Neue Hoffnung für Querschnittgelähmte?

Können Verletzungen des Rückenmarks bald teilweise geheilt werden? Der Zürcher Hirnforscher Martin Schwab testet seine in Tierversuchen erfolgreiche Behandlung an querschnittgelähmten Menschen.

Ruth Jahn

Wieder ziemlich mobil: rückenmarkverletzte Ratte nach einer Behandlung mit Nogo-Antikörpern. (Bild: Ursula Meisser)

1988 entdeckten die Forscherinnen und Forscher um Martin Schwab, Direktor des Instituts für Hirnforschung der Universität Zürich, ein Eiweiss, das nur im Zentralnervensystem vorkommt und dort als Stoppsignal die Nervenregeneration verhindert. Martin Schwab taufte das Molekül Nogo («geht nicht»). Es sitzt in der Hüllschicht, die die Nervenfasern im Rückenmark umgibt. Schwabs Arbeitsgruppe stellte einen spezifischen Antikörper her, der die Bremswirkung von Nogo ausser Kraft setzt und die Nerven nach einer Verletzung wieder auswachsen lässt. «Das war ein erster Hoffnungsschimmer, ein guter Anhaltspunkt für eine Therapie», erinnert sich Schwab. «Eine komplette Heilung aber wird es vermutlich nie geben.»

Versuche mit 50 bis 100 Querschnittgelähmten

Die Forscher planen, in der Schweiz und in verschiedenen europäischen Kliniken 50 bis 100 Patienten mit den Nogo-Antikörpern zu behandeln, allen voran Menschen mit schweren Rückenmarksverletzungen mit teilweiser Durchtrennung des Rückenmarks, die etwa zu einer Lähmung der unteren Extremitäten und verschiedener innerer Organe führen. Silvano Beltrametti jedoch, der ehemalige Schweizer Skirennfahrer, der 2001 bei einem Rennen verunglückte und eine Rückenmarksverletzung auf Höhe der Brustwirbel erlitt, wäre kein idealer Proband für den Versuch. Denn die Forscher nehmen zunächst nur Frischverletzte in die Studie auf. Tierversuche deuten darauf hin, dass die Nogo-Antikörper-Therapie möglichst früh erfolgen sollte, bevor das Gewebe vernarbt. «Wir werden aber in naher Zukunft darüber nachdenken, Therapien für chronisch Gelähmte zu entwickeln», versichert Schwab.

Zusammenarbeit mit Novartis

Eine kleine Pumpe im Flüssigkeitsraum um das Rückenmark herum soll die Nogo-Antikörper während einiger Wochen in die verletzte Region pumpen. Die für die Therapie beim Menschen nötigen Antikörper gegen die Wachstumsbremse Nogo hat Martin Schwabs Arbeitsgruppe während der letzten drei Jahre gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern des Industriepartners Novartis entwickelt. Das Patent der Therapie besitzt die Universität Zürich, der Pharmakonzern hat sich die Lizenz zu ihrer Vermarktung gesichert. In medizinischen Fragen und bei der Vorbereitung der klinischen Tests arbeiten die Forscher auch eng mit Medizinern des Paraplegikerzentrums der Universitätsklinik Balgrist und verschiedenen europäischen Kliniken zusammen.

Derzeit sind die Mitglieder des Kliniknetzwerks daran, verschiedene medizinische Untersuchungsmethoden zu standardisieren und «outcome»-Untersuchungen auf die Beine zu stellen. So können die Forscher die erhofften Therapieeffekte des Nogo-Antikörpers dokumentieren und auch überprüfen, ob sie im Vergleich zum spontanen Verletzungsverlauf halten, was sie versprechen.

Wenn Nogo ausgeschaltet wird, wachsen die verletzten Nerven wieder zielgenau zusammen. (Bild: Ursula Meisser)

Keine falsch verknüpften Nervenzellen

Bevor der Nogo-Antikörper bei Menschen angewendet werden darf, müssen die Forscher allerdings sicherstellen, dass keine unvorhersehbaren Nebenwirkungen auftreten. Wie verträglich der Wirkstoff ist, wird derzeit in letzten toxikologischen Tests mit Tieren untersucht. Doch bisher gibt es punkto Nebenwirkungen gemäss Martin Schwab nur gute Nachrichten. Zwar kommen Antikörper im Zentralnervensystem eigentlich nicht vor, Nogo-Antikörper scheinen dort aber keine schädliche Autoimmunreaktion auszulösen: Die Befürchtung, dass die Antikörper neben Nogo auch andere körpereigene Eiweisse vor Ort ausser Kraft setzen könnten, hat sich im Tierexperiment bislang nicht bewahrheitet. Auch gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass falsche Verknüpfungen zwischen Nervenzellen auftreten. Bremsen die Forscher mit Nogo-Antikörpern die Wachstumsbremse Nogo aus, wachsen verletzte Nerven zielgerichtet und verknüpfen sich mit den richtigen Partnern. «Das ist für mich das erstaunlichste Resultat unserer 20-jährigen Forschung überhaupt: Es treten keine Fehlverschaltungen auf!», unterstreicht Schwab.

Begleitendes Laufband-Training

Muskeltraining beeinflusst das zielgerichtete Wachsen der Nerven positiv. «Jede medikamentöse Behandlung von Querschnittlähmungen muss deshalb unbedingt von einer intensiven Physiotherapie begleitet sein», sagt Martin Schwab. Zum Beispiel beim Reha-Training am speziell für Paraplegiker entwickelten Laufband an der Universitätsklinik Balgrist. Als zukünftige Therapie könnte sich ohnehin eine kombinierte Behandlung, mit Nogo-Antikörpern und einem anderen Behandlungsansatz bewähren, glauben manche Wissenschaftler.

Plastizität im Gehirn verbessern

Den Hirnforscher Martin Schwab wird man auch zukünftig weiter im Labor am Institut für Hirnforschung antreffen. Dort tüftelt er mit seinem Team weiter an den biologischen Grundlagen der Nervenregeneration. Martin Schwab und seine Gruppe beschäftigen sich zurzeit mit dem Wirkungsmechanismus von Nogo und weiteren Wachstumsbremsen im Zentralnervensystem. Sie interessieren sich aber auch für die molekularen Grundlagen des (relativ begrenzten) spontanen Heilungsprozesses im Rückenmark und im Gehirn. Und schliesslich untersuchen die Wissenschaftler, ob auch neurodegenerative Erkrankungen oder Hirnverletzungen von der Nogo-Antikörper-Therapie profitieren könnten. Erste Versuche an Ratten deuten nämlich darauf hin, dass die Nogo-Antikörper auch helfen könnten, die Plastizität im Gehirn zu verbessern. Somit könnten sich noch intakte Hirnzellen neu organisieren und für die geschädigten Zellen einspringen.

Ruth Jahn ist freie Wissenschaftsjournalistin.

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