Postdoc Fellows waren hier tätig, sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuten das Sekretariat und die technischen Anlagen. Dazu gehörte auch das Mäusehotel; allein die Pflege der rund zweitausend Tiere kostete jährlich 1,3 Millionen Franken. «Am Anfang, in den Achtzigerjahren, waren die Kosten weniger ein Problem», erzählt Zinkernagel, «es herrschte Aufbruchstimmung. In den Neunzigern kam dann der Spardruck, die Universität konnte und wollte nicht mehr so viel zahlen, obwohl Immunologie heute ein universitärer Schwerpunkte ist. Ein solches Institut jetzt neu aufzuziehen wäre aber undenkbar.»

Nobelpreis-resistentes Teamwork

Zusammen mit dem Australier Peter C. Doherty erhielt Rolf Zinkernagel 1996 den Nobelpreis für Medizin. 23 Jahre zuvor hatten die zwei jungen Forscher mit einem wegbereitenden Experiment herausgefunden, dass Mäuse je nach Erbanlage unterschiedlich heftig auf virale Infektionen reagieren. «Ich bekam den Anruf an einem Montag», erzählt Rolf Zinkernagel, «am nächsten Morgen, nullsiebenfünfzehn wie immer, setzten wir uns zusammen und berieten. Sollte ich nun als ‹voyageur scientifique› durch die Welt reisen, oder sollten wir einfach weitermachen?» Sie entschieden sich für Zweiteres. Die hohe Auszeichnung konnte die Festen der Teamarbeit nicht erschüttern. «Unser Verhältnis blieb genau dasselbe», sagt Hans Hengartner. «Der Nobelpreis hatte ja auch nichts mit unserer gemeinsamen Tätigkeit zu tun, sondern basierte auf jenem Experiment von 1973.»

Mit dem Jeep von Kairo nach Kapstadt

Vor drei Jahren haben Hengartner und Zinkernagel ihren Rücktritt eingereicht. Sie seien nun sechzig und hätten ein Vierteljahrhundert auf ihren Lehrstühlen gesessen, das reiche. «Es gibt so viele junge und gute Immunologen, die nur darauf warten, dass die da oben verschwinden», sagt Zinkernagel. Was ihn betreffe, sagt Hengartner, so wolle er nach all den arbeitsreichen Jahren noch ein wenig Freizeit und Familie geniessen, reisen, bergsteigen, Golf spielen. «Und ich», sagt Zinkernagel, «werde mir vielleicht einen Bubentraum erfüllen: mit dem Jeep von Kairo nach Kapstadt.»

Doch die Pensionierung muss warten, denn die Nachfolge von Hengartner und Zinkernagel ist noch nicht geregelt und die beiden Professoren arbeiten mit einem verlängerten Arbeits- vertrag weiter. Gesichert ist hingegen das Fortleben der Mäuse. Sie kommen in ein nationales Mäusehotel nach Füllinsdorf, Baselland. «Das ist wie eine Bibliothek mit wertvollen Büchern», erklärt Rolf Zinkernagel, «es steckt sehr viel Arbeit drin.» Im Lauf der Jahre haben Doktoranden mit grossem zeitlichen und finanziellen Aufwand genetisch veränderte Mausstämme herangezüchtet; in Füllinstorf stehen sie heute allen Wissenschaftlern der Schweiz für Forschungszwecke zur Verfügung.

Der «Weltoberimmunologe»

Nachfolgeregelung hin oder her, voraussichtlich im Februar des kommenden Jahres nehmen Hengartner und Zinkernagel den Hut. Langweilig dürfte es ihnen nicht werden. Sie wollen sich weiterhin in verschiedensten Advisory Boards, Stiftungen und Verwaltungsräten engagieren, und Rolf Zinkernagel wird sein Amt als «Weltoberimmunologe» auch künftig bekleiden – er präsidiert den Dachverband der nationalen Fachgesellschaften und vertritt zudem die Schweiz im Forschungsrat der EU.

Nur die tägliche Zusammenarbeit, die dürfte ihnen fehlen. «Sie war ein Glücksfall, fast wie eine gute Ehe», sinniert Zinkernagel. «Kritische Haltung kombiniert mit grosser gegenseitiger Wertschätzung», meint Hengartner. Das habe sich auch in der Laborkultur niedergeschlagen. In der hohen Qualität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und in der Tatsache, dass das Zürcher Institut für Experimentelle Immunologie eine stattliche Anzahl renommierter Hochschulprofessoren und Industriegrössen hervorgebracht hat. «Wir hinterlassen eine grosse Familie weltweit», sagt Rolf Zinkernagel. Trennen sich ihre Wege Ende August denn für immer? Zinkernagel schaut seinen Kollegen an und runzelt die Stirn: «Darüber haben wir noch gar nie nachgedacht. Aber es wird bestimmt wieder mal eine Gelegenheit geben, gemeinsam ein Värsli zu brünzeln.» «Er meint», sagt Hengartner, «zusammen einen Vortrag zu halten.»

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