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Was ist an Schweizern schweizerisch?

Feste Vorstellungen von Schweizern, Deutschen, Italienern oder Japanern hat fast jeder – weltweit. Irgendwas muss an diesen Vorurteilen dran sein. Aber was? Antwort darauf geben die in der jüngsten Ausgabe von «Science» publizierten Ergebnisse einer weltweit angelegten Studie zum Nationalcharakter. In der Schweiz war Willibald Ruch, Professor für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik an der Universität Zürich, am Projekt beteiligt. Er fand heraus, dass die Schweizer ganz anders sind als ihr Stereotyp.
Marita Fuchs

Wie sind die Schweizer? Sind sie ängstlich, nervös und besorgt oder entspannt, ruhig und locker? Dreissig gegensätzliche Adjektive stellte der Fragebogen zum Nationalcharakter den Versuchspersonen zur Auswahl. Laut der Untersuchung sehen die befragten Schweizerinnen und Schweizer ihre Landsleute typischerweise als gewissenhafte, introvertierte und zurückgezogene Menschen. Stimmt das wirklich?

Dieser Frage ging der zweite Teil der Studie nach. Professor Willibald Ruch, Persönlichkeitsforscher am Psychologischen Institut der Universität Zürich, der im Rahmen des Projekts den Schweizer Nationalcharakter unter die Lupe nahm, konnte anhand von objektiven Persönlichkeitstests nachweisen, dass Menschen sich nicht mit ihrem nationalen Stereotyp decken, auch die Schweizer nicht.

Blonde Bestien und leichtfüssige Schwerenöter

Vorurteile gegenüber einer Nationalität prägen alle Länder, so ist zum Beispiel der Deutschland-Streifen, der in den Köpfen vieler Menschen läuft, ein finsterer. Er handelt vom Grauen, das deutsche Soldaten über Europa gebracht haben. So, wie seit Hunderten von Jahren die Mongolen mit der Schreckensassoziation «Dschingis Khan» leben müssen, wird der Franzose als leichtfüssig und lebenslustig beschrieben. Viele Menschen glauben, dass doch ein Körnchen Wahrheit an diesen Stereotypen sei. Das weltweite Forschungsprojekt sollte zeigen, was nun stimmt an den Nationalcharakteren.

Willibald Ruch, Professor für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik an der Universität Zürich, fand in rund 300 Einzelbefragungen heraus, dass die Deutschschweizer sich durch innovatives Verhalten auszeichnen und sehr offen Neuem gegenüber sind.

«Das Besondere an der Studie ist, dass 49 verschiedene Kulturkreise aus allen Kontinenten untersucht wurden, insgesamt wurden 3989 Personen befragt. Wir haben im Team gemeinsam an der Forschungsfrage zum Nationalcharakter gearbeitet», sagt Ruch. Beteiligt waren zum Beispiel Forscher aus Burkina Faso und den USA, Korea und Kanada; nicht die Ländergrenzen waren für die Unterteilung entscheidend, sondern Kulturkreise, so war zum Beispiel für die französischsprechende Schweiz ein Forscher von der Universität Lausanne involviert.

Aufgeschlossen und offen Neuem gegenüber

Geprüft wurden die angenommenen nationalen Charakteristika anhand von Persönlichkeitstest, die auf dem Fünf-Faktoren-Modell (FFM) beruhen. Dabei werden Personen anhand von fünf allgemeinen Persönlichkeitszügen charakterisiert. Die Merkmale dabei sind zum Beispiel, ob eine Person eher extrovertiert oder introvertiert, emotional stabil oder instabil, offen oder verschlossen Neuem gegenüber ist. Etwa 300 Schweizerinnen und Schweizer hat Ruch getestet und konnte nachweisen, dass sie sich durch innovatives Verhalten auszeichnen und sehr offen Neuem gegenüber sind, während die Gewissenhaftigkeit nur eine untergeordnete Eigenschaft zu sein scheint.

Fazit der Studie ist, dass niemand sich auf den vermeintlichen Charakter einer Nation verlassen sollte. «Es gibt nämlich keinen Nationalcharakter», bestätigt Ruch. «Warum wir immer noch an alten Bildern festhalten, hat andere Gründe. Wahrscheinlich helfen uns diese Schablonen, unsere komplizierte Welt zu ordnen», meint Ruch.