Streichelzoo gegen Allergien?

Wenn Frauen während der Schwangerschaft in Kontakt mit Stalltieren sind, dann leidet das Kind später seltener unter Asthma oder Allergien. Dies hat eine europäische Studie mit Beteiligung der Universitäts-Kinderklinik Zürich herausgefunden.

Theo von Däniken

Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, leiden seltener unter Asthma und Heuschnupfen, als andere Kinder. Verantwortlich dafür sind am ehesten Mikroben, mit denen das Kind auf dem Bauernhof bereits in den ersten Lebensjahren in Kontakt kommt, und welche die Entwicklung des Immunsystems beeinflussen. Vor einiger Zeit konnte die Gruppe von Roger Lauener vom Kinderspital Zürich nachweisen, dass solche Mikroben in der Umwelt das angeborene Immunsystem der Kinder beeinflussen.

Roger Lauener verbindet mit seiner Forschung zu Ursachen von Allergien Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung mit Befunden aus Beobachtungen der realen Lebenswelt. (Bild: Theo von Däniken)

In einer Anschlussstudie fanden die Forscher nun heraus, dass bereits das Umfeld der schwangeren Mutter einen Einfluss auf die Entwicklung des kindlichen Immunsystems hat. Die Ergebnisse der Untersuchung, die wiederum im Rahmen einer internationalen Studie durchgeführt wurde, wurden in der April-Ausgabe des «Journal of Allergy and Clinical Immunology» veröffentlicht.

Je mehr Tiere, desto besser

«Wir fanden heraus, dass nicht nur das Aufwachsen von Kindern auf einem Bauernhof, sondern bereits der Kontakt der schwangeren Mutter mit Stalltieren in Beziehung steht zum Schutz vor Allergien beim Kind», so Lauener. Anhand von Blutuntersuchungen bei 322 Kindern konnte Lauener zudem zeigen, dass bestimmte Rezeptoren (so genannte Toll-Like-Receptors TLR) vermehrt exprimiert sind, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Kontakt mit Stalltieren hatte. Dieser Effekt ist umso stärker, je grösser die Zahl der Tierarten ist, mit denen die Frau in Berührung kam.

Laueners Forschung, in der er eng mit Epidemiologen zusammenarbeitet, bewegt sich an der Schnittstelle zwischen den in strikt kontrollierbaren Laborsituationen gewonnenen Erkenntnissen und den Befunden aus Beobachtungen in der realen Lebensumwelt. «Wir führen immunologische Untersuchungen an Blutproben durch, die im Rahmen von epidemiologischen Studien gewonnen wurden», erklärt Lauener.

«Im Gegensatz zur Laborsituation sind Experimente im ‚realen Leben’ natürlich viel weniger scharf kontrollierbar, weil eine Fülle von miteinander interagierender Faktoren einen Prozess beeinflussen. Dafür können wir untersuchen, ob Mechanismen, die aufgrund von Experimenten der Grundlagenforschung postuliert werden, im ‚realen Leben’ eine relevante Rolle spielen» führt Lauener aus. «Umgekehrt nehmen wir Hypothesen, die aus epidemiologischen Untersuchungen entstehen, auf, und versuchen mit in vitro-Experimenten und Tierversuchen zugrunde liegende Mechanismen zu ergründen.»

Bei der vorliegenden Studie musste eine ganze Reihe weiterer möglicher Einflussfaktoren wie Alter der Mutter, Geschlecht des Kindes, Bildung der Eltern, Tabakkonsum, und so weiter ausgeschlossen werden, um zu einer Aussage über den Zusammenhang zwischen Exposition der Schwangeren und Immunsystem des Kindes zu kommen.

Alltag beeinflusst Immunsystem

Interessant ist für Lauener die Tatsache, dass die alltägliche Umgebung der Schwangeren einen Einfluss auf die Entwicklung des kindlichen Immunsystems hat, ohne dass die Mutter eine Infektion hatte oder krank war. Für die Forschenden bedeutet dies, dass bei der Suche nach möglichen Ursachen für eine Allergie bei Kindern auch die Umwelteinflüsse auf die schwangere Mutter in Betracht gezogen werden müssen.

«Wir werden nun aber nicht allen Frauen raten, während der Schwangerschaft auf dem Bauernhof zu leben», sagt Roger Lauener lachend. Denn die Erkenntnis ist nur ein weiterer kleiner Mosaikstein im Verständnis darüber, weshalb Allergien entstehen. «Einen direkten therapeutischen Nutzen kann man davon nicht ableiten», warnt Lauener vor falschen Erwartungen, «dazu ist es noch zu früh.»

So zeigten die Untersuchungen zwar, dass die Anzahl der Rezeptoren im angeborenen Immunsystem des Kindes in einem bestimmten Verhältnis zum Kontakt der Mutter mit Tieren steht. «Ob die Anzahl der Rezeptoren aber tatsächlich die Ursache für den besseren Schutz vor Allergien ist, wissen wir nach wie vor nicht», erklärt Lauener. Auch sei nicht klar, welche Mikroben den günstigen Einfluss auf die Entwicklung von Allergien und die Expression der Immunrezeptoren ausübten. Antworten auf diese und weitere Fragen werden erst weitere Untersuchungen ergeben.

Theo von Däniken ist Redaktor von unipublic

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