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Mit Hirn, Charme und Methode

Der Neuropsychologe Lutz Jäncke hat am Dies academicus den Credit Suisse Award for Best Teaching erhalten. Erstmals wurde damit an der Universität Zürich eine hervorragende Leistung in der Lehre mit einem Preis gewürdigt.
David Werner

Mitreissend und unterhaltsam: Lutz Jäncke während einer Vorlesung.

Im streng wörtlichen Sinn hält Lutz Jäncke gar keine Vorlesungen. Skripts verwendet er nie. Er trägt aus Prinzip immer frei vor. «Das kommt nicht nur bei den Studierenden gut an, es ist auch für mich selbst interessanter und kreativer.» Jäncke, breitschultrig, hünenhaft, mit sonorer Stimme und lebhafter Mimik, spricht gern und gut. Lehrveranstaltungen haben für ihn immer auch einen experimentellen Reiz: Er nutzt sie als Gelegenheiten zur allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden. Lehre ist für ihn nie blosse Vermittlung fertigen Wissens. «Während ich lehre», sagt er, «lerne ich immer auch. Die Art, wie ich etwas präsentiere beeinflusst die Art, wie ich darüber denke; dazu kommen die Fragen von Studierenden, die manchmal so unerwartet sind, dass sie meine Aufmerksamkeit auf ganz neue Bahnen lenken.»

Auch mal über die Stränge schlagen

Die preisgekrönte Vorlesung von Lutz Jäncke heisst «Grundlagen der Biologischen Psychologie». Sie fand im Wintersemester jeweils morgens um acht Uhr statt und wurde, weil der grösste Hörsaal des Hauptgebäudes die rund 900 Studierenden nicht zu fassen vermochte, per Video in zwei weitere Säle übertragen. Studierende beschrieben die Vorlesung in der Online-Umfrage zum Lehrpreis unter anderem als mitreissend, lehrreich und unterhaltsam.

Jänckes Hausrezept für gelungene Lehrveranstaltungen: «Ich versuche, mich in die Studierenden zu versetzen. Was erwarten sie? Was lockt sie aus der Reserve? Was erregt ihre Neugier?» Da er das Gefühl nicht mag, gegen die Wand eines anonymen Publikums zu sprechen, greift er sich im Hörsaal immer einige Personen heraus, an die er sich richtet. Als Leitfaden dienen ihm seine auch online verfügbaren Folien, auf denen Schlüsselbegriffe und zahlreiche Bilddarstellungen festgehalten sind. Der Rest ist Erfahrung, Übung, Improvisationslust – und Temperament: Jäncke spitzt die Dinge gern zu, macht auch mal einen Witz oder leistet sich einen Seitenhieb auf eine andere Lehrmeinung. «Ja, ich schlage manchmal etwas über die Stränge.»

Zur Wissenschaft gehört für ihn auch die Debatte, die Kontroverse; also darf auch mal etwas Polemik sein. «Man ist ja als Forscher kein Neutrum, man steht in einem Spannungsfeld konkurrierender Positionen. Die scharfsinnigsten Argumente werden immer im Bezug auf Ansichten und Haltungen entwickelt, die man widerlegen möchte. Die Neurowissenschaft misst ihre Kräfte beispielsweise mit der Philosophie und der Theologie, auf deren alte Fragen sie ganz neue Antworten findet. Gibt es einen freien Willen? Ist Realitätswahrnehmung eine Illusion? Man muss auch in Vorlesungen etwas von diesen Zusammenhängen spürbar werden lassen; das gibt der Lehre erst die Würze.»

Wie sag' ich's meinem Sohn?

Die Vorbereitung auf eine Veranstaltung erfolgt in der Regel so: Zuerst notiert Jäncke sich stichwortartig, was die Studierenden am Ende einer Veranstaltung wissen sollen. Dann entwickelt er einen möglichst schlüssigen dramaturgischen Aufbau. Und schliesslich legt er sich bei besonders schwierigen Stellen möglichst eingängige Formulierungen zurecht. Dabei hilft es ihm, sich vorzustellen, wie er den Stoff präsentieren müsste, um damit das Interesse seines sechzehnjährigen Sohnes zu fesseln.

«Ich formuliere immer so einfach wie möglich und so komplex wie nötig», sagt Jäncke. «Die Studierenden merken, dass da einer vor ihnen steht, dem es eine Herzensangelegenheit ist, seinen Stoff verständlich und plastisch darzustellen. Das findet Anklang.» Ganz offenkundig. Schliesslich ist der Credit Suisse Award for Best Teaching nicht der erste Preis für gute Lehre, den Jäncke entgegennehmen kann: Letztes Jahr erhielt er aus den Händen des Studierendenverbandes VSETH die «Goldene Eule».

