Psychotherapie am Computer

Geht es um Computerspiele, erheben Fachleute aus Pädagogik und Psychologie meist den Mahnfinger. Die Kinder- und Jugendpsychologin Veronika Brezinka hingegen sieht auch Positives in der Spielbegeisterung. Zusammen mit Studierenden hat sie erstmals ein Computerspiel konzipiert, das in der Psychotherapie eingesetzt werden kann.

Theo von Däniken

Unterwegs im Computergame «Zauberschloss»: Im abgebildeten Raum  gilt es für die Kinder und Jugendliche, auf den Portraits an den Wänden die Stimmungen der abgebildeten Personen zu erkennen. (Bild: Internet)

«Wie fühlt sich die Person auf dem Bild?», fragt uns der Computer. Wir befinden uns in einem fürstlich eingerichteten Esszimmer, an den Wänden um uns herum hängen Dutzende von Portraits, deren Gesichtsausdruck auf die Stimmungslage der Portraitierten schliessen lässt.

Verschiedene Antwortmöglichkeiten von glücklich bis wütend stehen zur Verfügung. Mit der Maus können wir jedem Bild die richtige Gemütslage zuordnen. Liegen wir falsch, macht uns der Computer darauf aufmerksam und fordert zu einem erneuten Versuch auf.

Die Aufgabe ist Teil des psychotherapeutischen Computerspiels «Zauberschloss», das Psychologie-Studierende der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit Game-Design-Studierenden der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ) entwickelt haben. In Ablauf und Darstellung kommt das Spiel daher wie ein gängiges Computerspiel. Den Inhalt jedoch erarbeiteten die Studierenden aufgrund anerkannter psychotherapeutischer Methoden, damit das Spiel acht- bis zwölfjährige Kinder bei einer kognitiven Verhaltenstherapie unterstützen kann.

Innovatives «serious game»: Das Zauberschloss soll die kognitive Verhaltenstherapie von Kindern und Jugendlichen unterstützen. (Bild: Internet)

Gedanken erkennen

Bei der Therapie geht es unter anderem darum, dass Kinder und Jugendliche lernen, hilfreiche und wenig hilfreiche Gedanken zu erkennen und zu unterscheiden. «Das geht sowieso schief» oder «Keiner mag mich» sind Gedanken, die Kinder in Stresssituationen oft haben. Für die Bewältigung eines Problems sind sie jedoch kontraproduktiv. In der Therapie lernen die Kinder mit Hilfe des Spiels, ihre Gefühle und Gedanken zu erkennen und wenig hilfreiche Gedanken durch hilfreiche zu ersetzen.

«Ich bin überzeugt, dass die Faszination von Computerspielen auf Kinder für eine psychotherapeutische Behandlung genutzt werden kann», sagt die Psychologin Veronika Brezinka, Lehrbeauftragte am Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich.

Seit einem Jahr bietet sie deshalb im Rahmen des Nebenfachstudiums ‚Psychopathologie von Kindern und Jugendlichen’ gemeinsam mit Ulrich Götz von der HGKZ (Studiengang Interaction Design / Game Design) eine Lehrveranstaltung an, in der Studierende psychotherapeutische Computerspiele für Kinder und Jugendliche konzipieren.

Neuland mit therapeutischen Games

Damit betritt Brezinka weitgehend Neuland. Zwar sind sogenannte «serious games» oder «social impact games», bei denen Kinder und Jugendliche auf spielerische Weise Wissen oder Verhaltensweisen erlernen können, seit einiger Zeit im Aufschwung begriffen. Dass ein Computerspiel jedoch gezielt für den Einsatz in einer Psychotherapie hin entwickelt wurde, ist jedenfalls in Europa neu.

Die Idee stösst in Fachkreisen auf Interesse: In dieser Woche werden Brezinka und ihre Studierenden das Spiel auf dem Jahreskongress der «European Association of Behavioural and CognitiveTherapies» in Paris erstmals öffentlich präsentieren.

Veronika Brezinka vom Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie bietet gemeinsam mit der Hochschule für Gestaltung und Kunst eine Lehrveranstaltung an, in der Studierende psychotherapeutische Computerspiele konzipieren lernen. (Bild: Theo von Däniken )

Attraktive Hausaufgaben

Können depressive, ängstliche oder verhaltensauffällige Kinder also künftig vor den Computer gesetzt, statt zum Therapeuten geschickt werden? «Ziel des Spieles ist es, den Therapeuten durch attraktive Hausaufgaben in seiner Arbeit zu unterstützen», betont Brezinka. «Ein Computerspiel wird niemals einen Therapeuten ersetzen können.»

Im Spiel kann das Kind die Themen, die der Therapeut in der Sitzung bereits bearbeitet hat, wiederholen und einüben. «Hausaufgaben gehören zu jeder Psychotherapie, damit die Patienten sich auch über die Therapiestunden hinaus mit den Themen beschäftigen …», erklärt Brezinka. Mit einem Computerspiel, so hofft sie, können Kinder besser für die Hausaufgaben motiviert werden.

Sind Inhalte und Ziele des Spiels von der Psychotherapie her bestimmt, so sind der Ablauf und die Handhabung von «Zauberschloss» wie bei einem klassischen Computerspiel. Das Kind muss in verschiedenen Räumen unterschiedliche Aufgaben lösen. Hat es einen Raum geschafft, erhält es den Schlüssel zum nächsten Raum.

Gleichgewicht von Spiel und Therapie

«Die Umsetzung der Lerninhalte zu einem attraktiven Spiel ist eine äusserst anspruchsvolle Aufgabe», weiss Brezinka aus Erfahrung. Hier zahlt sich die Zusammenarbeit mit Studierenden der HGKZ aus, die ihre Ideen aus Sicht des Game Designs einbringen.

Die Spielkonzepte werden in Kleingruppen von Anfang an gemeinsam zwischen den Psychologiestudierenden und den Game-Designern entwickelt. «Die Schwierigkeit ist, das Gleichgewicht zwischen dem Spielcharakter und den Therapie-Inhalten zu finden», erklärt Brezinka. «Bei 'Zauberschloss' ist dies meiner Meinung nach sehr gut gelungen.»

Theo von Däniken ist Redaktor von unipublic.

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