Von Dr. Mabuse bis Ultraschall

Film und Wissenschaft haben mehr miteinander zu tun, als man auf den ersten Blick denken würde. Beide Bereiche bemühten immer wieder den je anderen, um sich ins Bild zu setzen. Das zweitägige Symposium «Wissenschaft im Film – Film in der Wissenschaft» schlug den breiten Bogen vom frühen Tierfilm bis zum Ultraschall.

Brigitte Blöchlinger

Dr. Mabuse und Co.: zahlreiche verrückte Wissenschaftler bevölkern den Film. (Bild: Internet)

Seit es Film gibt, wird er auch zu wissenschaftlichen Zwecken eingesetzt. So nutzte man bereits im 19. Jahrhundert die Eigenart des Films, Bewegung in kleinste Einzelbilder zu unterteilen, um Bewegungsstudien von galoppierenden Pferden oder rennenden Männern zu erstellen. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen mit den bildgebenden Diagnoseverfahren Ultraschall, Szintigraphie, Positronen-Emissions-Tomographie, Magnetresonanz und Computertomographie visuelle Abbildungen in ganz neuen Dimensionen in die Wissenschaft ein, die sich heute insbesondere in der Medizin nicht mehr wegdenken lassen.

Künstliche Intelligenz: Im Film hat sie bereits die Macht übernommen (Szene aus Stanley Kubricks «Space Odyssee 2001»). (Bild: Internet)

Mister Hyde und HAL

Umgekehrt spielt auch die Wissenschaft im Film von Anfang an eine wichtige Rolle. Schon im Stummfilm taucht die Figur des verrückten Wissenschaftlers auf, und sie bleibt dem Film bis heute erhalten, sei es als weltfremder, harmloser Typus, sei es als bösartiger Maniak, der mit seinen Erfindungen die Welt bedroht (Dr. Mabuse, Dr. Jeckyll and Mr. Hyde etc.).

Im Science Fiction schliesslich wird Wissenschaft zum zentralen Thema. Paradebeispiel für eine gelungene visuelle Verarbeitung wissenschaftlicher Forschung ist wohl «Space Odyssee 2001» von Stanley Kubrick, der die damaligen Befürchtungen, dass sich Künstliche Intelligenz verselbstständigen und gegen ihre Erfinder wenden könnte, als «übermenschlichen» Supercomputer HAL inszenierte. Sir Christopher Frayling aus London zeigte am Symposium «Wissenschaft im Film – Film in der Wissenschaft» anhand von Kinderzeichnungen, wie sehr sich das Medienbild des «mad scientist» im öffentlichen Bewusstsein festgesetzt hat – als Reflexion weit verbreiteter Ängste vor einer nicht mehr kontrollierbaren Wissenschaft.

Die Angst vor einer nicht mehr kontrollierbaren Wissenschaft ist in der Bevölkerung weit verbreitet, berichtete Sir  Christopher Frayling an der Tagung «Film in der Wissenschaft – Wissenschaft im Film». (Bild: Wiebke Schweer)

Ethik des Tierfilms

Das zweitägige Symposium initiiert und mit organisiert hat der Privatdozent Hans K. Schmutz vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich; er begrüsste die internationalen Referentinnen und Referenten auf dem Irchel und führte kurz ins Thema ein. Als ersten konnte er den Biologen Dr. Andreas Moser vors Mikrophon bitten.

Der beliebte Tierfilmer von SF DRS thematisierte das Spannungsfeld zwischen Ethik und kommerziellem Druck, in dem sich Tierfilm-Regisseure befinden. Da auch Tierfilme wie alle anderen Fernsehbeiträge an ihrer Einschaltquote gemessen würden, liege die Versuchung nahe, immer spektakulärere Tieraufnahmen herzustellen – mittels unlauterer Mittel wie Betäubung, Nachstellen von Szenen mit dressierten Tieren oder Inszenieren der gewünschten Sequenzen mittels Montage.

Der als «Tierli-Moser» weit herum bekannte und mehrfach ausgezeichnete Biologe, der dieses Jahr am Dies academicus zum Ehrendoktor der Universität Zürich ernannt worden ist, bekannte sich zu klaren ethischen Grenzen, die Produzenten von Tierfilmen einhalten sollten.

Allseits beliebt: Biologe Andreas Moser während Dreharbeiten zu «seiner» Sendung «NETZ Natur» für das Schweizer Fernsehen. (Bild: Internet, SF DRS)

Anthropomorphismus

Wie sich Tierfilme über die Jahrzehnte verändert haben, dazu referierte der Filmhistoriker und Filmemacher Derek Bousé aus Philadelphia. Seit je suche das «Auge» der Kamera bei der Darstellung von Tieren nach menschenähnlichen Phänomenen. Diese Tendenz, Tiere vermenschlicht darzustellen, nannte Bousé Anthropomorphismus.

