Mit Schwamm auf Beutefang

Der Gebrauch von Werkzeugen ist nicht Menschen oder Primaten vorbehalten. Einige Delphine benutzen Schwämme, um ihre Schnauze bei der Futtersuche zu schützen. Dr. Michael Krützen vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich hat nachweisen können, dass es sich dabei um ein Beispiel sozialen Lernens handelt. Das Wissen wird von der Delphinmutter an die Töchter weitergegeben.

Adrian Ritter

Delphine benutzen Schwämme als Schutz bei der Nahrungssuche auf dem Meeresboden. (Bild: zVg)

«Spongebob», der TV-Schwammkopf und Kinderliebling, lässt grüssen: Auch einige Delphine haben Freude an Schwämmen. Sie lösen diese vom Meeresboden ab und stülpen sie sich über die Schnauze, um sich so bei der Futtersuche am Meeresboden zu schützen. Wie die Tiere auf diese Idee kommen, ist in der neusten Ausgabe des Journals «Proceedings of the National Academy of Science» (PNAS) nachzulesen.

Dr. Michael Krützen und Forscher der australischen New South Wales University in Sydney haben die Delphinpopulation in der «Shark Bay» an der westaustralischen Küste näher angeschaut. Nur gerade 30 von 3000 Tieren zeigen dort das «schwammige» Verhalten – interessanterweise bis auf wenige Ausnahmen ausschliesslich weibliche Tiere.

Verwandt, aber nicht vererbt

Genetische Untersuchungen zeigten, dass die sogenannten «Spongers» eng miteinander verwandt sind, dieses Verhalten aber nicht vererbt wird. «Es muss sich um eine Form von sozialem Lernen, also von Kultur, handeln», so Krützen. Gelernt wird dabei in der Familie: die Delphinmutter bringt es den Töchtern bei. Genetisch zeigte sich auch, dass die Futtersuche mit Schwamm von einer weiblichen Vorfahrin stammt, die vor noch nicht allzu langer Zeit auf die Idee gekommen sein muss.

Die Benutzung der Schwämme als Werkzeuge wird von den Müttern fast ausschliesslich an die Töchter weitergegeben. (Bild: zVg)

Warum aber benutzen nur weibliche Tiere Schwämme? Krützen: «Es scheint, dass das Sozialverhalten den männlichen Tieren nicht erlaubt, viel Zeit für das 'Sponging' zu verwenden.» Ob das «Spongen» allerdings überhaupt einen evolutionären Vorteil verspricht, wird sich noch zeigen müssen. Andere Forscher aus dem Team werden sich mit dieser Frage weiter beschäftigen.

Weniger unterlegen als gedacht

Für Krützen sind die Ergebnisse auf jeden Fall ein weiterer Hinweis darauf, dass Tiere den Menschen nicht derart unterlegen sind wie in der Vergangenheit angenommen. «Noch vor gut dreissig Jahren hiess es, nur Menschen benutzen Werkzeuge. Unterdessen wissen wir, dass auch Orang-Utans, Schimpansen und sogar Vögel dies tun. Es ist schon erstaunlich: Delphine sind ja nicht gerade nah verwandt mit uns Menschen und haben auch keine Hände – und trotzdem benutzen sie Werkzeuge.»

Michael Krützen interessiert vor allem, wie Tiere Werkzeuge benutzen und dieses Wissen weitergeben. (Bild: zVg)

Erstaunlich und spannend genug für Michael Krützen, um auch in seiner Habilitation am Anthropologischen Institut der Universität Zürich weiter der Frage nachzugehen, inwiefern verschiedene Tierarten Werkzeuge gebrauchen und Sozialstrukturen entwickeln.

 

Dr. Michael Krützen hat an der Universität Bonn Biologie mit Schwerpunkt Molekulargenetik studiert. Ein Praktikum im Rahmen des Studiums hat ihn 1994 erstmals nach Australien geführt. Er erhielt die Chance, dort Diplomarbeit und Doktorarbeit zu schreiben – über die Verwandtschaftsverhältnisse von männlichen Delphinen. Dabei entdeckte er auch, dass die weiblichen «Sponger» miteinander verwandt sind. Seit 2005 ist Krützen Oberassistent am Anthropologischen Institut der Universität Zürich.  

Adrian Ritter ist Redaktor von unipublic.

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