«Begegnungen im virtuellen Raum»

Wie beeinflusst die Wahrnehmung unser soziales Verhalten? Dieser Frage geht die Sozialpsychologin Marianne Schmid Mast nach. Vor kurzem hat die Forscherin der Universität Zürich eine Förderungsprofessur des Schweizerischen Nationalfonds erhalten.

Das Interview führte Roger Nickl

Vom Schweizerischen Nationalfonds ausgewählt: SNF-Förderungsprofessorin Marianne Schmid Mast. (Bild: Roger Nickl)

unipublic: Frau Schmid Mast, Sie haben eine von in diesem Jahr 28 SNF-Förderungsprofessuren erhalten – in den nächsten vier Jahren unterstützt Sie der Schweizerische Nationalfonds mit 1,2 Millionen Franken. Wie verändert dieser Entscheid Ihr Forscherinnenleben?

Marianne Schmid Mast: Ich werde mir nun ein kleines Forschungsteam aufbauen können, das über eine längere Zeit hinweg konzentriert an bestimmten Fragestellungen arbeiten kann. Darauf freue ich mich natürlich sehr.

In Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit dem Zusammenhang von sozialer Wahrnehmung und interpersonaler Interaktion. Um was geht es? Welche Fragen stehen im Mittelpunkt?

Die Eindrücke, die eine Person bei uns auslöst, beeinflussen auch die Art und Weise, wie wir uns dieser Person gegenüber verhalten. Nehmen wir beispielsweise an, Sie beabsichtigen im Zug etwas zu lesen und suchen sich deshalb einen ruhigen Platz. Sie schauen sich ihre Mitreisenden kurz an und bilden sich eine Meinung über sie. Jemand der Sie anlächelt, wirkt zwar sympathisch. Die Chance, dass diese Person ein Gespräch beginnen möchte, ist aber gross. Deshalb werden Sie sich wohl eher woanders hin setzen. Das heisst: Solche kurzen Beurteilungen unseres Gegenübers beeinflussen unser Verhalten. Wir wissen heute zwar viel darüber, wie soziale Wahrnehmung funktioniert – welche verbalen und non-verbalen Verhaltensweisen beispielsweise bestimmte Eindrücke hervorrufen. Viel wissen wir auch darüber, wie Menschen sich in sozialen Interaktionen verhalten. Über die Art und Weise, wie Wahrnehmung und Verhalten zusammenhängen, wissen wir aber relativ wenig. Ich will nun diesen wenig beachteten Zusammenhang untersuchen.

Freut sich auf ihr Forschungsteam, dass sie dank der Förderungsprofessur des Schweizerischen Nationalfonds aufbauen kann: Sozialpsychologin Marianne Schmid Mast. (Bild: Roger Nickl)

Wie gelangen Sie zu Ihren Forschungsresultaten?

Bisher wurde in der Forschung oft untersucht, wie Eindrücke, die wir über jemanden gewinnen, unser potenzielles Verhalten steuern. Es wurde aber nicht untersucht, was wir aufgrund dieser Eindrücke dann wirklich tun. Genau dies will ich machen – das ist natürlich aufwändig. Das heisst, wir laden Leute ins Labor ein und lassen sie miteinander interagieren. Wir nehmen diese Interaktionen auf Video auf und analysieren das verbale und nonverbale Verhalten, das die Probanden zeigen. In diesem Zusammenhang haben wir beispielsweise bereits das Dominanzverhalten in sozialen Interaktionen untersucht. Neu werde ich auch mit der Immersive Virtual Environment Technology (IVET) arbeiten – einem Verfahren, das es ermöglicht, per Computer soziale Situationen im dreidimensionalen Raum zu generieren. Probandinnen und Probanden können also virtuellen Personen begegnen. Dies hat den methodischen Vorteil, dass wir genau kontrollieren können, wie die Versuchsperson auf ihr virtuelles Gegenüber reagiert. Die IVET ist für die Sozialwissenschaften Neuland und wurde meines Wissens in der Schweiz bislang noch nicht angewendet.

Wie relevant ist Ihre Forschung für den Alltag? Wo könnten Resultate Ihrer Forschung in der Praxis angewendet werden?

Ein Bereich ist beispielsweise die Schulung von Führungskräften. Im Zusammenhang mit guten Führungskräften wird ja oft von der emotionalen Intelligenz gesprochen, die es braucht, um erfolgreich zu führen. Das heisst, eine gute Chefin oder ein guter Chef ist sensitiv und weiss, was in den Untergebenen vorgeht. Was bedeutet das nun aber genau? Haben solche Führungskräfte zufriedenere Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter – oder haben sie einen besseren Output? Wie zeigt sich die Sensitivität des Chefs überhaupt in der Interaktion mit dem Untergebenem? Und wie reagieren die Mitarbeiter darauf? Antworten auf solche Fragen, die wir untersuchen, können positive Impulse für die Aus- und Weiterbildung geben.

Die Förderungsprofessur ist auf vier Jahre beschränkt: Was planen Sie für die Zukunft?

Die Förderungsprofessur sehe ich als Sprungbrett für eine reguläre Professur. Das heisst, dass ich mich neben dem Forschungsprogramm im In- und Ausland bewerben werde. In der Forschung möchte ich im methodischen Bereich die Möglichkeiten der Virtual Reality weiter erproben. Und: Die Sozialwissenschaften und insbesondere die Sozialpsychologie sind etwas davon abgekommen, Verhalten zu beobachten und zu analysieren. Heute interessieren sich viele Forschende für kognitive Prozesse. Das ist zwar sehr spannend –ich selbst habe viel Forschung auf diesem Gebiet betrieben, dennoch bin ich überzeugt, dass der Interaktion und der Verhaltensbeobachtung wieder vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Wir leben heute in einer zunehmend komplexen Informationsgesellschaft, in der die interpersonale Interaktion und die soziale Wahrnehmung immer wichtiger wird. Diesen Zusammenhang zu klären, dafür möchte ich mit meiner Forschung einen Beitrag leisten.

Roger Nickl ist «unimagazin»Redaktor.

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