Mit Gentherapie gegen Immunschwäche

Einem Forschungsteam aus der Schweiz und Deutschland ist es erstmals gelungen, mit Gentherapie eine angeborene Blutkrankheit zu behandeln. Für die Schweiz ist Prof. Reinhard Seger vom Kinderspital Zürich beteiligt.

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Ablauf des Gentransfers in Stammzellen. (Bild: zVg)

Die «Septische Granulomatose» ist eine Krankheit, welche die Lebensqualität der Betroffenen massiv beeinträchtigt. Die seltene, angeborene Blutkrankheit führt zu einer Immunschwäche und beeinträchtigt die Abwehr gegen bestimmte Bakterien und Pilze schwerwiegend. Die Patienten leiden unter wiederkehrenden und oft schweren Infektionen, die eine lebenslange Behandlung mit relativ aggressiven Antibiotika nötig machen. Das Risiko bleibt, von Pilzinfektionen befallen zu werden, die viel schwerer zu bekämpfen sind.

Als einzige Heilungschance bot sich bislang die Stammzelltransplantation an. Trotz beträchtlicher Erfolge bleibt diese allerdings risikoreich, da die Spenderzellen vom Empfänger abgestoßen werden können. Die Transplantation muss zudem mit einer aggressiven Chemotherapie kombiniert werden, um das eigene Blut- und Immunsystem zu zerstören.

Kopie einsetzen

Einen neuen Weg der Behandlung zeigen die Teams von Reinhard Seger, Leiter der Abteilung Immunologie/Hämatologie des Kinderspitals Zürich, Dieter Hoelzer von der Universitätsklinik Frankfurt und Manuel Grez vom Institut für biomedizinische Forschung in Frankfurt auf. In der neuen Ausgabe des Online-Magazins «Nature Medicine» berichten sie über die erfolgreiche Gentherapie mit zwei erwachsenen Patienten und einem Kind.

Die Gentherapie der beiden Erwachsenen erfolgte vor eineinhalb Jahren an der Universitätsklinik Frankfurt. Den beiden Patienten im Alter von 25 und 26 Jahren wurden blutbildende Zellen des Knochenmarks entnommen und im Reagenzglas mit einer funktionsfähigen Kopie des fehlerhaften Gens versehen. Nach einer nur milden Chemotherapie wurden die Zellen zurück transplantiert, nisteten sich sofort im Knochenmark der Patienten ein und bilden seither dort gesunde Immunzellen. Die Infektionen der beiden Patienten haben sich in der Folge zurückgebildet. Ein dritter Patient, ein fünfjähriger Knabe, ist vor einem Jahr am Kinderspital Zürich gentherapeutisch behandelt worden. Auch bei ihm war die Behandlung erfolgreich.

Behandelte am Kinderspital Zürich erfolgreich einen Knaben mit Septischer Granulomatose: Reinhard Seger, Leiter Immunologie/Hämatologie. (Bild: Stefan Walter)

Nebenwirkungen beobachten

Das neue Verfahren stösst bereits weltweit auf Interesse. Denn auch andere Blutkrankheiten, die auf einem Gendefekt beruhen, könnten nach dem gleichen Prinzip behandelt werden. Neben dem Nutzen birgt die Gentherapie von Blutstammzellen allerdings auch das Risiko von Blutkrebs, wie eine andere Studie zu einer anderen Immunkrankheit gezeigt hatte.

Auch bei den beiden in Frankfurt behandelten Patienten stieg der Anteil der genetisch veränderten Blutzellen ein paar Monate nach der Behandlung von 20 auf 50 Prozent an. Die Analyse der Blutzellen ergab, dass die Gentherapie in gewissen Zellen drei Wachstumsgene aktiviert hatte. Ein unkontrolliertes Wachstum einzelner Zelltypen, wie dies bei Blutkrebs der Fall ist, trat jedoch nicht ein. Inzwischen ist der Anteil der veränderten Blutzellen bei den beiden Patienten wieder auf 20 bis 30 Prozent gesunken. Trotzdem bleiben die Patienten unter engmaschiger Kontrolle, damit eine allfällig auftretende Leukämie sofort behandelt werden könnte. Ein angepasstes Verfahren soll in Zukunft das Risiko eines verstärkten Zellwachstums um das Zehnfache reduziert. Reinhard Seger schätzt, dass das Verfahren in einem Jahr klinisch anwendbar sein wird.

 

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