Keine Kuscheltiere

Das Tier verkörpert im traditionellen Afrika eine grosse spirituelle Kraft. Wie der Mensch sich diese zunutze machte, zeigt eine Kabinettsausstellung am Völkerkundemuseum der Universität Zürich. Die Schau wurde von einer Gruppe Studierender im Rahmen eines Ausstellungspraktikums erarbeitet.

Sascha Renner

Eleganz und expressive Kraft: Die mächtige Maske aus Guinea-Bissau vereint Attribute von vier Tieren der Wildnis. Sie ist deshalb besonders wirkungsmächtig. (Bild: Sascha Renner)

Was die Studierenden der Ethnologie in ihrem Praktikum am Völkerkundemuseum erlebten, entspricht den realen Bedingungen eines Ausstellungsbetriebs: Es stand nur ein beschränktes Budget zur Verfügung und eine Vielzahl unterschiedlicher Aufgaben, vom Ausstellungsaufbau bis hin zur Medienarbeit, musste gleichzeitig erledigt werden. Dabei war auch Zupacken gefragt. Denn die massiven Sockel mussten vom Hauptgebäude der Universität in den Ausstellungsraum geschafft werden – eine schweisstreibende Arbeit.

Der Mensch als Mass aller Dinge

Im Mittelpunkt stand aber, trotz allem, die akademische Arbeit. Während drei Semestern beschäftigte sich die siebenköpfige Studentengruppe mit dem Tier in der afrikanischen Kunst. Zwar schuf der Mensch auch in Afrika am allerliebsten sein eigenes Ebenbild; daneben war jedoch das Tier, vom Büffel über den Elefanten bis hin zum Chamäleon, das häufigste Bildmotiv. Das Tier galt dabei als Repräsentant der Wildnis, diese wiederum als hässlich und bedrohlich. Im Gegensatz dazu stand das Dorf, der Hort von Ordnung, Geborgenheit und Schönheit.

Die Elefantenmaske «tso» aus Kamerun ist stark stilisiert und mit Perlen prächtig bestickt. Entsprechend würdevoll war ihr Auftritt bei Ritualen. (Bild: Völkerkundemuseum)

Das Verhältnis zum Tier war deshalb im traditionellen Afrika ein höchst ambivalentes: Als Wesen der Wildnis war es mit grosser spiritueller Potenz ausgestattet und gefährlich. Verstand der Mensch es aber, diese Kraft zu bändigen, konnte er sie für sich nutzbar machen. Als Behältnis dafür fungierten Masken mit menschlichen und tierischen Attributen. Denn nichts wirkte verführerischer auf die hässliche Gestalt eines Buschgeists als eine schön geschnitzte Maske in Menschengestalt. Hatte sich der Geist erst einmal in dem Schnitzwerk niedergelassen, konnte er gezähmt und kontrolliert werden. Durch Maskenrituale wurde die Kraft der Wildnis immer wieder aktiviert, wenn man ihrer bedurfte.

Mischwesen waren am mächtigsten

Die Ausstellung ist mehrheitlich aus den Beständen der Han-Coray-Sammlung bestückt, einer nicht nur besonders frühen (1916-1928), sondern auch qualitätsvollen Schweizer Kollektion im Besitz des Völkerkundemuseums. Zu den eindrücklichsten Exponaten zählt die monumentale, 172 Zentimeter lange Banda-Maske aus Guinea-Bissau. Sie vereint auf einem menschlichen Gesicht Züge von Antilope, Büffel, Chamäleon und Krokodil. Die Kombination verschiedener Tierattribute stattete die Maske mit besonders grosser Wirkungsmacht aus. Ein weiteres Glanzlicht setzt eine über und über mit Perlen bestickte Elefantenmaske. Sie führte sich bei Auftritten – entsprechend dem Status des Tieres, das sie repräsentiert – äusserst würdevoll und majestätisch auf.

Die Bwoom-Maske der Kuba aus Zaire ist Ausdruck eines Buschgeistes. Sie stellt einen einfachen Mann dar, der sich gegen die Mächtigen auflehnt und die herrschenden Strukturen auf den Kopf stellt. (Bild: Völkerkundemuseum)

Der Abwehr von Schadenszauber diente hingegen ein kleiner Spiegelfetisch, der das Maul des Krokodils und den Ringelschwanz des Chamäleons in sich vereint. Die bedrohlich wirkende tierische Kraft wurde in dieser magischen Figur in abschreckender Weise gebändigt. Wie scharf die Grenze zwischen Natur und Kultur gezogen wurde, illustriert eine Maske der Kuba aus Zaire. Mit ihrer vorspringenden Stirn verkörpert sie die benachbarten, im Wald lebenden Pygmäen. Diese Ethnie wurde von den Kuba zum Reich der Tiere gezählt.

Ausgeprägter Schönheitssinn

Das zuerst limitiert scheinende Thema – das Tier in Afrika – eröffnet mannigfache Perspektiven auf indigene Kulturen und Weltanschauungen. Die kunstvoll geschnitzten, bemalten und bestickten Masken zeugen von der hoch entwickelten Fähigkeit zur Abstraktion und vom exquisiten Schönheitssinn jener Völker. Gleichzeitig sind sie Ausdruck des Verlangens, dunkle Mächte zu bannen und ihre Kraft kontrollieren und nutzen zu können. Die elegante, minimalistische Präsentation trägt ein weiteres dazu bei, dass der Besuch dieser Schau zu einem lohnend-lustvollen Erlebnis wird.

 

Die Ausstellung dauert bis Mai 2007.Sie ist geöffnet Di bis Fr 10–13 Uhr und 14–17 Uhr, Sa 14–17 Uhr, So 11–17 Uhr.Durch die Ausstellung führt folgende Publikation, welche auch im Museum zu beziehen ist: Szalay, Miklós (Hrsg.), Die Macht der Wildnis. Das Tier in der afrikanischen Kunst. Völkerkundemuseum der Universität Zürich. 2006, 40 Seiten, 17 Farbabbildungen, 8 Franken. Die Publikation kann auch im Onlineshop des Völkerkundemuseums bestellt werden: http://www.musethno.unizh.ch/shop

Sascha Renner ist Redaktor des unijournals

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