Von Bauchgesichtlern und Höllenfürsten

Sie waren die Auslandkorrespondenten von damals: scharfsichtige Entdecker und schreibkundige Händler, die über ihre Beobachtungen im fernen Indien berichteten. Ihre Illustrationen sind nun in der Zentralbibliothek Zürich zu sehen. Studierende des Fachs Ethnologie am Völkerkundemuseum der Universität Zürich haben die Ausstellung erarbeitet.

Sascha Renner

Kommen Ihnen beim Stichwort Indien geschmückte Elefanten, vielarmige Gottheiten und langhaarige Asketen in den Sinn? Bollywoodscher Überschwang und exotisch anmutende Bräuche? Dann sind Sie damit nicht allein. Denn schon vor Hunderten von Jahren brachten schreibkundige Berichterstatter und wagemutige Zeichner Darstellungen dieser aussergewöhnlichen Sujets nach Europa zurück und prägten damit den Kanon der Indien-Ikonografie bis in die heutige Zeit.

Fakir, in: Jean Baptiste Tavernier, Les Six Voyages, Paris 1677. (Bild: Völkerkundemuseum der Universität Zürich)

An die Wurzeln dieser teils fantastischen Vorstellungswelten führt nun eine Ausstellung in der Zentralbibliothek Zürich, basierend auf den Recherchen der Dozenten Paola von Wyss-Giacosa und Andreas Isler sowie Studierenden des Fachs Ethnologie am Völkerkundemuseum der Universität Zürich. Sie zeugt mit einer Fülle von Buchillustrationen vom Willen der Reisenden, die fremden Erscheinungen zu verstehen, aber auch die Schaulust des nach Exotik verlangenden Publikums mit spektakulären Bildern zu stillen.

Einbindung in die eigene Bildtradition

Insbesondere frühe, auf die Antike zurückgehende Darstellungen zeigen, dass Indien bis ins 16. Jahrhundert gleichbedeutend mit dem war, was heute die unerforschten Weiten des Weltraums für das Science-Fiction-Genre sind: eine Projektionsfläche für allerlei Fremdartiges, ein Hort sonderbarer Kreaturen, darunter solcher Merkwürdigkeiten wie Bauchgesichtler (die ihre Gesichter zwischen den Schultern tragen), Schattenfüssler (die nur einen grossen Fuss haben, den sie im Liegen zum Schutz gegen den Sonne verwenden) und Hundsköpfige (Menschen mit Hundeköpfen, die nicht sprechen, sondern nur bellen können).

Jörg Breu d. Ä. zugeschrieben, Idol von Calicut, in: Ludovico de Varthema, Die Ritterlich und lobwürdig Reisz, Strassburg 1516. (Bild: Völkerkundemuseum der Universität Zürich)

Auf welche Weise das Fremde in die eigene Vorstellungswelt übersetzt wurde, zeigt besonders schön das so genannte Idol von Calicut, ein wiederkehrender Bildtypus: Die indische Gottheit erscheint als seelenverschlingender Höllenfürst mit Krallenhänden und Hörnern auf dem Kopf und reiht sich damit in die abendländische Bildtradition der Teufelsdarstellungen ein.

Infotainment vor vierhundert Jahren

Mit dem Beginn der kolonialen Expansion gelangen dann mehr und weitaus präzisere Informationen nach Europa. Besonders das Kastenwesen und die Religionen rücken ins Zentrum der Darstellungen, auch aus merkantilen Interessen: Denn wer erfolgreich Handel betreiben will, kommt um die Kenntnis der Sozialordnung und der damit korrespondierenden Berufsgattungen nicht umhin.

Erste Herabkunft des Gottes Vishnu, in: Pierre Sonnerat, Voyages aux Indes orientales et à la Chine, Paris 1782. (Bild: Völkerkundemuseum der Universität Zürich)

Die Verlegerfamilie De Bry und die aufkeimende holländische Buchindustrie tun im 17. Jahrhundert das ihre, um die Bilder der fernen Kultur in ganz Europa zu verbreiten. Nackte Asketen üben sich in verschränkten Yoga-Positionen, Witwen stürzen sich in lodernde Feuergruben, um ihren verstorbenen Ehemännern zu folgen, und Vishnu, eine der drei Hauptgottheiten des Hinduismus, enthauptet einen Dämon, um den Menschen die heiligen Schriften zurückzugeben. Infotainment pur, denkt dich der moderne Medienmensch. Abenteurer jedenfalls, die das Unglück haben, nach dem Zeitalter der grossen Entdeckungen geboren zu sein, finden hier reichhaltigen Stoff für eine nachholende Zeitreise.

Wechselvolle Konjunktur des Bildes

Die Schau ist gleichzeitig eine Mediengeschichte des Bildes. Sie zeigt, wie mit dem Beginn des Entdeckungszeitalters Illustrationen an Bedeutung gewannen, um für das koloniale Unternehmen zu werben und der Vorstellung auf die Sprünge zu helfen. Mit den aufkommenden exakten Naturwissenschaften stieg dann der Anspruch an den Informationsgehalt der Bilder: Ab dem 17. Jahrhundert traten Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit gegenüber dem Unterhaltungswert zunehmend in den Vordergrund. So konnte D’Alembert, zusammen mit Diderot Herausgeber der Encyclopédie, 1751 schreiben: «Ein Blick auf einen Gegenstand oder auf eine Darstellung desselben sagt mehr als eine ganze Textseite». Mit der Verschriftlichung der europäischen Geisteskultur sank jedoch die Wertschätzung der Bilder in der Wissenschaft. Erst mit der Rede vom «Iconic Turn» kehrten sie als Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung in die Gelehrtenstuben zurück.

Bernard Picart, Witwenverbrennung, in: Cérémonies et coutumes religieuses de tous les peuples du monde, Amsterdam 1728. (Bild: Völkerkundemuseum der Universität Zürich)

Aussagekräftige ethnografische Quellen

Wem die Ausstellung Lust macht, sich näher mit dem Phänomen der westlichen Indienrezeption zu beschäftigen, dem sei die ausführliche Studie der Ethnologin und Kunsthistorikerin Paola von Wyss-Giacosa empfohlen, die Anfang 2006 im Verlag Scheidegger und Spiess erscheint. Darin untersucht die Indienkennerin – ausgehend von Bernard Picarts siebenbändiger «Cérémonies et coutumes religieuses de tous les peuples du monde» (Amsterdam 1723–1737) – die Darstellungstraditionen, die das Indienbild in den Köpfen der Europäer konstituierten. Im Gegensatz zur herkömmlichen Beschäftigung mit alten Bilddokumenten begreift die Autorin diese nicht primär als Gegenstand der Stereotypenforschung, sondern als aussagekräftige ethnografische Quellen in Bezug auf die zu vermittelnde Wirklichkeit. 

 Die Ausstellung dauert noch bis zum 27. August 2005. Sie ist im Katalogsaal der Zentralbibliothek Zürich, Zähringerplatz 6, Montag bis Freitag 8-20 Uhr, Samstag 8-16 Uhr, bei freiem Eintritt zu sehen.

Sascha Renner ist Redaktor des unijournal

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