Das Gedächtnis im Stress

Dank der Förderungsprofessur des Schweizerischen Nationalfonds wird Dominique de Quervain die Zusammenhänge zwischen Gedächtnis, Stress und Genetik weiter untersuchen können. An der Abteilung für Psychiatrische Forschung der Universität Zürich versucht er unter anderem, die negativen Auswirkungen von Cortisol auf die Gedächtnisleistung zu verhindern.

Das Interview führte Adrian Ritter

Kann dank einer Förderungsprofessur des Schweizerischen Nationalfonds unter anderem vertieft untersuchen, welche Gene an der menschlichen Gedächtnisleistung beteiligt sind: Dominique de Quervain. (Bild: Adrian Ritter)

unipublic: Worum geht es in Ihrem Forschungsprojekt genau?

Dominique de Quervain: Meine Forschung findet in zwei Bereichen statt. Einerseits interessiert mich die Wirkung von Stresshormonen auf die Gedächtnisleistung, andererseits die genetische Steuerung des Gedächtnisses. Ich habe 1997 in den USA mit der Stressforschung begonnen. Heute wissen wir, dass die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol im Körper den Gedächtnisabruf beeinträchtigt. Erhöhte Cortisolwerte treten aber nicht nur in Stresssituationen auf, sondern auch im höheren Alter oder bei der Einnahme von cortisonhaltigen Medikamenten.

Welches Ziel werden Sie in den kommenden vier Jahren verfolgen?

Meine Forschung wird unter anderem darauf abzielen, die negativen Auswirkungen von Cortisol pharmakologisch zu blockieren. Zur Zeit wird bei rund 50 Personen eine Substanz getestet, bei deren Einnahme die Wirkung des Cortisol rückgängig gemacht wird. Erste Resultate erwarten wir noch für dieses Jahr.

Untersuchen werden wir aber auch, ob die hemmenden Effekte von Cortisol auf den Gedächtnisabruf unter bestimmten Bedingungen von Nutzen sind. So könnte die Therapie mit Cortisol beispielsweise traumatische Erinnerungen bei einer posttraumatischen Belastungsstörung reduzieren. Wir haben bereits erste Daten publiziert, welche in diese Richtung zeigen und planen nun eine internationale Studie.

Ihr zweiter Forschungsbereich ist der Zusammenhang zwischen Gedächtnis und Genetik. Wie präsentiert sich hier der Stand der Forschung?

Schon seit einiger Zeit ist bekannt, dass rund 50 Prozent der menschlichen Gedächtnisleistung genetisch festgelegt ist. Allerdings war nicht bekannt, welche Gene dabei eine Rolle spielen. Meinem Forschungskollegen Andreas Papassotiropoulos und mir ist es 2003 gelungen, ein solches «Gedächtnis-Gen» zu identifizieren. Jetzt wird es darum gehen, weitere beteiligte Gene zu finden und ihre genaue Funktionsweise zu erforschen.

Wie gehen sie dabei vor?

Wir untersuchen den Zusammenhang zwischen Genen und Gedächtnis in grossen Populationen. Derzeit haben wir rund 350 junge Versuchsteilnehmende, optimalerweise werden es schlussendlich rund 1000 Personen sein. Wir werden die Gedächtnisfunktionen unter anderem mit bildgebenden Verfahren untersuchen. Dabei geht es um die Frage, wie sich die Hirnaktivität bei der Verarbeitung von Informationen je nach genetischer Anlage unterscheidet.

Dominique de Quervain (36) studierte Medizin an der Universität Bern. 1997-1998 war er Research Fellow an der Universität Irvine in Kalifornien. Dort begann er mit Tierexperimenten die Effekte von Stresshormonen auf das Gedächtnis zu erforschen. Danach war er Assistenzarzt an der Universität Basel und ab 1999 in derselben Funktion an der Abteilung für Psychiatrische Forschung der Universität Zürich tätig. Seit 2000 ist er dort Leiter der Forschungsgruppe «Gedächtnis». Von 2000 bis 2004 war er vom Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen des Förderungsprogramms SCORE (Swiss Clinicians opting for Research) unterstützt worden. Seit 1. März 2005 hat er für sein Projekt «Memory in Health and Disease – From basic mechanisms to clinical implications» eine vierjährige Förderungsprofessur des SNF.

Adrian Ritter ist Redaktor von unipublic