Dieser sei aber nicht nur eine Verfälschung der «Tatsachen» des Tierreichs; emotionalisierte Tiersendungen seien beispielsweise für den Tierschutz auch förderlich gewesen: Wenn der populäre Zoologe und Fernsehmoderator Bernhard Grzimek in den sechziger und siebziger Jahren im Hessischen Rundfunk einem «armen» Tier über den Kopf strich, so weckte das in den Zuschauern viel direkter den Gedanken, dass Tiere geschützt werden müssen, als teure Kampagnen es vermocht hätten.

Abschreckende Bilder

Ebenfalls eine historische Dimension wies das Thema «Medicine goes Fiction» der Doktorandin Anita Gertiser (Institut für Filmwissenschaft der Universität Zürich) auf. Sie untersuchte die Inszenierung von Geschlechtskrankheiten in Schweizer Aufklärungsfilmen vor 1935.

Die damaligen Aufklärungsfilmer scheuten auch vor grobem Geschütz nicht zurück, um abschreckend aufs Publikum einzuwirken und inszenierten beispielsweise eklige Aufnahmen von Geschwüren, wie sie bei Syphilis entstehen. Heute werden in der medizinischen Prophylaxe kaum mehr negative Gefühle wie Ekel, Abscheu, Angst vor dem Tod und ähnliches bemüht; im Zeitalter von Aids setzen die Aufklärer mehr auf die Eigenverantwortung der Individuen.

Möglichst «echt» soll es ausschauen

Nicht nur dokumentarische Formen, auch Fiction-Filme müssen sich um die gelungene Darstellung wissenschaftlicher Forschung bemühen. Ob nun ein Erdbeben Los Angeles heimsucht (wie 1974 in «Earthquake»), ein Wissenschaftler bei einem missglückten Laborversuch zum gigantischen Mensch-Fliege-Hybrid mutiert (wie in «The Fly», 1986) oder eine plötzliche Eiszeit über New York einbricht (wie in «The Day after Tomorrow», 2004) – immer sind profunde Kenntnisse der wissenschaftlichen Materie vonnöten, um die mittlerweile verwöhnte Zuschauerschaft von der «Echtheit» des Inszenierten zu überzeugen.

Begeistert von den Neuro Sciences: der Hollywood-Regisseur Alexander Singer («Star Trek») während seines Vortrags. (Bild: Wiebke Schweer)

Zu «Wissenschaft im (Fiction-)Film» äusserte sich an der Tagung der erfahrene TV-Regisseur Alexander Singer aus Los Angeles. Der Realisateur zahlreicher Star-Trek-Folgen plädierte für die korrekte Darstellung von Wissenschaft in Hollywood-Produktionen. Als Beispiel hatte Alexander Singer sich Steven Spielbergs Film «Minority Report» ausgesucht, in dem Tom Cruise als «Präventions-Polizist» dank Science-Fiction-Technik drohenden Verbrechen zuvorkommt.

Begeisterung für die Neuro Sciences

Regisseur Alexander Singer präsentierte auf der Tagung auch einen eigenen kurzen Science Fiction, den er im Auftrag eines amerikanischen Forschungszentrums realisiert hat. Darin leidet die Menschheit an einem «information overload», einem Informationsüberfluss durch das Internet, den verschiedene internationale Expertengruppen, deren Gehirne mit Computern verbunden sind («augmented cognition»), filtern und überwachen müssen. Eines der Teams rettet – innert weniger Minuten natürlich – dank von der Hirnforschung optimiertem Stressmanagement die Welt vor einer Katastrophe. – Die Filmstory hat sogar einen realen Hintergrund: Im Moment wird an Methoden gearbeitet, wie man Air-Force-Piloten bei Extremeinsätzen mit neurologischem Informations- und effizientem Stressmanagement unterstützen kann.

Dass Alexander Singer mit seinem Film allerdings mehr mache als naiven US-Heimatschutz mit militärischen Mitteln, sei eher am Rande der Tagung deutlich geworden, erzählt Tagungsinitiator Hans K. Schmutz: Der Regisseur wählte als Katastrophen-Szenario bewusst kein militärisches, sondern ein ökonomisches Problem – und es wird mit friedlichen Mitteln gelöst.

 

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin von unipublic.

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