Seniorensport

Mit Bewegung zum Glück

Seit 40 Jahren bietet die Pro Senectute Kanton Zürich Seniorensport an. Zum Jubiläum präsentierten Wissenschafter der Uni Zürich an einem Symposium Einblick in Forschungsergebnisse und philosophische Betrachtungen rund um Bewegung und Sport.

Adrian Ritter

Bewegung im Tanz. Elfi Schäfer-Schafroth eröffnet das Symposium mit Ausschnitten aus ihrem Tanztheatersolo «amourire - lieben, sterben, lächeln». (Bild: Adrian Ritter)

Rund 14'000 Teilnehmende können die Angebote des «Kompetenzcenter Bewegung und Sport» der Pro Senectute Kanton Zürich jährlich zur Aktivität motivieren. Das Angebot reicht von Aqua-Fitness über Tennis bis zu Balance-Kursen zur Sturzprophylaxe.

Neben dem gesundheitlichen Aspekt ist für die ProSenectute auch die gesellige Funktion des Sports zentral. «Glücksfaktor Bewegung» hiess entsprechend ein Symposium Ende September im Technopark in Zürich. Die Professoren Mike Martin, Gerontopsychologe am Zentrum für Gerontologie der Uni Zürich, Lutz Jäncke als Neuropsychologe und Hans Ruh als emeritierter Ethiker der Uni Zürich waren aufgefordert, ihre Sichtweisen und Forschungsergebnisse zu präsentieren. Eingeleitet wurde die Veranstaltung durch die Tänzerin Elfi Schäfer-Schafroth, die Ausschnitte aus ihrem Tanztheatersolo «amourire - lieben, sterben, lächeln» zeigte.

Gerontopsychologe Prof. Mike Martin: Sportangebote müssen auf bestimmte Zielgruppen ausgerichtet sein, um erfolgreich zu sein. (Bild: Adrian Ritter)

Die Bewegungsbiographie spielt mit

Sportliche Aktivität wirke sich sowohl auf die Gesundheit, die psychosoziale Situation wie auch auf das Verhalten einer Person aus, sagte Mike Martin. Die Forschung zeige, dass sportlich Aktive sich realistischere Handlungsziele setzen, ein positiveres Selbstkonzept haben und sich sicherer fühlen im Umgang mit anderen Menschen. «Alle nehmen heute an, dass Bewegung gut ist für uns, trotzdem sind längst nicht alle aktiv. In der Schweiz sind beispielsweise nur etwa 30% der Senioren bewegungsaktiv - warum?», stellte Martin die Frage in den Raum.

Diverse «Barrieren» spielten dabei mit - Zeitmangel sei nur eine der häufig genannten. Von Bedeutung sei auch die «Bewegungsbiographie» einer Person. Wer schon in jungen Jahren aktiv war und positive Erfahrungen mit Sport und Bewegung gemacht hat, wird auch im Alter eher aktiv sein. Wer in seiner Jugend Sport aber vor allem als Leistungssport erlebt hat, werde sich vielleicht späterden (vermeintlichen) Anforderungen nicht gewachsen fühlen. Eine Barriere kann aber auch ein Sportangebot sein, welches zuwenig auf bestimmte Zielgruppen wie etwa Übergewichtige ausgerichtet ist.

Wer Bewegung im Alter fördern will, müsse daher einerseits verhindern, dass bisher Aktive aussteigen und andererseits die bisher Passiven zum Einstieg motivieren. «Es sollte vermehrt betont werden, dass Personen mit ungünstigen Ausgangswerten - etwa einer geringer Fitness - von sportlichen Aktivitäten überdurchschnittlich profitieren: Wer es am nötigsten hat, profitiert auch am meisten.» Das Verbesserungspotenzial in den Bereichen Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit oder etwa Blutdrucksenkung sei beachtlich.

Neuropsychologe Lutz Jäncke: Mehr als ein Drittel des Gehirns ist mit der Steuerung von Bewegung beschäftigt. (Bild: Adrian Ritter)

Gefühle steuern Bewegungen - und umgekehrt

Lutz Jäncke zeigte aus der Sicht der Neuropsycholgie auf, dass sich im Laufe der menschlichen Evolution mit zunehmender motorischer Leistungsfähigkeit auch das Gehirngewicht vergrösserte: «Die Entwicklung der Intelligenz ist an den vielfältigen und kreativen Gebrauch der Gliedmassen gebunden.» Mehr als ein Drittel des Gehirns sei nämlich mit der Steuerung von Bewegungen beschäftigt.

Was nun das Verhältnis von Bewegung und «Glück» anbelangt, so sind gemäss Jäncke Gehirn und Gefühle wechselseitig aufeinander bezogen. Gefühle seien einerseits Initiatoren von Bewegungen, andererseits aktiviere Bewegung das Nervensystem, indem Botenstoffe wie Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin ausgeschüttet werden, welche wiederum Gefühle auslösen.

Bei hohen körperlichen Belastungen werde zudem das körpereigene Opiat Endorphin ausgeschüttet: «Die entsprechenden Glücksgefühle kommen allerdings dabei meist erst nach der Anstrengung.» Die Tänzerin Schäfer-Schafroth erzählte dazu: «Ich trainiere oft acht bis zehn Stunden am Tag. Dann fühle ich mich im Paradies.»

Hans Ruh, emeritierter Professor für Ethik an der Universität Zürich: Menschliche Bewegegungen sind nicht nur biologisch, sondern auch als kulturelle Bewegungen zu betrachten. (Bild: Adrian Ritter)

Biologische und kulturelle Bewegungen

Hans Ruh näherte sich dem Glück auf der sprachlichen Ebene. Bereits dort sei Bewegung positiv konnotiert, wie schon die alltägliche Aussage «Es geht mir gut» zeige. Die wesentlichen Dimensionen des Glückes haben gemäss Ruh mit Bewegung zu tun: Glück als Harmonie, Spielen, Gesundheit, Erfahren von Neuem, Tanz, Gestalten oder Begegnen - «wir brauchen Bewegung, um Neues zu erfahren oder eine Begegnung zu machen.»

Glück sei zwar auch ohne Bewegung möglich und der Zusammenhang sollte nicht überbetont werden, zumal es auch Menschen gibt, die sich nicht bewegen können. Gerade im Hinblick auf das Alter brauche es auch eine «Würde der Abhängigkeit».

Seit 40 Jahren hat die Pro Senectute Kanton Zürich Bewegung und Sport im Kursangebot. Gesundheit und soziale Kontakte sollen dadurch gefördert werden. (Bild: Adrian Ritter)

Trotzdem sei Bewegung eine zentrale Funktion des Menschen. Vielleicht darum, weil menschliche Bewegungen im Gegensatz zu denjenigen «anderer Tiere» nicht nur biologisch, sondern auch als kulturelle Bewegungen zu betrachten sind? «Eine Eidechse beim Fitnesstraining - unvorstellbar. Die anderen Tiere rennen im Gegensatz zum Menschen einfach herum», sagte Ruh scherzhaft. Bewegung sei für den Menschen aber auch darum bedeutend, weil er durch sie sich selbst erfahren und finden kann.

Auch historisch betrachtet sei Bewegung für die Menschheit immer zentral gewesen. Sei es, indem sie mit Kult, Religion, Jagd, Krieg oder wie in neuerer Zeit mit Gesundheitsprävention verbunden sei. Die Disziplin der Ethik als dieSuche nach dem guten Leben und Glück sei im übrigen im alten Griechenland aus der Diätik und Gymnastik heraus entstanden.

Adrian Ritter ist freischaffender Journalist in Zürich.