Neue Lemurenarten entdeckt oder Was ist eigentlich eine Art?

Ein internationales Team von Wissenschaftlern, unter ihnen der Anthropologe Urs Thalmann von der Universität Zürich, hat drei neue Lemurenarten auf Madagaskar identifiziert. Doch was ist überhaupt eine Art?

Urs Thalmann und Brigitte Blöchlinger

Der Betsiboka-Fluss in Nordwestmadagaskar: Er ist der längste Fluss der Insel und bildet eine natürliche Grenze zwischen verschiedenen Lemuren-Arten. (Bild: Urs Thalmann)

Madagaskar ist eine Insel, deren Fauna und Flora sich lange Zeit weitgehend unabhängig von äusseren Einflüssen entwickelte. Eine der «Spezialitäten» Madagaskars sind die Lemuren, die nur dort vorkommen. Bis vor fünf Jahren ging man von 33 bekannten Lemuren-Arten aus, mittlerweile von 68 Arten. Dass die Zahl der Lemuren-Arten ansteigt, hängt nicht nur mit Neuentdeckungen zusammen – so haben Wissenschaftler aus Deutschland, Frankreich, Madagaskar, der Schweiz und den Vereinigten Staaten erneut drei neue Lemuren-Arten aufgespürt (wie heute in der Ausgabe der Open-access-Fachzeitschrift «BMC Evolutionary Biology» nachzulesen ist).

Die Zunahme der Lemuren-Arten hängt auch mit unterschiedlichen Antworten auf die grundlegende Frage «Was ist eine Art?» zusammen. So liess die (umstrittene) Einführung des Phylogenetischen Artkonzepts 1983 die Zahl der Lemuren-Arten ansteigen; viele Unterarten wurden in der Folge als Arten anerkannt – eine Anerkennung, die mehr als akademische Auswirkungen hat, oftmals entscheidet sie sehr konkret über Fortbestand oder Aussterben der Tiere.

Doch wie definiert man eine neue Art? Die Antwort fällt selbst den Spezialisten nicht leicht.

Einer der drei neu entdeckten Lemuren: der Randrianasolo Wieselmaki (Bild: Urs Thalmann)

Darwins undefinierter Begriff

Charles Darwin gab seinem grundlegenden Werk zur Evolution den Titel «Die Entstehung der Arten», trotzdem hielt schon er die Bezeichnung «Art» für unklar und für eine begriffliche Bequemlichkeit, um sehr ähnliche Individualitäten zu bezeichnen. Die verschiedenen Auslegungen des Begriffs wollte er nicht erörtern: «Keine einzige [Deutung, Anm. d. Red.] hat alle Naturforscher befriedigen können, indessen weiss jeder, was damit gemeint ist.» Darwin befand, die Diskussion, was eine Art und was eine Varietät einer Art sei, sei solange fruchtlos, als es keine allgemein gültige Definition gebe.

Das Biologische Artkonzept

Ernst Mayr, der letztes Jahr im Alter von 101 Jahren verstorben ist, formulierte im Rahmen der Synthetischen Evolutionstheorie das so genannte Biologische Artkonzept. Danach ist eine Art «eine Gruppe von sich tatsächlich oder potentiell fortpflanzenden Populationen, die reproduktiv von anderen solchen Gruppen getrennt sind». Das entspricht in etwa auch dem, was Leute als Arten empfinden. Das Biologische Artkonzept birgt aber ein paar ungelöste Probleme: Wie sollen Paläontologen, die mit ausgestorbenen Tieren zu tun haben, eine Art definieren? Oder wie prüft man das «potentielle Fortpflanzen» bei Tieren, die sich gar nicht begegnen können, weil unüberwindbare Schranken sie daran hindern? Insbesondere Feldbiologen und Museumskuratoren waren deshalb mit dem Biologischen Artkonzept nicht zufrieden.

Phylogenetisches Artkonzept

Seit Darwin sind im Laufe der Jahrzehnte über zwanzig Artkonzepte formuliert worden; sie sind jedoch alle nicht weniger biologisch als das Biologische Artkonzept von Ernst Mayr. Erst das 1983 formulierte Phylogenetische Artkonzept löste einige der praktischen Probleme: Es definiert eine Art als «der kleinste diagnostizierbare Cluster von individuellen Organismen mit dem gleichen Muster bei Vor - und Nachfahren».

Mit dieser Definition ist kein hypothetisches Paarungsverhalten nötig, und der Begriff kann auch auf Organismen angewendet werden, die sich nichtgeschlechtlich fortpflanzen.

