Ausser Kontrolle

Für viele (Boulevard-)Medien gehören Berichte über Gewaltverbrechen zum auflagesteigernden Alltagsgeschäft. Für die Opfer jedoch bedeutet die unfreiwillige Präsenz in der Zeitung oder im Fernsehen meist eine negative Wiederholung des erlittenen Traumas. Das hat eine Studie des Psychopathologen Prof. Andreas Maercker zu Tage gebracht.

Brigitte Blöchlinger

Opfer von Gewalt brauchen nicht Medienpräsenz, sondern kompetente Hilfe. (Bild: Weisser Ring, Augsburg)

«Aus psychologischer Sicht ist es nicht vertretbar, stark beeinträchtigte Opfer in die Medien zu bringen», zieht Professor Andreas Maercker vom Psychologischen Institut der Universität Zürich die Schlussfolgerung aus seiner Studie. Maercker hat als erster die Reaktionen der Opfer von Raubüberfällen mit und ohne Körperverletzung und von Opfern häuslicher Gewalt auf Medienberichte untersucht. Seine 63 «Probandinnen» und «Probanden» erhielt er über die Opferhilfestelle «Weisser Ring» vermittelt; so war gewährleistet, dass die Untersuchung ihrerseits keinen negativen Effekt auf die Gewaltopfer ausübte. Die Studie wird am 12. Juni in der Fachzeitschrift «European Psychologist» veröffentlicht.

Angst, Wut, sich ausgeliefert fühlen

Von den Gewaltopfer wurde erfragt, was sie von den Artikeln hielten, die in den Medien über sie erschienen, und welche Gefühle diese bei ihnen wachriefen. Die Mehrheit der Befragten fühlte sich erneut traurig (65,6%), als sie sich in den Medien erwähnt sahen, die Hälfte war erschrocken, ein Drittel wütend und nur 10% blieben indifferent. Nur sehr wenige Gewaltopfer (5%) freuten sich über die Medienpräsenz oder fühlten sich dadurch unterstützt (11%).

Vor allem stark traumatisierte Gewaltopfer empfinden beim Lesen eines Artikels über sie nicht etwa Genugtuung, sondern Angst, Wut und das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Journalistische Berichterstattung hat – anders etwa als das eigene Tagebuchschreiben – also keine kathartische Wirkung. Die Opfer fühlen sich im Gegenteil ein weiteres Mal ohne Kontrolle über das Geschehen. Nicht nur die Psyche, auch der Körper reagiert darauf mit einer Verstärkung der Symptome.

Dabei kommt es nicht darauf an, ob der Artikel die Tat richtig schildert oder ob Unwahrheiten darin vorkommen. Für die Medien gibt es deshalb bei schweren Gewalttaten keine «psychologisch korrekte» Berichterstattung. «Aus psychologischer Sicht würden die Medien am besten gar nicht über schwer traumatisierte Menschen berichten», sagt Prof. Maercker.

Am besten keine Medienberichte

Der Schwerpunkt der Untersuchung lag bei den Raubüberfall-Opfern. Diese haben es insofern etwas «leichter», als Aussenstehende ihr Leiden meist stärker als solches erkennen. In einer schwierigeren Lage befinden sich die meist weiblichen Opfer von häuslicher Gewalt: Sie erleben oft nicht einmal die bescheidene «Genugtuung», dass das Erlittene auch von aussen nachvollzogen werden kann.

Zwar schwächt sich im Laufe der Monate die Reaktion der Opfer auf die Medienberichte etwas ab. Doch ist das nicht das Verdienst der Medien, sondern der Opfer selbst, wenn sie das Erlebte zu verarbeiten beginnen und sich das Trauma langsam auflöst.

Hilfe erhalten die Traumatisierten dabei nicht nur von der Opferhilfeorganisation Weisser Ring, sondern, sofern erwünscht, auch von der Psychotherapeutischen Praxisstelle an der Scheuchzerstrasse 21, der Professor Andreas Maercker vorsteht.

Professor Andreas Maercker, Leiter der Praxisstelle für Psychotherapie und Begutachtung, wo Gewaltopfer Unterstützung finden. (Bild: Internet)

 

Praxisstelle für Psychotherapie und BegutachtungDie Praxisstelle für Psychotherapie ist eine öffentliche Institution, die allen Personen offen steht. Das Angebot umfasst psychotherapeutische Behandlungen bzw. Unterstützung bei der Wahl einer geeigneten Psychotherapie.Ort: Scheuchzerstrasse 21, 8006 Zürich Kontaktzeiten: Mo–Fr 9–13 Uhr E-Mail: praxisstelle@psychologie.unizh.ch

Brigitte Blöchlinger ist Redaktorin von unipublic.

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