Die dunkle Seite des Altruismus

Menschen verhalten sich – entgegen vielen wirtschaftswissenschaftlichen Theorien – in der Realität nicht nur eigennützig, sondern zeigen eine grosse Bereitschaft zu altruistischem Handeln. Ein Zürcher Forscherteam um den Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr konnte nun die Vermutung bestätigen, dass der Altruismus vor allem Mitgliedern der eigenen Gruppe gilt, Fremde hingegen werden häufig diskriminiert.

Theo von Däniken

Die Studie von Ernst Fehr, Urs Fischbacher und Helen Bernhard vom Institut für empirische Wirtschaftsforschung entstand im Rahmen des Universitären Forschungsschwerpunktes «Grundlagen menschlichen Sozialverhaltens: Altruismus und Egoismus» und wurde diese Woche in «Nature» publiziert. Aus der engen Zusammenarbeit von Forschenden an der Universität Zürich im Rahmen des Schwerpunktes gingen bereits viel beachtete Resultate hervor. «Die neueste Arbeit ist ein weiteres hochkarätiges Produkt dieser Kooperation» freut sich Fehr, der den Forschungsschwerpunkt leitet.

Tief sitzendes menschliches Verhalten

«Begünstigung der eigenen Gruppe und Gleichgültigkeit gegenüber den Mitgliedern von anderen Gruppen ist vermutlich ein tief sitzender – evolutionär geprägter – Impuls, der bis in die heutige Zeit hinein eine Rolle spielt», erklärt Urs Fischbacher. Ernst Fehr, der Leiter der Studie, fügt als Beispiel fremdenfeindliche politische Organisationen an, welche häufig eine «altruistische», verteidigende Haltung gegenüber Inländern und Misstrauen bzw. gar offene Feindseligkeit gegenüber Ausländern an den Tag legen. «Es bedarf zivilisatorischer Anstrengungen, solche Impulse zu überwinden», so Fehr.

Ungewöhnliche Wege

Zum Nachweis der «dunklen Seiten des Altruismus» ging Fehrs Gruppe einen ungewöhnlichen Weg: Sie führte nämlich nicht Experimente mit künstlich gebildeten Test-Gruppen in Labors durch, sondern untersuchte die Durchsetzung von Normen mit Mitgliedern von zwei Stämmen in Papua Neu Guinea. «Papua Neu Guinea eignet sich hervorragend zur Beantwortung dieser Fragen, weil es sehr viele verschiedene – durch Gruppensolidarität gekennzeichnete – ethnische Gruppen gibt, deren Zusammenleben in erster Linie durch informelle soziale Normen geregelt ist», erklärt Helen Bernhard. «Die Menschen in Papua Neu Guinea leben noch unter viel einfacheren Bedingungen als die modernen europäischen Gesellschaften. Diese Bedingungen sind denen näher, unter welchen sich unsere 'sozialen Instinkte' entwickelt haben.»

Helen Bernhard erklärt einer Gruppe von Teilnehmenden die Regeln des Bestrafungsspiels. (Bild: Helen Bernhard)

Dass die Studie in dieser Form durchgeführt werden konnte, ist auch einem glücklichen Zusammentreffen zu verdanken: Helen Bernhard ist Tochter eines Missionars auf Papua Neu Guinea und mit den Verhältnissen in Papua Neu Guinea vertraut. Sie stellte den Kontakt zu den Stämmen her und führte die Untersuchungen mit den Eingeborenen durch.

Wenig Schutz für Aussenstehende

Anhand eines Bestrafungsszenarios zeigte Fehr, dass es bei der Durchsetzung von sozialen Normen eine Rolle spielt, ob Täter, Opfer und Bestrafer der gleichen Gruppe angehören oder nicht. In dem Experiment geht es darum, dass eine Person eine ihr zur Verfügung stehende Geldsumme mit einer anderen Person teilt. Ein Dritter bewertet die Transaktion und kann sein eigenes Geld einsetzen, um den Geber zu bestrafen, wenn er nicht angemessen teilt. Dem Experiment liegt die soziale Norm zu Grunde, dass die zur Verfügung stehenden Mittel oder Ressourcen innerhalb einer Gruppe möglichst gleich verteilt werden sollen.

Wer soll wieviel Geld erhalten? Nachdem er eine Kontrollfrage beantwortet hat, entscheidet der Teilnehmer über die Verteilung. (Bild: Helen Bernhard)

Es zeigte sich, dass die Menschen viel weniger bereit sind, eine Normverletzung zu bestrafen, wenn das Opfer nicht dem eigenen Stamm angehört. Fremde werden also weniger vor Normverletzungen in Schutz genommen, als Angehörige des eigenen Stammes. Dies unabhängig davon, ob der Normverletzer aus dem eigenen oder vom anderen Stamm kommt. Es zeigte sich auch, dass die Normverletzer erwarten, dass sie weniger bestraft werden, wenn der Bestrafende vom eigenen Stamm ist; deshalb wird die Gleichheitsnorm in diesen Fällen auch besonders oft verletzt.

Erklärungsmuster ausweiten

Bisherige Erklärungen, weshalb sich altruistische Verhaltensweisen in Gesellschaften durchsetzen konnten, befassen sich meist nur mit Vorgängen innerhalb einer einzelnen Gruppe. Fehrs Studie widmete sich erstmals gezielt der Frage, wie die Durchsetzung von Normen über mehrere Gruppen funktioniert. Dabei gelangte er zu überraschenden Ergebnissen: Die dem Versuch zu Grunde liegende soziale Norm der gerechten Verteilung von Einkommen wurde auch über Gruppen hinweg durchgesetzt, selbst wenn die Durchsetzung mit Kosten verbunden war.

Evolutionäre Modelle zur Entstehung altruistischer Verhaltensweisen können dieses Verhalten nicht vollständig erklären. Denn aus Sicht eines evolutionären Wettbewerbs unter den verschiedenen Gruppen ist die Durchsetzung der Norm gegenüber einem Aussenstehenden nicht notwendig, weil dieser nicht an die sozialen Normen der Gruppe gebunden ist. Um das Erklärungsmodell vervollständigen zu können, müssen deshalb in Zukunft auch die Interaktionen zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen in die theoretischen Modelle eingebaut werden, so Fehr.

Theo von Däniken ist Redaktor von unipublic

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000