Unterschiedliche Antworten in der Praxis

Schauen wir das Problem der Artbestimmung konkret anhand einiger auf Madagaskar gefundener nachtaktiver Wieselmakis an. Wie viele Arten sind das?

Wie viele Arten sind das? Auflösung am Ende des Abschnitts. (Bild: Urs Thalmann)

Ein «reiner» Zellgenetiker würde antworten: Die Analyse der Chromosomen spricht für zwei Arten. Die drei links gehören zusammen, und das Tier rechts gehört zu einer anderen Art.

Ein «reiner» Molekulargenetiker käme zu folgendem Schluss: Die analysierten Abschnitte der mitochondrialen DNA sprechen für zwei Arten. Die zwei links gehören zusammen und sind eine Art, und die rechts sind je eine Art.

Ein «reiner» Morphologe: Schwer zu sagen, solange ich nicht mehr Tiere zur Verfügung habe. Es könnte gut eine Art mit mehreren Unterarten sein, da sie in verschiedenen Gebieten vorkommen.

Ein «reiner» Feldforscher und Naturalist: Die zwei links habe ich im gleich Wald aufgenommen, die anderen in verschiedenen, durch Flüsse getrennten Gebieten. Es könnten drei Arten sein.

Ein «biologischer Generalist»: Nach dem, was ich über Chromosomen, mitochondriale DNA, Morphologie und Vorkommen weiss, ist meine Hypothese, dass es nach dem Biologischen Artkonzept zwei Arten sind, wobei die eine Art in zwei Unterarten aufgeteilt ist. Nach dem Phylogenetischen Artkonzept könnten es 3 Arten sein. Aber reicht die mitochondriale DNA dafür aus?

Bei obigem Beispiel haben sich die Wissenschaftler auf drei Arten geeinigt (v. l. n. r.): Lepilemur aeeclis bei Tag und Lepilemur aeeclis bei Nacht bilden eine Art; Lepilemur ruficaudatus ist eine eigene Art und Lepilemur edwardsi ebenfalls eine eigene Art.

Praktische und politische Konsequenzen

Für viele biologische Disziplinen bildet die Einteilung in Arten allen Unsicherheiten zum Trotz eine grundlegende «Einheit», um die sie bei ihrer Arbeit nicht herum kommen. So untersuchen die Ökologen die Beziehungen zwischen Arten, die Verhaltensforscher das Verhalten von Arten, und für die Messung der Biodiversität spielt die Anzahl der verschiedenen Arten eine bedeutende Rolle. Deshalb wird je nach wissenschaftlicher Fragestellung das passende Artkonzept gewählt.

Arten haben aber auch eine gesellschaftliche und politische Bedeutung. Sie erscheinen als Begriff in Gesetzestexten, viele Umweltschutzmassnahmen beziehen sich auf Arten und die Artenvielfalt, und auch die finanziellen Mittel für Schutzmassnahmen werden ebenfalls Arten zugeteilt. Es ist deshalb in der Praxis von zentraler Bedeutung, ob bestimmte Tiere eine eigene Art sind oder nicht. Je nachdem können sie unter Schutz gestellt werden oder eben nicht. Gut untersuchte und attraktive Tiergruppen wie die Primaten weisen tendenziell relativ mehr Arten auf als weniger gut untersuchte Gruppen. Letzteren stehen entsprechend auch relativ weniger Mittel zur Verfügung.

Wurden schliesslich als zwei eigene Arten anerkannt, was dem Lemur rechts, der als kritisch gefährdet eingestuft wurde,  zugute kam: Deckens Sifaka (li) und Kronensifaka. (Bild: Urs Thalmann, Thomas Mutschler)

Arten erhalten mehr Schutz

So wurden die Kronensifaka und Deckens Sifaka (siehe Foto oben) früher als Unterarten der gleichen Lemuren-Art betrachtet. Zusammen wurden sie als gefährdet eingestuft. Genauere Felduntersuchungen zeigten, dass es nach dem Biologischen Artkonzept diskussionslos Unterarten sind, nach dem Phylogenetischen Artkonzept jedoch Arten. Als Art behandelt, muss der Kronensifaka als kritisch gefährdet eingestuft werden und erhält deshalb eine sehr hohe Priorität für Schutzmassnahmen.

 

Dr. Urs Thalmann ist Research Associate am Anthropologischen Institut; Brigitte Blöchlinger ist unipublic-Redaktorin.

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