100. Geburtstag von Hannah Arendt 

Keine Philosophin - eine Denkerin 

Zum hundertsten Geburtstag von Hannah Arendt (1906-1975) veranstalteten das Philosophische Seminar der Universität Zürich und das Institut für Jüdische Studien der Universität Basel ein internationales Kolloquium. Es fand am Donnerstag, 29. Juni, an der Universität Zürich statt.

David Werner

Hannah Arendt betrachtete sich nicht als Philosophin, sie bevorzugte die offenere und zugleich genauere Bezeichung «politische Denkerin». Drängende Zeitfragen bildeten den zentralen Bezugspunkt ihrer Schriften, Fachgrenzen empfand sie bei ihrer Arbeit als hinderlich. Die interdisziplinäre Besetzung des Zürcher Kolloquiums passe zum Denkstil Hannah Arendts, sagte Jaqcues Picard, ordentlicher Professor für Geschichte und Kultur der Juden in der Moderne an der Universität Basel, in seiner kurzen Begrüssungsansprache.

Mitveranstalter Prof. Dr. Jacques Picard (Universität Basel) begrüsste die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Hannah-Arendt-Kolloquium in Zürich. (Bild: David Werner)

Das Kolloquium kreiste um die Begriffe Freiheit und Politik, Universalismus und Partikularismus, Konformismus und Pluralismus, Einschluss und Ausschluss. Zugleich ging es um Globalisierung und Flüchtlingspolitik. Politologische, historische, philosophische und kulturwissenschaftliche Perspektiven kamen dabei zum Tragen.

Raumgebundene Freiheit

Hannah Arendt entwickelte ihre politische Theorie unter dem Eindruck der Judenverfolgung. Sie wusste, was es bedeutet, Flüchtling zu sein. Von 1937 bis zu ihrer Einbürgerung in die USA im Jahr 1951 war sie staatenlos. Aus dieser Erfahrung nährte sich ihre vieldiskutierte Grundüberzeugung, dass Freiheit und politische Selbstbestimmung (beides gehört für sie aufs Engste zusammen) raumgebunden seien. Nur in einem gesichterten und eingegrenzten öffentlichen Raum, so Arendt, sei gewährleistet, dass die Rechte von Menschen respektiert würden, ihre Meinung Gewicht hätte und ihre Handlungen von Belang seien.

Es liegt angesichts dieser starken Akzentuierung des Raums nahe, sich Gedanken darüber zu machen, was Hannah Arendt zur zunehmenden Depotenzierung der Politik im Zeitalter der Globalisierung gesagt hätte.

Prof. Dr. Georg Kohler (Universität Zürich) formulierte die Leitfrage des Kolloquiums: «Wie kann in einem entgrenzten Raum raumgebundene Freiheit stattfinden?» (Bild: David Werner)

«Wie kann», so formulierte Georg Kohler, Professor für Philosophie an der Universität Zürich, die Leitfrage des Kolloquiums, «in einem entgrenzten Raum raumgebundene Freiheit stattfinden?»

Globalisierung und Weltstaat

Urs Marti, Privatdozent für politische Theorie an der Universität Zürich, schloss mit seinem Referat direkt an diese Frage an. Die fortschreitende Einengung politischer Gestaltungsfreiheit durch global operierende Unternehmen und die Umformung öffentlicher Räume in Wirtschaftsstandorte sei – mit Hannah Arendt gedacht – als neue Form der Tyrannis zu interpretieren, sagte Marti. Welche Lösungen hätte Arendt favorisiert, um die Dominanz der Wirtschaftsakteure zu brechen? Die Idee eines Weltstaates wohl kaum, meinte Marti. Ein Weltstaat sei in den Augen von Arendt mit politischer Pluralität nicht zu vereinbaren, deshalb habe sie diese Idee immer verworfen. «Staatliche Souveränität ist gemäss Hannah Arendt nur erträglich, wenn sie durch souveräne Nachbarstaaten in Grenzen gehalten wird», sagte Marti. Deshalb, so vermute er, hätte Arendt heute statt für überstaaatliche wohl für mehr zwischenstaatliche Abkommen plädiert.

Die drei Referierenden am Kolloquium: Prof. Dr. Idith Zertal (Tel Aviv und Basel), Prof. Dr. Martine Leibovici (Paris), PD Dr. Urs Marti ( Universität Zürich). (Bild: David Werner)

Jüdisches Selbstverständnis

Die dritte Referentin, Martine Leibovici, Professorin für politische Wissenschaft an der Universität Paris XIII-Nord Villetaneuse, ging den Zusammenhängen nach, die zwischen dem Selbstverständnis Hannah Arendts als Jüdin und der Entwicklung ihrer politischen Theorie bestehen. Leibovici zeigte auf, wie Arendt im Zuge ihrer frühen Beschäftigung mit der Lebensgeschichte der Berliner Jüdin Rahel Varnhagen zum Begriffspaar von Partikularismus und Universalismus fand, der einen zentralen Stellenwert in ihrer politischen Theorie einnimmt. Charakteristisch für den ehtischen Partikularismus ist die Betonung der gemeinsamen Herkunft, die Abschottung nach aussen sowie das Harmoniestreben nach innen. Ein solcher ethischer Partikularismus, so Leibovici, sei für Hannah Arendt zum Inbegriff einer politisch unfruchtbaren Haltung geworden.

Schutzlose Flüchtlinge

Idith Zertal, Professorin für Zeitgeschichte am Interdisciplinary Center in Herzilya, Israel, beschäftigte sich mit der Figur des Flüchtlings, welchem in Hannah Arendts Werk ein herausragender Stellenwert zukommt. Hannah Arendt betrachtete das Flüchtlingsphänomen als Kehrseite des Prinzips nationaler Selbstbestimmung. Die Überbetonung des kollektivrechtlichen gegenüber dem universalrechtlichen Denken im 20. Jahrhundert hatte katastrophale Konsequenzen. Gerade Menschen, die am meisten auf Rechtsschutz angewiesen wären, weil sie als Staatenlose durch niemanden repräsentiert wurden, standen am ungeschütztesten da. Dieser Missstand, so Idith Zertal, sei bis heute nicht gelöst. Hannah Arendt, so betonte Zertal, habe den Kern des Problems benannt: Nicht der Verlust der Heimat sei das Schlimmste am Schicksal der Staatenlosen, sondern die Unmöglichkeit, eine neue zu finden.

David Werner ist Redaktor des unijournals.

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