Pionier wirbt um Nachwuchs

Es sind nicht nur uneigennützige Motive, die den Hirnforscher dazu bewegen, sich derart ums Verstandenwerden zu bemühen. Jäncke begreift die Lehrtätigkeit als integralen Bestandteil des Engagements für seinen jungen Forschungszweig, der sich in vielen Teilen noch immer im Aufbau befindet und dessen Stellung innerhalb der Psychologie noch nicht gefestigt ist. Eines der Ziele, die Jäncke anstrebt, lautet: Alle Psychologie-Studierenden sollen am Ende der Grundvorlesung eine Vorstellung von der Funktionsweise des Hirns haben – auch jene, die ganz andere Interessen haben und später beispielsweise Psychotherapeuten werden wollen. Noch wichtiger ist für Jäncke allerdings die Nachwuchsfrage in seinem eigenen Fachbereich: «Nur mit guten Doktorierenden und Assistierenden kann ich auch gute Forschung betreiben; und nur, wenn es mir gelingt, Begeisterung für mein Fach zu wecken, kann ich die besten Leute unter den Studierenden für meinen Ansatz gewinnen. Ich muss also für meine Sache werben – wie ein Privatunternehmen auch.»

Dabei sein, wenn es knallt und bollert

Die Neuropsychologie, auch kognitive Neurowissenschaft genannt, ist im Übergangsbereich zwischen Neuroanatomie und Psychologie angesiedelt und beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen Gehirnfunktionen und Verhalten. Vor fünf Jahren trat der aus dem Rheinland stammende Jäncke, der weltweit zu den renommiertesten und meist zitierten Vertretern seines Fachs gehört, in Zürich sein Ordinariat an – bis heute das schweizweit einzige im Bereich Neuropsychologie. «Ich fühle mich noch immer etwas als Pionier», sagt er. Die prickelnde Entdeckerfreude, die ihn in der Forschung antreibt, beflügelt ihn auch als Dozenten. «Ich bin jetzt knapp fünfzig, und noch immer sträuben sich mir die Nackenhaare, wenn ich über manche Befunde nachdenke. Diese Begeisterung möchte ich auch auf meine Studierenden übertragen.»

Lutz Jäncke ist ein glühender Verfechter der humboldtschen Idee einer Verbindung von Forschung und Lehre: «Die Wissenschaft profitiert, wenn Spitzenforscher in der Lehre tätig sind – solange sie durch ein Übermass an Lehrverpflichtungen nicht daran gehindert werden, an der Spitze mitzuhalten.» Sein Wunschszenario: Weniger Vorlesungen pro Professorin und Professor – dafür auf Top-Niveau. «Dabei zu sein, wo es passiert, wo es knallt und bollert, wo wirklich neues Wissen errungen wird – das fasziniert die Studierenden. Um ihnen das zu bieten, muss man als Dozierender im Hinblick auf eigene Forschungserfahrungen aus dem Vollen schöpfen können.»

Training, Training und nochmals Training

Jäncke merkt selbst, dass er immer dann zur Hochform aufläuft, wenn er seine Lehrveranstaltungen mit Anschauungsmaterial aus der eigenen Forschungstätigkeit speisen kann. Am allerliebsten berichtet er davon, wie er professionellen Musikern «in den Kopf schaut». Anhand neu entwickelter bildgebender Verfahren kann er zeigen, dass die motorischen und sensorischen Areale im Hirn professioneller Instrumentalisten vergrössert sind; je länger und intensiver die Musiker in ihrem Leben geübt haben, desto ausgeprägter sind die anatomischen Veränderungen. «Dieses Beispiel belegt besonders eindrücklich die Formbarkeit des menschlichen Denkorgans: Talent, Gaben, Genie – das alles wird überschätzt. Was für die Leistungsfähigkeit des Gehirns viel stärker ins Gewicht fällt ist Training, Training und nochmals Training. Das gilt übrigens, wie man seit neuestem weiss, auch für die alternden Menschen.»

In welch ausgeprägtem Mass Gehirne von erwachsenen Menschen noch formbar sind und wie stark die Anatomie der Denkorgane durch die jeweiligen Umwelterfahrungen geprägt ist, hätte Lutz Jäncke vor zehn Jahren selbst noch nicht geglaubt. «Meine Gehirnsammlung umfasst derzeit 600 Stück – und keines sieht aus wie das andere. Ich muss heute eingestehen: Das Hirn an sich gibt es nicht. Hirne sind anatomisch so individuell wie Menschen und ihre Lebensumstände.»

Als junger Forscher hatte Jäncke fest daran geglaubt, menschliche Verhaltensweisen und Fähigkeiten auf physiologische Konstanten zurückführen zu können. Seither hat er einen weiten Weg zurückgelegt: «Vom Standpunkt der Neuroanatomie aus gesehen, bin ich als Löwe gesprungen und als Bettvorleger gelandet. Biologisch-deterministisch denkend habe ich begonnen; nun stehe ich staunend und fast ein wenig demütig vor der ungeheuren Formenvielfalt, welche die Natur auch im Fall des menschlichen Hirns hervorzubringen imstande ist.»

Auch dies gehört für Jäncke zur Wissenschaft, die er als lebendigen Prozess versteht, als ein ständiges Erproben und wieder Verwerfen von Haltungen und Sichtweisen. «Solange ich von eigenen Überzeugungen zurücktreten muss, weil ich neue Einsichten gewonnen habe, bin ich in Bewegung. Und so lange», sagt Jäncke, «werde ich wohl auch Studierende für die Wissenschaft begeistern können.»

 

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